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Wir Affen und die menschliche Bildung

(Ein Bericht an die Akademie zu Pisa frei nach Franz Kafka
mit zahlreichen originalen Textauszügen konzipiert und vorgetragen
im Rahmen einer Familienfeier -
um Spenden an den wwf wird gebeten -
aber erst nach folgender Lektüre:
www.kevinbrutschin.wordpress.com/2017/05/16
sowie
www.wiwo.de/technologie/green/living/naomi-klein-umweltschuetzer-sind-schlimmer-als-klimaskeptiker/13547318.html)

Hohe Herren von der Akademie!

Ich mache mich für Sie zum Affen,
Aber sind wir nicht alle Affen?
Nehmen Sie mich, den einzelnen Affen, für die Gattung
und die Gattung für mich, nur der Erkenntnis halber.

Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben und meine menschliche Zukunft einzureichen. In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. …

Nahezu fünfzig Jahre trennen mich schon vom kindlichen Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am ewig währenden Kalender gemessen, unendlich lang aber um so durchzugaloppieren, wie ich es getan habe.

Offen und geheimnisvoll bleibt das menschliche Affentheater, wie dies nun auch die beiden 60-jährigen Geburtstagskinder in den vor ihnen liegenden Jahren des Affen erfahren und erleben werden, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hält sich – um im Bilde zu bleiben – weit von der Barriere.

Das Äffische aber in Ihnen allen, verehrte Akademie, das mag sich während dieses Berichtes selbst befragen, mag gären, bestätigen, ablehnen oder nur unbequem sein.
Das Äffische in den Menschen ist das Gemeinsame, macht neben dem Menschlichen auch deren gegenseitige Verständigung aus. Verständigung - im Sinne von vollständigem Verstehen – ist unter den Menschen höchst unwahrscheinlich. Dazu müssten sie alle in der jeweils gleichen äußeren und inneren Welt sein; Verständigung ist also unmöglich, dennoch findet sie interessanterweise statt, vielleicht sogar heute in diesem Affentheater.

Die Leistung der Vermenschlichung meines eigenen inneren Affen wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen meiner Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn ist aber nun das oberste Gebot der Beobachtung und Analyse, das ich mir für den Vortrag in der Akademie auferlegt habe; ich freier Affe, füge mich diesem Joch.

Nach jenen Schüssen, die mich in freier Wildbahn fesselten und noch heute quälen, erwachte ich – und hier beginnt allmählich meine eigene Erinne­rung – in einem Käfig, im Zwischendecke eines … Dampfers. Der Dampfer, der mich erstmals mit dem Menschsein konfron­tieren sollte, war ein Dampfer gechartert vom Hamburger Tierpark Hagenbeck. Ein liberaler Hansedampfer also beglückte mich im Zwang zur Vorbereitung auf das merkantile menschliche Leben, in der selbst der Affe nur noch als unterhaltsame Ware gehandelt wird. Der Dampfer wurde mir zur Schule und zur Metapher des Menschseins. Die affenbändigende Schule für alle, jeden und jedes ist aber zugleich auch der Ort der durch die doppelte Buchführung geordneten Deutschen Nation.

 


Mein Käfig war kein vierwandiger Gitterkäfig … Man hält eine solche Verwahrung wilder Tiere in Kisten wie Kindergarten und Schule, in der allerersten Zeit für vorteilhaft, und ich kann heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, dass dies im menschlichen Sinn tatsächlich der Fall ist.

Daran dachte ich aber damals nicht. Ich war zum erstenmal in meinem Leben ohne Ausweg; zumindest geradeaus ging es nicht; geradeaus vor mir war die Kiste, die Schulbank Brett fest an Brett gefügt.

Zwar war zwischen den Brettern eine durchlaufende Lücke, die ich als ich sie zuerst entdeckte, mit dem glückseligen Heulen des Unverstandes begrüßte, aber diese Lücke reichte bei weitem nicht einmal zum Durchstecken des Schwanzes aus und war mit aller Affenkraft nicht zu verbreitern.

Es sind aber genau diese kleinen Lücken, die uns durchs Leben tragen, die es zu erforschen und zu entdecken gilt, auf diese Lücken müsst Ihr die volle Energie Eures Affenlebens ausrichten.

Ich soll – wie man mir später sagte – ungewöhnlich wenig Lärm gemacht haben, woraus man schloss, dass ich entweder bald eingehen müsse oder dass ich – falls es mir gelingt, die erste kritische Zeit in Unfreiheit zu überleben – sehr dressurfähig sein werde.

