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Freitag, der 13., im Berliner Nahverkehr

Ich will an diesem Tag wie gewohnt mit der BVG ins Büro fahren. Auf dem Bahnsteig Boddinstrasse gibt es bereits eine seltsame Anzeige: Kein Zugverkehr. Out of Service. Nun, ich denke ich muss klassischerweise, wie in Berlin häufig üblich, einen Schienenersatzverkehr in Anspruch nehmen. Seltsamerweise warten mit mir noch mindestens 80 Fahrgäste auf dem selben Bahnsteig. Ich denke, schließe Dich erst einmal der Horde an, bevor Du „oben“ auf der Strasse nach dem „Ersatzbus“ suchst. Und tatsächlich gibt es eine erfreuliche Ansage durch den Lautsprecher: „Liebe Fahrgäste, unsere Fahrtrichtungsanzeiger sind gestört. Bitte achten Sie nicht auf unsere Informationen! (sic!, eine erstaunlich ehrliche Aussage der BVG, die ich so noch nicht gehört habe) Zu Ihrem Erstaunen fahren alle Züge auf dieser Linie heute pünktlich!“ Sieh da, welch neue Informationspolitik eines wohl humorvollen Fahrers. Tatsächlich kommt die nächste Bahn und ich steige noch heiteren Gemüts an der Hermannstrasse in die S-Bahn um.

Was war passiert? Der Hersteller des Fahrtrichtungsanzeigers kann sich nicht vorstellen, dass dieser kaputt oder zumindest gestört ist. Dem Personal der BVG bleibt folglich nur die Möglichkeit im Falle eines Ausfalls auf „Kein Zugverkehr“ umzuschalten. Selbstverständlich hat man in einer internationalen Metropole Übersetzer zur Hand, die den Vorrat an Anzeigen entsprechend übersetzen, um auch eine englische Anzeige zu ermöglichen. Die Übersetzung von „kein Zugverkehr“ in „out of service“ ist aber falsch; denn eigentlich hätte auch in der englischen Übersetzung darauf hingewiesen werden müssen, dass der Zugverkehr ausfällt, die Anzeige aber ansonsten in Ordnung ist. In diesem Fall gab aber die falsche Übersetzung die richtige Information, denn tatsächlich fiel ja nicht der Zug sondern nur das Display aus. Es war tatsächlich nur „out of service“, obwohl die Züge weiterfahren.

In der Ringbahn bekomme ich zu meiner Freude, was sonst im Berufsverkehr ganz unüblich ist, sogar einen Sitzplatz. Noch besser gelaunt will ich am Westkreuz in die S-Bahn nach Spandau umsteigen. Dort funktioniert die Fahrtrichtungsanzeige und teilt mir zu meiner Überraschung mit, dass die nächste S-Bahn nach Spandau in 12 Minuten abfährt und die danach nächste in 22 Minuten. Merkwürdig. Die S-Bahn auf dieser Strecke fährt im 10-Minuten-Takt also war meine S-Bahn, die planmäßig in 2 Minuten hätte kommen müssen bereits seit 2 Minuten abgefahren. Nun, das kommt in Berlin fast regelmäßig vor, die Umsteigemöglichkeiten sind selten aufeinander abgestimmt, und die Züge fahren plus minus mehrere Minuten ab und an mehr oder weniger pünktlich.

Nach 12 Minuten kommt auch meine S-Bahn. Ich steige ein, und wundere mich, dass sich alle Fahrgäste im Waggon Tücher und Schals vor die Nase halten. Der Waggon ist mit anderen Waggons durchgängig gekoppelt und auch mir sticht ein extremer Gestank in die Nase, so als ob auf diesen Zug ein Anschlag mit Buttersäure verübt worden wäre. Eine Stinkbombe allerdings riecht anders. Ich suche folglich nach einem Obdachlosen, der sonst oft die Ursache für solch einen bestialischen Gestank in der U- oder S-Bahn ist. Ein solcher bzw. eine solche ist aber in allen drei gekoppelten Waggons nicht auszumachen, und ich steige, weil der Geruch wirklich nicht auszuhalten ist, an der nächsten Station „Messe Süd“ wieder aus, und nehme notfalls weitere 10 Minuten Verspätung in kauf; sehe aber beim Aussteigen, dass es noch einen vorderen Zugteil gibt, der von den Gerüchen des hinteren Zugteils isoliert ist. Ich sprinte also nach vorne, um in den olfaktorisch nicht belasteten Zugteil einzusteigen, und dann vielleicht doch noch einigermaßen pünktlich mit leichter Verspätung am Arbeitsplatz anzukommen. Beim hastigen Einsteigen schließt die Tür mit nicht mehr zu bremsender Gewalt und klemmt meine Jacke so feste ein, dass sie vor der nächsten Haltestelle aus der Klemme nicht mehr zu befreien ist, und zum Amüsement meiner Mitreisenden verharre ich in dieser merkwürdigen Zwangslage bis zur nächsten Haltestelle, wo sich die Tür für mich wie ein Sesam öffnet, und ich nun endlich leicht erschöpft Platz nehmen kann. Draußen regnete es kräftig, der Mantel war nass, und die Lacher auf meiner Seite, die konnte ich gut ertragen, denn inzwischen war ich selbst über Freitag, den 13., entsprechend amüsiert.

