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Die neuen Blockwarte

Unter Blockwart stellt man sich gemeinhin einen Mann vor, und einen garstigen dazu. Der typische Blockwart ist ein bitterer älterer Herr, besserwisserisch und herrisch, fast schon das gleiche Naturell wie der „dirty old man“, wenn ihm zudem nicht auch noch jede erotische Komponente abgeht, die dem letzteren zumindest noch in Form perverser Gelüste unterstellt wird. Literarisch durch den „Herrn Karl“ von Qualtinger in seiner schmierigsten Form verkörpert, und im „Hausmeister Krause“ in seiner komischsten. Der Blockwart ist die richtige Mischung aus Schnüffler und Denunziant und diente im Nationalsozialismus als informeller Funktionär, wenngleich er es in der offiziellen Hierarchie noch nicht mal zu einer ihm gemäßen Anerkennung gebracht hat. Der Blockwart ist trotz seiner Präpotenz, wie der Österreicher sagen würde, seiner Aufdringlichkeit, Frechheit und Überheblichkeit in Wirklichkeit der geborene Loser, der seinen Minderwertigkeitskomplex auf diese Weise auslebt. Langsam allerdings sollten wir uns von dieser engen Vorstellung des Blockwartes lösen, denn zu diesen nach wie vor nicht ausgestorbenen Arten der menschlichen Spezies gesellt sich ein neuer Typus des das Leben für Dritte vorsorgenden Menschen, der es doch stets mit den Anderen „gut“ meint, ein typischer Gutmensch also und mein eigenes persönliches neues Feindbild.

Die DDR, die in vielerlei Hinsicht die unangenehmsten schnüffelnden und bespitzelnden Alltagserscheinungen des Nationalsozialismus im „wohl gemeinten“ „Interesse der Arbeiterklasse“ in ihr „neues“ System zu integrieren vermochte, bestätigte meine persönlichen Verdacht, dass der Blockwart fast schon ein typisch deutsches Phänomen sein könnte, wenn er nicht ebenso doch auch in anderen Ländern zumindest aber in einer gemilderten Form vorkommt. Dort nannte die Stasi die hilfreichen Systemstützen AKP, also Auskunftspersonen, deren Fremdwissen über ihnen verwandtschaftlich, arbeitskollegial oder nachbarschaftlich nahe stehende Personen sich durch fast alle Stasi-Akten zieht.

"Die AKPs sind bisher wenig erforscht. Anders als bei den IMs sind zu ihnen in der Regel keine Einzeldossiers überliefert, aus denen die Vita, ihr Verhältnis zum MfS und ihre Berichte hervorgehen. Ihre Informationen gingen in Personeneinschätzungen ein, in denen mehrere Quellen zusammengefasst wurden. Selten sind am Ende dieser Auskunfts- oder Ermittlungsberichte die Informanten genau genannt. Noch seltener ist aus den Berichten der individuelle Beitrag einer AKP herauszudestillieren. Dies erschwert die Analyse. Daher wurde das Phänomen der AKPs lange Zeit nur gestreift. Dass diese Form der Berichterstattung offenbar ein Massenphänomen in der DDR war, hat man dabei unterschätzt. … Wenn 5 Prozent der Einwohner des Kreises oder mehr bereit gewesen sein sollten über ihre Nachbarn zu kolportieren, sagt das nicht nur etwas über die Arbeitsmethoden des MfS aus. Das ist auch ein wichtiges Indiz für die Art der sozialen Kontrolle in der DDR und die soziale Atmosphäre im Kiez.
Über ihre „Auskunftspersonen“ hat die Stasi Karteikarten angelegt. So wusste sie, wer im Haus als Ansprechpartner infrage kam, wen sie auf der Straße problemlos befragen konnte, wenn sie Leumund oder Gewohnheiten von DDR-Bürgern ausforschen wollte. Solche Berichte aus dem Wohnumfeld waren üblich, wenn sich die Stasi einen ersten Eindruck von jemandem verschaffen wollte. Künftige inoffizielle Mitarbeiter wurden so gecheckt, Staatsfeinde überwacht, spätere Betriebschefs oder Geheimnisträger überprüft.
Es gab in den Archiven des Bundesbeauftragen für die Stasi-Unterlagen mehr als 10 Millionen Personendossiers über DDR-Bürger. Jedes enthielt in der Regel eine Kurzauskunft, die auf Auskünften mehrerer Personen basierte. Was manche immer noch nicht wahrhaben wollen: Dass Menschen dem Staat Auskunft über ihre Nachbarn gaben, war ein Massenphänomen – und die DDR eine höchst indiskrete Gesellschaft. (Die indiskrete Gesellschaft, taz 31.10.2014)