Ich überlebte diese Zeit, aber beklage sich dann nicht der, der frühzeitig in seinem Leben keinen Lärm gemacht hat, dass er im Leben zu kurz gekommen und nur dressiert worden sei.

Dumpfes Schluchzen, schmerzhaftes Flöhesuchen, müdes Lecken einer Kokosnuß, Beklopfen der Kistenwand mit dem Schädel, Zungenblecken, wenn mir jemand nahekam – das waren die ersten Beschäftigungen mit dem neuen Leben.

In alledem aber doch nur das eine Gefühl: kein Ausweg.

Heute nennt sich der menschliche Ausweg Krise. Dies ist der Ort, an dem der Kopf mit aller gebührenden Härte an die Kiste schlägt, aber wo bleiben die menschlichen Antworten, wo die menschenähnliche Vernunft?

Ich kann natürlich das damals affenmäßig Gefühlte heute nur mit Menschenworten nachzeichnen und verzeichne es infolgedessen, aber der Fortschritt der menschlichen Zivilisation scheint in der Fähigkeit zu liegen, den Schmerz der Beengung im Begriff der Kultur zu vergessen.

Ich kann die alte Affenwahrheit wohl nicht mehr erreichen.

Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Das gute Menschsein ist eng begrenzt und in seiner Qualität deutlich vorgezeichnet. Der gute Schüler ist vollständig vorher­sagbar und kann entlassen werden, erst der Fehler ist uneindeutig vielfältig und wirklich frei. Es lebe der schlechte Schüler!

Dieser Gedanke stammt übrigens von dem Naturwissenschaftler von Förster, der auch den klugen Gedanken prägte, dass die an hardfacts orientierten Naturwissenschaften harte Wissenschaften heißen, weil sie die soften Probleme thematisieren, und die soften Geisteswissenschaften heißen softe Wissenschaften weil sie die harten Probleme des Menschseins behandeln müssen.

Ich aber war als Affe ohne Bildung in einer Falle festgerannt.
Hätte man mich jetzt auch noch angenagelt, meine Freizügigkeit wäre dadurch nicht kleiner geworden.

Ich hatte keinen Ausweg, musste mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Also erfolgreich sein im Men­schenleben? Also mitspielen in der Richtung des Vorgegebenen?
Immer an dieser Kistenwand – ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören an die Kistenwand – nun, so hörte ich einfach auf Affe zu sein und wurde Mensch.

Ein klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.

Ich habe Angst, dass man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten Sinn.

Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht … und ich habe auch Menschen kennengelernt, die sich danach sehen.

Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute.

Nebenbei: Mit der Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende Täuschung zu den erhabensten.

Oft habe ich in den Varietés vor meinem Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem Gebiss. Auch das ist Menschenfreiheit, dachte ich, selbstherrliche Bewegung.

Genau diese aber scheint den meisten Menschen, besonders den ach so zivilisierten abhanden gekommen zu sein. Nichts treibt sie selber an, sie werden getrieben.
Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick.

Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen Forderungen. Nur der Ausweg scheint die wirklich menschliche Antwort zu sein. Ein Ausweg, - aber keine Richtung, kein Ziel.

Sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung sein; die Forderung war klein, … die Täuschung würde nicht größer sein.

Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen Armen stille stehn, angedrückt an eine Kistenwand.

Heute sehe ich klar:
ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der anderen selbstbezogenen Ruhe, die mich nach den ersten Tagen in der Gefangenschaft dort im Schiff überkam.

Ruhe und innere Gelassenheit wiederum aber verdanke ich wohl den Leuten vom Schiff. Es waren gute Menschen trotz allem. Der einfache Mensch hat diese Ruhe ohne komplizierte Ideologien und überhebliche Hirngespinste.

Sie, die einfachen Menschen an Bord hatten die Gewohnheit, alles äußerst langsam in Angriff zu nehmen. Wollte sich einer die Augen reiben, so hob er die Hand wie ein Hängegewicht. Ihre Scherze waren grob, aber herzlich. Wenn sie dienstfrei waren, setzten sich manchmal einige im Halbkreis um mich nieder; sprachen kaum, sondern gurrten einander nur zu; rauchten, auf Kisten ausgestreckt die Pfeife; schlugen sich aufs Knie, sobald ich die geringste Bewegung machte; und hie und da nahm einer einen Stecken und kitzelte mich dort, wo es mir angenehm war. Dies ist wohl die wirkliche innere Jugend, die Freiheit von Zwecken frei den eigenen Schabernack zu treiben.

