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Wounded Man
Der 69er - oder
When I am 69 ...

Quelle: commons.wikimedia.org Wound-man, 16th Century

Als ich 10 Jahre alt war, wurde ich nach dem Tod meines Vaters gegen meinen Willen zu meiner Großmutter geschickt, die schon damals - pädagogisch und politisch gesehen - nicht alle Sinne beieinander hatte. Ein Jahr später wurde ich, was wohl noch schlimmer war, wieder gegen meinen Willen, in ein katholisches Internat gesteckt. Ich dachte eigentlich damals, es hätte in meinem Leben nicht noch schlimmer kommen können. Nun aber wache ich hoffentlich morgen an meinem Geburtstag mit 69 Jahren auf, und die genannte Zahl wird mir dann deutlich machen, dass alles wohl doch noch schlimmer geworden sein könnte. Das gegenseitige erotische Wohlwollen, das hinter dieser Yin-und-Yang-Zahl steckt, ist einem allgemeinen Durcheinander gewichen. Gerne lasse ich mich heute am Vorabend meines Geburtstags von Freunden, Verwandten und Bekannten zwicken, um festzustellen, dass ich mich doch nicht in einer von Albträumen geprägten Parallelwelt befinde. Alles scheint tatsächlich durcheinander geraten zu sein. Die Opfer oder besser Sieger der „alten“ Kriege werden zu offenkundig realen Tätern und alte Täter zu neuen Opfern. Die Nähe unter Menschen ist schädlich geworden und nur die Distanz verheißt „Gutes“. Das Militär, das für mich eigentlich abgedankt hatte, wird nun durch politisch meinesgleichen neu betankt. In den Medien gibt es zur Trauer keine Trauermusik sondern „lächelnd“ grinsende Gesichter in Werbung und Morning-Shows. Bei der Charity „gehen die Herzen auf“, und mir fällt nur der Unterkiefer vom Munde herab, angesichts solcher Bilder. Wir hungern nicht mehr nach Würsten sondern nur noch nach grausigen Bildern. Selbst der Hunger auf Worte scheint gestillt, weil über den Krieg schon so viel geredet wurde. Und wenn mir jetzt gar nach Frieden dürstet, dann stopft mir jemand Stinger-Raketen ins Maul. Denke ich nur anders und äußere mich darüber, dann weist man mich erst einmal auf den verbrecherischen Charakter meiner politisch unkorrekten Worte hin, und die Zukunft meines Enkels scheint jetzt schon seine Vergangenheit zu sein. Müdigkeit schleicht sich auch ohne long covid ein, und geweckt werde ich vom lauten trara um die neue Inflation. Alles wird aufgeblasen, währenddessen meine Seele „deflated“. Wer hat denn nun den Nagel in den Wohlstandsreifen gedrückt, um die sozialen Pannen zu provozieren? Entnatzifierung ist zum Programm eines inzwischen gesuchten Kriegsverbrechers geworden, und Sozialismus die Parodie einiger weniger Oligarchen. Die Start-Ups schießen für Stundenbruchteile mit der Welt fremden Passagieren zum Mond, und unter mir entschwindet der Boden meiner "geliebten" Erde. Verheimatet mich doch, wenn Ihr mich schon nicht verhaften wollt! Umso beharrlicher kleben wir am Alten und fürchten uns vor dem Neuen. Die Welt macht eine Salto-Mortale-Drehung samt Quantensprung, und ich bin dabei oder besser „drin“. Wenn jetzt selbst Boris Becker demnächst anders drin sein wird, als er sich das ursprünglich wohl gedacht hat, warum soll ich mich dann noch über irgendetwas wundern? 69 scheint die neue Ordnung zu sein. Ob alles auf dem Kopf steht oder auch nicht, irgendwie bleibt doch immer alles dadurch wieder in der Balance. Hoffentlich!

Quelle: Nevit Dilmen, CC BY-SA 3.0

Meine aktuell beiden wichtigsten Lebensmottos (...motti) stammen übrigens schon aus dem vorletzten Jahrhundert: „Die Freiheit lieben, heißt andere lieben; die Macht lieben, sich selbst zu lieben.“


Quelle: https://beruhmte-zitate.de/autoren/william-hazlitt/

Aktuell sind wohl allzu viele von uns in die Macht und somit "nur" noch in sich selbst verliebt. Was "an sich" durchaus als wirkliche Liebe zu sich selbst sogar wünschenswert ist (weil damit ja zumindest unter Romantikern der Versuch der Liebe des Anderen und des Andersseins gemeint sind), ist durch den "Sog der Macht" zur "entarteten Kunst" geworden. Was bleibt ist das Postulat sich an dem wenigen, das vor diesem Hintergrund bleibt, sich um so mehr zu erfreuen, und das viele, das die Kriege in der Welt uns aufnötigen, angemessen zu ertragen.

Hazlitt hat sich ausführlich mit dem "Hass" und der "Verachtung" (despise) der anderen und des anderen beschäftigt, der aktuell immer mehr um sich zu greifen scheint. Daraus resultiert eine schonungslose fast schon pessimistische Weltsicht, die mir persönlich eigentlich eher fremd ist, aber die Analyse scheint zu stimmen: Der Hass obsiegt, weil der Hass so leicht, und die Liebe so schwer ist.

"What does the author say about despising people? What justification does he provide for his advice ? The author says that it is easier for human beings to despise things and other people. For this advice he provides justification that it is human nature to despise other people and things.
Explanation:
In his essay "On The Pleasures of Hating" the author William Hazlitt says that human beings are more inclined to hating things rather than liking or loving it because liking requires more efforts and understanding, but, hatred comes naturally to us because he believes that it is part of our animal nature and hence, it is easier for us to hate and despise things rather than to have a liking for it.
He also provides various examples where people simply hate each other if they are not able to negotiate or they do not have similar opinions about anything because he says that it is easier for us to simply hate them rather understand their point of view." (Quelle: https://brainly.in/question/12959442)

Irgendwie geraten wir nach Hazlitt - mehr oder weniger automatisch - durch die "Leichtigkeit" des Hassens in so eine Art Vorhölle, in der wir uns, obwohl sein Text über den Hass schon Jahrhunderte alt ist, wohl auch gerade aktuell duch den Meinungskrieg um Corona und den realen Krieg in der Ukraine befinden.

"What a strange being man is! Not content with doing all he can to vex and hurt his fellows here, "upon this bank and shoal of time," where one would think there were heartaches, pain, disappointment, anguish, tears, sighs, and groans enough, the bigoted maniac takes him to the top of the high peak of school divinity to hurl him down the yawning gulf of penal fire; his speculative malice asks eternity to wreak its infinite spite in, and calls on the Almighty to execute its relentless doom! The cannibals burn their enemies and eat them in good-fellowship with one another: meed Christian divines cast those who differ from them but a hair's-breadth, body and soul into hellfire for the glory of God and the good of His creatures!" (Quelle: On the Pleasure of Hating by William Hazlitt (1826))

Bleibt nur zu hoffen, dass wir da irgendwie wieder heraus geraten!
Nur passiv dabei zuzusehen reicht aber wohl offensichtlich nicht aus.