Meine eigene und private persönliche Abneigung gegenüber der DDR speiste sich denn auch weniger aus der Abneigung gegen die verlogene kommunistische Glückseligkeitsphilosophie, die ich an anderer Stelle mit Dostojewskis unübertreffbarer Strukturkritik des Kommunismus aufs Korn genommen habe, sondern vor allem aus dem falsch verstandenen Deutschtum, das die DDR noch mehr als die „alte“ Bundesrepublik verkörpert hat (auch wenn letztere der DDR nie eine wirklich ökonomische Chance zur Entwicklung eines eigenen Gesellschaftsmodells gelassen hat, und die BRD insofern für das Desaster der DDR nach wie vor mitverantwortlich ist).

Doch zurück zu den modernen Blockwarten. Kaum besser als Stephan Oehm in einem Blog der Zeitschrift Der Freitag kann man die Moderne der Bespitzelung wohl kaum beschreiben (und sein Beitrag sei deshalb hier sehr ausführlich zitiert). Er bezieht sich dabei auf den wachsenden Fremdenhass in Deutschland und spricht von der Entwicklung „Vom Blockwart zum Blogwart“ (zuerst erschienen auf Blogspot.de, 09:54 05.07.2016) Er unterzieht dem neuen Blogwart eine sezierende Analyse, die insbesondere so bemerkenswert ist, weil er am Ende auch noch zugibt, was wir alle sollten, dass fast schon „anthropologisch“ ein Stück Blockwart in uns allen steckt, und dass wir folglich primär bei uns selbst darauf achten sollten.