Die zufriedene Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor allem von jedem Fluchtversuch ab. Aus dieser Gemeinschaft will man nicht flüchten. Diese naive zweckfreie Gemeinschaft ist es denn auch, an die wir uns im späteren Alter immer wieder mit Vorliebe zurückerinnern. Älter werden heißt in diesem Sinne wohl zu erzählen, wie es war, wenn man von Zwecken frei, doch etwas zu erleben vermochte, statt nun auch zweckfrei selbst zu erleben. Erst das wirklich zweckfreie spätere Rentenalter der Älteren kann diese junge Freiheit zurückgeben. Aber mit der Freiheit wächst wieder die Angst. Schon deshalb haben Menschen wohl Angst vor dem Alter.

Von heute aus gesehen scheint es mir, als hätte ich zumindest geahnt, dass ich einen Ausweg finden müsse, wenn ich leben wolle, dass dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen sei.

Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich war, aber ich glaube es; einem Affen sollte Flucht immer möglich sein.

Mit meinen heutigen Zähnen muß ich schon beim gewöhnlichen Nüsseknacken vorsichtig sein, damals aber hätte es mir wohl im Laufe der Zeit gelingen müssen, das Türschloß durchzubeißen. Ich tat es nicht.

Was wäre damit auch gewonnen gewesen?

Man hätte mich, kaum war der Kopf hinausgesteckt, wieder eingefangen und in einen noch schlimmeren Käfig gesperrt. Ja des Menschen Schicksal ist wohl, dass es für jeden Käfig einen noch schlimmeren gibt, vor dem er sich dann zu recht fürchten mag.

Ich rechnete nicht so menschlich, aber unter dem Einfluß meiner Umgebung verhielt ich mich so, wie wenn ich gerechnet hätte.

Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe, ein wenig so wie das Geburtstagskind, das wir heute ehren.

Ich sah diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir als wären sie nur einer. Ein hohes Ziel dämmerte mir auf.

Niemand versprach mir, dass, wenn ich so wie sie werden würde, dass dann das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen für scheinbar unmögliche Erfüllungen werden nicht gegeben. Löst man aber die Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch die Versprechungen genau dort, wo man sie früher vergeblich gesucht hat.

Nun war an diesen Menschen zu denen ich ja als Affe jetzt werden wollte an sich nichts, was mich sehr verlockte. Wäre ich ein An­hänger jener erwähnten Freiheit, ich hätte gewiss das Weltmeer dem Ausweg vorgezogen, der sich mir im trüben Blick dieser Menschen zeigte.

Jedenfalls beobachtete ich die Menschen schon lange vorher, ehe ich an solche Dinge dachte, ja die angehäuften Beobachtungen drängten mich erst in die bestimmte Richtung.

Es war so leicht die Menschen nachzuahmen.
Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen.
Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht;
der Unterschied war nur, dass ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres nicht.

Als ich dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich bald die zwei Möglichkeiten, die mir offenstanden: Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterkäfig; kommst du in ihn bist Du verloren.

Und ich lernte meine Herren.
Erst sehr viel später lernte ich wirklich, man lernt nur,wenn man muss; man lernt, wenn man einen Ausweg will; dann aber lernt man rücksichtslos. Der Mensch lernt nur die Probleme, Auswege und Lösungen scheint er nur selten zu wollen.

Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und weg, so daß mein erster Lehrer, wie Lehrer an sich so oft, selbst davon fast äffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mußte.

Glücklicherweise kam er bald wieder hervor.

Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. Als ich meiner Fähigkeiten schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich selbst Lehrer auf, ließ sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere sprang.

Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich.

Ich gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute.

Aber leider ist auch das Wissen eine Chimäre
auch das Wissen ist nur ein weiterer Ausweg.

Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht.

Das wäre an sich vielleicht gar nichts, ist aber insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte.

Es gibt eine ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen, auch ich habe mich jetzt in meine eigenen Büsche geschlagen, ins Berliner Uliversum. Mein Schwager, dessen Geburtstag wir heute feiern, geht dazu in seinen eigenen Keller.

Ich hatte keinen anderen Weg als in die Bildung zu geraten, immer vorausgesetzt, dass nicht die Freiheit zu wählen war.

Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden.

Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich gebührt.

Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen.

Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten dressierten aber doch freien Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht ertragen.

Im ganzen aber habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte, "und das ist auch gut so."

Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen.

Im übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.

Nach diesem Bericht mag das menschliche Affentheater in diesem Sinne nun seinen Fortgang nehmen ...

Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.