Leicht erholt steige ich an meiner Endhaltestelle „Stresow“ aus. Dort möchte ich, als achtsamer Mensch im Gemeinwesen, den Bahnservice darum bitten, den entsprechenden Waggon zu reinigen oder aus dem Verkehr zu ziehen. Dazu möchte ich mich direkt vor Ort der Rufsäule bedienen, mit der ich vor einigen Monaten bereits an gleicher Stelle den körperlichen Angriff durch zwei merkwürdige Typen auf einen Mitreisenden entsprechend mitgeteilt hatte. Diese Angreifer konnten dann damals im Bahnhof Spandau auch wohl vorerst festgenommen werden. Heute aber suche ich die Notrufsäule vergeblich; denn inzwischen hat die Deutsche Bundesbahn die Notrufsäule an diesem Bahnsteig ganz abgebaut – wahrscheinlich aus Gründen der Sparsamkeit, oder weil man die denkbare Kritik der eigenen Kunden über solche Säulen wohl nicht mehr ertragen hat.

Nur gut dass die Berliner Verkehrsbetriebe inzwischen die Parole ausgeben lassen: „Hört nicht auf unsere Informationen!“; was bleibt mir auch anderes übrig, an diesem Freitag, dem 13.

Kleiner Nachtrag:

Heute am 16. Januar ist alles vergessen. Auch der Edeka Einkaufsmarkt-Rundumservice am S-Bahnhof Süd ist schon am Morgen zu meiner Freude voll intakt. Genüsslich kaufe ich dort noch schnell für mein Frühstück und das Mittagessen am Arbeitsplatz ein, setze mich in die S-Bahn, stelle meine Einkaufstasche neben mich und lese in meiner privaten Bibel Martin Bubers "Ich und Du".

Am Westkreuz möchte ich - nach mehreren Stationen spannendster Lektüre - umsteigen, greife hastig nach der Tasche "zur Linken", doch die ist weg. Ich suche verwundert unter dem Sitz und rechts neben mir, da sagt die Frau, die mir gegenübersitzt: "Suchen Sie Ihre Tasche?" Ich, verwundert: "Ja, wie kommen Sie darauf?". "Nun, ...", antwortet die Frau, die mir dadurch nicht gerade sympathischer wurde, fast schon belustigt, "die hat die Frau, die für die S-Bahn die Abteile reinigt, gerade an sich gezogen und mitgenommen. Haben Sie das nicht bemerkt?". Ich brumme nur noch "Nein" ... "und gefragt wurde ich auch nicht!" (Meine Arbeitskollegin, der ich gerade den Rest der Geschichte beim Schreiben dieses Textes erzähle, äußert sich dazu so: "U-Bahn Diebstahl? Den kenne ich, ich halte meine Sachen in U- und S-Bahn immer mit beiden Händen fest.") Neben der Tasche war jetzt auch zu meinem weiteren Ärger die Haltestelle weg, zum Aussteigen ohne Tasche hat es bis zum automatischen Schließen der Türen nicht mehr gereicht. Also Weiterfahrt bis zur nächsten Station: Ausstieg - Rückfahrt, sowie der vergebliche Versuch die Mitarbeiterin mit der Einkaufstasche auf dem Bahnsteig doch noch zu erwischen, und dann wieder in Trance: die schnelle Suche nach der Info-Säule.

Eine solche Info-Säule gibt es hier allerdings im Gegensatz zur Ausstiegsstelle am Freitag, dem 13., in der Tat: "noch". Endlich S-Bahn-Hilfe, endlich S-Bahn-Information!

Es meldet sich eine weibliche Stimme: "Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?". Ich sage: "Eine Mitarbeiterin von Ihnen, die die Waggons reinigt, hat ... (Die Verbindung wird von der anderen Seite spontan unterbrochen). Ich drücke wieder den leuchtenden Knopf: "Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?" Ich antworte inzwischen vorsichtiger und bedachtsamer: "Ich hatte gerade schon kurz mit einer Dame bei Ihnen gesprochen. Mein Name ist ... (Die Verbindung wird wieder unterbrochen.) Inzwischen mehr als erbost lasse ich mich nicht mehr ohne eine Rückmeldung von S- oder Deutscher Bundesbahn abspeisen.

Auf dem Bahnsteig gibt es "noch" eine Aufsicht:

 

 

Im Glasgehäuse daneben, dem Aufenthaltsraum der Mitarbeiter, brennt noch Licht.

Hinter der Lamellenjalousie erkenne ich eine Person, die die "Gardine" leicht zur Seite schiebt.

Ich gehe folglich zum "Eingang" um dort bei ihr den Schaden zu melden.

Ich klopfe, klopfe und klopfe, aber niemand öffnet mir oder regt sich da drinnen.

Bestimmt werde ich bereits mit der Bahnsteigkamera beobachtet, und abends lande ich wahrscheinlich als Beispiel eines renitenten Kunden der Deutschen Bundesbahn kurz vor dem Ausrasten mit dem entsprechenden Video auf Youtube.

 

Klingeln bei der Aufsicht nutzt übrigens nichts; denn die ist defekt.

Inzwischen stehe ich selbst kurz vor meinem persönlichen S-Bahn-Infarkt.

(Januar 2017)