„Die Bürger umtreibt die Sorge, ob denn 'die Rettung von Menschen aus einem Kulturraum, der uns Christen und Mitteleuropäer traditionell verachtet oder gar hasst', wirklich zu verantworten ist. Bringt uns das nicht einzig nur Unfrieden, Gewalt und Kosten? Was ist zum Beispiel mit dem islamischen Frauenbild? Geilen sich die maghrebinischen Grapscher nicht etwa an den sommerlich gekleideten deutschen Mädels so richtig auf? Sind unsere Kinder vor diesen levantinischen Ölaugen noch sicher? Und überhaupt: Was ist mit unserer Lebensqualität?
Die Sorgen dieser Bürger sollen hier nicht klein, auch soll nicht alles schön geredet werden. Wir dürfen nicht die Augen vor den tatsächlich erfolgten Übergriffen auf Frauen und Mädchen verschließen. Vor Diebstählen, Missbrauch oder dem möglichen Einsickern islamistischer Terroristen auf den Flüchtlingsrouten. Aber das muss in aller Nüchternheit geschehen. Stattdessen werden wieder einmal archaisch-dumpfe Urängste vor dem Fremden, Anderen, Unbekannten bedient, wird an niedere Instinkte appelliert, das Fremde nicht Bereicherung, sondern als Bedrohung empfunden. Alle, die nicht zum ‚Wir’ gezählt werden, geraten unter Generalverdacht. Alte völkische Denkmuster werden da, wo Menschen nicht mehr nur sprachlich, sondern auch wortwörtlich ausgegrenzt werden, an die Oberfläche gespült.
Höchste Vorsicht ist geboten. Zentrale christliche Werte werden ausgehöhlt, deutschnational aufgeladen, demagogisch umgewidmet. Aus der objektiven Faktenlage ergibt sich keine hinreichende Erklärung dafür, warum subjektiv eine Gefahrenlage vorliegt. Die vermeintliche Überfremdung dient als Drohkulisse, bei der das imposante Bühnenbild einer Gefahr für abendländische Kultur und Hemisphäre gerade groß genug ist, um darin die als real empfundene und damit für den besorgten Bürger real existierende Angst zu betten.
Die als unmittelbar und ganz persönlich empfundene Bedrohung jedes Einzelnen erfährt hier seine irrationale Überhöhung. Übersteigerung. Mystifizierung. Rationale Argumente ziehen nicht mehr. Darauf wies der SWR-Intendant Peter Boudgoust erst jüngst in einem Interview hin: 'Menschen mit einer vorgefassten Meinung lassen sich fast nie von gegenteiligen Informationen überzeugen. Fakten dringen nicht mehr zu ihnen durch – und sie interessieren viele Menschen auch nicht mehr.'
Der Muslim von heute ist der Jud’ von morgen. Das lehrt uns die Geschichte. Die Kennzeichnung des Fremden ist eine Variable. Je nach Gemengelage wird sie mit der Gruppierung besetzt, die gerade opportun ist. Waren es gestern die ‚Judenfreunde’, sind es morgen die Verfasser von Zeilen wie diesen, diese Gutmenschen, Nestbeschmutzer, Vaterlandsverräter, die dann, wenn man schon mal dabei ist, flugs mit in Sippenhaft genommen werden.
Es ist wieder an der Zeit, dass simplifizierende Gegensätze gepredigt werden. So schafft man sich seine kleine heile Welt, seine Ordnung in solch unordentlichen Zeiten. Da weiß man, was man hat. Und woran man ist. Man bewegt sich zielsicher nur in solchen Kreisen, die die eigene, vorgefasste Meinung bestätigen – und mit jeder dieser Bestätigungen wächst der Glaube an die unerschütterliche, absolute Wahrheit und Wucht der eigenen Meinung: Die eigene Wahrheit als die einzige Wahrheit.
In solchen Momenten spürt man sie fast schon körperlich wieder wirken, diese schlichten Denk- und Entscheidungsstrukturen. Gut vs. böse. Wahrheit vs. Lüge. Recht vs. Unrecht. Positiv vs. negativ. Ein bemerkenswert gegenläufiges, rückwärtsgewandtes Phänomen im Zeitalter der digitalen Revolution übrigens, welches völkische Ideologien strukturell aufs Schönste mit dem salafistischen Doktrinärislam ebenso verbindet wie mit der 'kreationistischen Internationalen' (F.W. Graf), den Pfingstlern oder den Evangelicos in Nordamerika, letztere allesamt fundamentalistische Christentümer.
Schlüssige Gegenargumente werden von Anhängern dieser konsequent hierarchisch und gruppendynamisch, also antiindividualistisch ausgerichteten Strömungen zunächst als Beweis völliger Naivität und Verblendung der ‚Anderen’, später dann als persönliche Beleidigungen und, zu unguter Letzt, als Bedrohung empfunden – für Glauben, Volk, Ethnie, Zukunft, Vater- und Abendland etc.pp.
Da, wo ich mich subjektiv bedroht fühle, drohe ich zum Opfer zu werden. Dem muss ich vorgreifen. Und in einem Akt vorauseilender Notwehr für Ordnung sorgen. Ein geradezu klassischer Argumentationsstereotyp: Ich vermute, dass ich geschlagen werde. Also schlage ich zuerst. Wobei völlig unerheblich ist, ob der andere mich tatsächlich hätte schlagen wollen. Hier ist das Opfer der eigentliche Täter, der Täter das wahre Opfer. Und alle Folgen haben die als die eigentlichen Täter entlarvten vermeintlichen Opfer zu verantworten.
Groucho Marx hat dieses an Paranoia grenzende Phänomen einmal in all seiner grotesken Absurdität persifliert: In der bitterbösen, satirischen Komödie „Duck Soap“ (dt. ‚Die Marx Brothers im Krieg’, 1933) verkörpert er Rufus T. Firefly, den verrückten Diktator des Zwergstaates Freedonia, der dem Botschafter des Nachbarlandes eine schallende Ohrfeige verpasst und damit einen Krieg auslöst. Einfach deshalb, weil Firefly sich in den Gedanken hineinsteigert, dass diese Hyäne von Botschafter die Unverschämtheit besitzen wird, ihm bei einem Empfang den Handschlag zu verweigern, um ihn so vor allen Anwesenden lächerlich zu machen.
'Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.' Dieses Phänomen haben die beiden amerikanischen Soziologen Dorothy Thomas und William Thomas 1928 beschrieben: Sehe ich in jemandem eine Bedrohung, ist er für mich eine Bedrohung. Subjektive Wahrnehmung und objektive Realität fallen auseinander. Ich reagiere auf etwas, was nicht der Fall ist. Und provoziere so die Konsequenzen, die ich prophezeit habe.
So etwas in der Art steht uns auch wieder bevor. Neuerdings patrouillieren diverse Selbsthilfegruppen besorgter Deutscher, alles gute und ehrenwerte Bürger, durch die Straßen. Gerne in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften, besonders im wilden Osten. Immer auf der Suche nach marodierenden Horden vorzugsweise muselmanischer Herkunft.
Auch in der digitalen Nachbarschaft geschieht dies nunmehr vermehrt. Dort, wo der Blockwart zum Blogwart wird, sehen es einige als ihre ureigenste, heilige Aufgabe an, die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen. Die Augen aufzuhalten. Aufzulisten. Zu überwachen. Zu protokollieren. „Unzensiert“ zu melden, was sich fremdländische Gestalten in diesem unseren Land so alles herausnehmen. Und diese Vorfälle sodann, „ob Masseneinwanderung, Deutschlands tägliche ‚Einzelfälle’ und weitere ‚Kulturelle Bereicherungen’ “ für alle gut sichtbar ins Netz zu stellen.
Der Blogwart, 'ein allgegenwärtiges Instrument der Überwachung'. Aber Obacht – nicht, dass sich jetzt alle, die diesem Befund im Wesentlichen zustimmen, in Sicherheit wähnen: Der Archetypus dieses guten Deutschen ist der Jedermann. Der steckt in jedem von uns. Also auch in Ihnen. Und, ich sag’s nur ungern, auch in mir.“


Harald Stutte befürchtet in der Frankfurter Rundschau die Renaissance des Blockwartes in Corona-Zeiten und das Ausland beobachtet uns inzwischen dabei: Macht Corona uns zu Denunzianten? (Frankfurter Rundschau 6.4.2020)


„Was macht Corona mit uns? In britischen Medien erschien jetzt ein Artikel der Nachrichtenagentur Reuters, der beschreibt, wie in Deutschland der alte Stasi-Denunzianten-Ungeist im Schatten der Corona-Restriktionen wiedererwacht. Und so stellt sich die Frage: Sind wir ein Volk von Petzen?
Deutsche würden ihre Nachbarn umschleichen, die gegen die Virenregeln verstoßen, in Anlehnung an die Vergangenheit der Stasi, heißt es da. „Gesetzestreue Deutsche helfen der Polizei eifrig dabei, gegen Menschen vorzugehen, die gegen das Kontaktverbot verstoßen, indem sie über Fremde, Nachbarn und Freunde berichten.“ Und dann werden Beispiele aufgezählt.
Ist das nur der Neid eines Nachbarlandes, das bislang mit den Folgen der Pandemie viel größere Probleme hat als das viel besser organisierte deutsche Gesundheitssystem?
Offensichtlich wächst in Deutschland tatsächlich die Bereitschaft, angebliche oder vermutete Verstöße in der Nachbarschaft den Behörden zu melden – zumindest wird in sozialen Netzwerken darüber viel berichtet. In Stuttgart wurden die Betreiber einer Shishabar von den Nachbarn denunziert, 26 Menschen rauchten dort Wasserpfeife. Die Polizei musste die Tür aufbrechen.“

Nun würde ein Blick nach China reichen, um zu wissen, dass es durchaus noch schärfer geht als in Deutschland, und dass immer wieder scheinbar zu recht die Furcht vor dem Untergang der „Freiheit“ des Abendlandes und somit eine Big Data Diktatur droht:


„Tatsächlich hatte sich Spengler (1880–1936) eine posthumane Gesellschaft ausgemalt, in der der Geist "rechenhaft" und der Mensch zum Anhängsel seiner Maschinen wird. "Nur die Zahl hat noch Wert." Neue Herrschaftstechniken verwandeln selbstbewusste Bürger in schicksalsergebene Fellachen. "Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit." In der englischen Übersetzung heißt Spenglers Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes übrigens Decline of the West.
Adorno schrieb seinen Essay im Jahr 1950, das heißt, er dachte über das Ende der liberalen Demokratie zu einem Zeitpunkt nach, als es nicht den geringsten Zweifel an ihrer Zukunft gab. Nun muss man den Teufel nicht an die Wand malen, aber es darf einen durchaus nervös machen, wenn man sieht, mit welchem Hochdruck die chinesische Regierung ein Projekt vorantreibt, das sich ausnimmt wie eine exportfähige Alternative zum westlichen Liberalismus. Unter dem harmlosen Namen "Sozialkreditsystem" erprobt China eine neue Methode der Menschenführung, die so gespenstisch, so radikal ist, dass es allen, die sie aus der Nähe betrachten konnten, die Sprache verschlug. Ein ungenannt bleibender Ökonom von der Universität Peking sagt es der SZ so: "Solch ein System gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit. Noch nirgendwo auf dem Erdball. Wir sind die Ersten." Der Mann hat recht.“ (Die Big-Data-Diktatur, Thomas Assheuer, Zeit Online, 29.11.2017)


Doch zurück zu den Gutmenschen. Spenglers angstmachende Prognose "Man will nur noch denken, was man wollen soll, und eben das empfindet man als seine Freiheit." wächst gerade im Kontext der Krisen des Klimawandels und der Pandemien oft schleichend und nur wenig bemerkt immer mehr in die Köpfe, Herzen und Seelen von uns allen hinein.

Das Gute kann man aber weder zeitlos bestimmen noch durch soziale Kontrolle erzwingen, weil es dann eben nicht mehr gut ist. Nach der radikalsten Kritikerin des Gutmenschentums Hannah Arendt ist das Gute zudem genuin nicht öffentlich. Wer sich des Gutmenschentums "
öffentlich" dünkt, möglichst um sich selbst auch noch zu schmeicheln, ist wohl eher ein „schlechter Charakter“.

Ja, wir wissen und haben so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was in Hinsicht auf Abstand und Hygiene bei Corona geboten ist. Aber diesen teilen nun einmal nicht alle Menschen und die gehören nicht zwangsläufig ins Gefängnis, obwohl sie zu Gefährdern für Dritte werden. Hier fällt die Debatte immer wieder auf die Freiheit in der Unfreiheit oder die Unfreiheit in der Freiheit zurück.


In Mülheim gibt es nun ein „Social Media Command Center“. Wäre der Beitrag, der mich darüber informierte, nicht in der Lokalzeit Ruhr des WDR am 2. Juni 2020 sondern am 1. April erschienen, so hätte ich noch an einen Aprilscherz gedacht. Aber die Lage ist ernster. Das Gutmenschentum breitet sich aus und will nun auch in Deutschland mit neuen Techniken die Welt retten. Dort, in Mülheim wird nämlich systematisch mitgelesen, was Mülheimer Bürger in den sozialen Medien so posten. Damit können die Mitarbeiter "Hotspots" des öffentlich gewordenen Fehlverhaltens aufspüren.

Ganz gelassen in wohlwollender Gutmenschen-Attitüde äußert sich der Mitarbeiter der Stadtverwaltung Mülheim vor der Kamera so: „Wir hatten zum Beispiel den Fall dass es 'ne Verabredung gab - relativ am Anfang der Krise – als gerade die ersten Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten sind, dass es eine Verabredung von über 100 Leuten gab in der müga. Das ist eine große Parkanlage hier in der Stadt Mülheim an der Ruhr. Dass die sich dort treffen wollten, um zu feiern. Und wir haben über die sozialen Medien dies sehr frühzeitig erfahren und Bescheid bekommen quasi. Haben das gesehen und konnten dann aktiv dagegen arbeiten.“

Der AKP der DDR in der Kooperation mit der Stasi ist also gar nicht mehr nötig. Er wird somit weg“ratio“nalisiert und durch das Kontrollzentrum im Netz ersetzt. Welch widerwärtige Perspektive, und genau um die Bewahrung der Blog-Freiheit im Netz ohne solche Denunzianten und Spitzel geht es mir in diesem Beitrag.


Zur Erleichterung des Denunziantentums in Corona-Zeiten hat die Stadt Essen sogar ein eigenes Formular entwickelt, und letztlich gibt es da ja auch noch die Internetpolizei, die eigentlich nur für gravierende Delikte genutzt werden sollte.

Aber was ist nun mit Aufrufen zu kriminellen Handlungen und zur Gewalt im Netz? Ich denke die Kontrolle darf nur dort zu juristischen Konsequenzen führen, wo Offizialdelikte beginnen. Nicht die Kontrolle öffentlich geäußerter gesetzeswidriger Meinungen, Aufrufe oder Tatbestandsbeschreibungen sind das Problem, sondern vielmehr der Zwangscharakter, mit dem auch nur einfache Ordnungswidrigkeiten das Recht einzelner Bürger betreffen, kleinere Regelverstöße zu begehen. Wenn alles und jeder in jeder Situation beobachtet wird bzw. werden kann, dann sind der Willkür Tür und Tor geöffnet. Auch mit dem Risiko der Uneinsichtigkeit mancher Menschen müssen wir rechnen und leben, da wir eben alle keine Engel sind. Ja, es ist richtig zum Beispiel in Göttingen, mit vielen betroffenen Personen beim nachgewiesenen gravierenden Verstoß gegen Abstands- und Hygieneregelungen, dann durchaus auch zwangsweise Coronatests zu verlangen. Aber der Respekt vor dem Menschen an sich verlangt auch den Respekt vor den kleinen Rechtsbrüchen und Sünden des Alltags, wie gerade die aktuellen amerikanischen Verhältnisse beweisen. Das Gewaltmonopol des Staates muss maßvoll und mit Bedacht eingesetzt werden. Das Gutmenschentum darf und sollte sich nicht darüber hinweg setzten. Einerseits brauchen wir mehr Regeln um Krisen zu bewältigen, anderseits je mehr Regeln, umso mehr Regelbrüche. Bei kleineren Verstößen oder auch nur unbeabsichtigten Fehlern sollten wir eben gütig und generös sein. Dies gilt übrigens auch im Straßenverkehr, Ihr Gutmenschen und Aktivisten!


Oft wollen Menschen nur das Beste und "ihre" jeweilige "Ordnung und Sauberkeit" für alle und jeden. Der Bürger meint es mehrheitlich gut und endet dann doch oft nur wieder als Denunziant. In Deutschen Kleingärten beispielsweise, lauern auch nach der Befreiung von den Blockwarten der Nazis und der DDR die Blockwarte noch heute an jeder Ecke. Sie scheinen wie Unkraut quasi natürlich zu wachsen, obwohl sich das Unkraut wenigstens jährlich bzw. fast schon täglich jäten lässt, und in der Bio-Kultur etwas klüger als Beikraut begriffen wird, dessen Vorteile man sich durchaus auch bedienen kann. Natürlich gibt es auch in den Gärten Regeln, aber müssen die immer befolgt werden? Mir fällt es allerdings nach wie vor sehr schwer die Blockwarte mit der von ihnen behaupteten Regelkonformität ihres eigenen Lebens als positives Beikraut zu begreifen, selbst dann wenn sie sich als Gutmenschen mit besten Absichten gerieren, und doch ist es richtig so, denn auch ihnen sollte eine gewisse Sympathie für das Humane an sich zuwachsen. Sie bemühen sich ja stets zuvorkommend um ihre Nachbarn, und sie können im Alltag ja auch so „hilfreich“ und „nützlich“ sein ;-)).

Der Archtetyp des gartenzaunschützenden Blockwartes hat aber an Boden verloren. Die neuen bürgerlich elitären Blockwarte geifern gegen mehr, gegen allgemeine Einstellungen und Verhaltensweisen wie "rechte" und konservative Heimatliebe, Konsum an sich, Atomenergiebefürwortung, Parkplatzblockaden bzw. Parken in zweiter Reihe, unangemessene Abfallablagerung, Fleischkonsum, schnelles Rasen, lautes Lärmen, Alkohol- oder Drogenkonsume oder primitive Formen der Unterhaltung im Privatfernsehen und alles andere, was den menschlichen Umgang miteinander oder die Natur gefährdet oder gar zerstört. Indem die neuen Blockwarte eben sehr wohl auch recht haben, dass wir uns entweder um eine schonendere, nachhaltigere Welt ohne unnötige Gefährdungen oder um ein weniger spießiges abenteuerliches multikulturelles Leben kümmern sollen, meinen sie zugleich auch das Recht zu besitzen von allen anderen "alles" Gute unmittelbar einfordern zu können. Oft erfinden sie sogar "eigene" Regeln der Abwehr wie das Fahren bei Rot, entgegen der Einbahnstraße oder über die Bürgersteige mit dem Fahrrad, Drogenkonsum in kleinen Mengen oder verschworene Zusammenkünfte an "verbotenen" Orten. Die sympathische Rebellion und Revolte der Jugend wird dann nicht mehr auf den sozialen Gemeinsinn befragt. Das macht ihre eben auch bigott pharisäerhafte und totalitäre Seite aus, und das unterscheidet sie dann auch nur sehr begrenzt von allen Totalitären der Vergangenheit, die letztendlich "Systeme des Guten und Richtigen" (in ihren Augen) einforderten und schon kurze Zeit später mit Gefängnissen oder Konzentrationslagern für die Nichtwilligen aufwarteten.


Ist das rigide Fordern nach der Einhaltung „aller“ Regeln nun typisch Deutsch? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist es be“scheuer“t, wie man verkehrstechnisch im Umgang miteinander heute so spricht, sowie in jeder Hinsicht bedrohlich und unnötig, wenn für alles eine Regel und eine "soziale" juristische oder technische Kontrolle gefunden wird, ob in "guter" oder "böser" Absicht.

Da braucht man ja gar nicht mehr ins Gefängnis, um sich eingeschlossen zu fühlen. Da möchte man fast - bei einer totalitären Überwachung von Abstands- und Hygienevorschriften - sofort den nächstbesten unbekannten Fremden umarmen und trotz Corona-Regeln oder -verboten feucht küssen, nur um zu beweisen, dass man in einer solchen Welt nicht oder nicht mehr leben möchte.

Es muss auch nach wie vor das Recht der Bürger bleiben, zu bezweifeln ob die Gefährdung wirklich so groß ist, wie staatlicherseits behauptet, und man muss ebenso bezweifeln dürfen, ob alle „Mittel“ durch die „Verhältnisse“ auch geheiligt sind. Und damit ist keinesfalls Beifall für die sich aktuell um sich greifende Neue Sorglosigkeit gemeint. Darüber ärgere ich mich zwar sehr, aber ich habe kein Recht einen Menschen, der sich mir - von mir ungewollt- mit weniger als 150 cm Entfernung annähert, sofort zu erschießen.


Die letzte „Freiheit“ indes mich durch den Selbstmord oder besser Freitod von solch einem Unsinn des Gutmenschentums als Gesamttendenz unserer Gesellschaft zu verabschieden, die nehme ich mir erst dann, wenn es wirklich nötig werden sollte; denn den Sieg dieser Beschützer, der Gutmenschen mit bedrohlichem und strafendem Verhalten in „meinem“ abstrakten Interesse, den gönne ich diesen noch nicht. Dazu gefällt mir das Leben an sich, ob mit oder ohne Denunzianten und Blockwarten noch zu sehr.