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Ein Buch ist wie ein Mensch ... -
... und ein Mensch ist wie ein Buch -
eine "abstrakte" Liebeserklärung
an beide

Menschen sind ähnlich wie Bücher und
Bücher ähneln uns Menschen.

Kaum hat man sich untereinander gegenseitig zur Kenntnis genommen, scheint das Interesse füreinander - nur inspiriert durch die akute Neugier - bereits schnell wieder erloschen oder gar "veraltet" zu sein.

Zwischenmenschliche Kontakte entstehen sowohl freiwillig, zufällig, mutwillig als auch zwangsläufig; dem Buch hingegen wird bis auf das "Lehr"buch in der Regel wohlwollend immer eher Sympathie und Muße entgegen gebracht.

Bücher werden nachläufig auf der Basis von Manuskripten produziert, menschliche Kontakte sind hingegen oft meist nur vorläufig.

Bücher erinnern uns insofern an die flutende mangelnde zwischenmenschliche Treue, die nach dem wechselnden Interesse für einander oft selbst die tiefste Zuneigung unter uns Menschen zeitlich zerfließen lässt.

Und doch wohnt jedem Buch - wie jedem Menschen auch - ein besonderer Zauber inne.

Das Buchcover entspricht dem allzu schnellen und allzu falschen Eindruck, den wir auch auf den ersten Blick von einem Menschen bekommen. Dafür inszenieren wir Menschen uns wie ein „Cover“ mit Frisur, Kleidung, Kosmetika, kleinen Accessoires oder unserem privaten Environment für die Welt, die uns umgibt.

Der Autor eines Buches kann als Denkwerker oder Gedankenmaler betrachtet werden, obwohl auch der unterschätzte "Hand"werker viel mehr ein Denkwerker ist als wir meinen. Das Buch tritt auf wie ein kluger und gebildeter "Facharbeiter", bescheiden aber selbstbewußt.

Oft also verwenden wir "falsche" Worte, ob für Bücher oder Menschen, sowohl am richtigen wie auch am falschen Platz. Das Buch kann als solches nicht wirklich entwertet werden, auch wenn sich schon hinter seinem Namen seine „holzige“ Natur verbirgt.

Ebenso wie in Büchern Gedanken gemalt werden, denken und malen wir Menschen uns auch ein Bild von uns selbst, das wir in die pompöse Galerie der Gemeinsamkeiten für die Leser und Interpreten unserer Person stellen.

Das gegliederte Inhaltsverzeichnis eines Buches gaukelt eine gewisse durchdachte Vollständigkeit vor, die wenn überhaupt nur für das begrenzte Wissen innerhalb der Momentaufnahme der Entstehung des Manuskriptes gelten kann. Das Buch spiegelt folglich nur das relativ enge und begrenzte Interesse des Autors kurz vor dem Zeitpunkt seiner Entstehung wider, so wie die momentane instantane Betrachtung eines Menschen durch einen Zweiten oder gar Dritten auch nur die engen Fragen zu beantworten vermag, die letztere an erstere explizit oder implizit gestellt haben.

Bücher können problemlos rückwärtig gelesen werden, also von hinten nach vorne, von der Pointe zum Witz, von der Vorgeschichte zum Happy End oder von der Conclusio zu den Annahmen und Voraussetzungen dafür.

Beim Menschen gelingt das eher nicht. Man versucht das in gewisser Weise dadurch auszugleichen, dass man den Menschen auf seine "Vor"-Geschichte hin befragt, bevor man ihn dann danach beurteilt. Das führt aber eher in die Irre, weil die Voraussetzungen beim "Lesen" des Anderen anders als beim Buch nicht direkt auf der Hand liegen.

Was bei der Wirkungsgeschichte eines Buches mit Lektor und Verlag das veredelnde Team seiner Entstehung ausmacht, sind beim Menschen eine ganze Vielzahl von Beteiligten, nämlich die Eltern, Partner, Kinder, Freunde, Nachbarn, Ausbilder, Arbeitskollegen, Vorgesetzten, Bekannten, Lehrer oder gar Ärzte bzw. Psychologen, die eine Korrektur in Hinsicht auf den richtigen bzw. besseren und erfolgreicheren Text des Lebens bedeuten.

Auch Bücher sind wie wir Menschen an gesetzliche Vorgaben und Regeln gebunden, gegen die sie nicht verstoßen dürfen. Nicht alles, was ein Autor ausdrücken oder schreiben möchte, darf in Büchern geschrieben werden, wie auch wir Menschen nicht alles, was wir leben möchten, leben dürfen.

Man kann mit Menschen wie mit Büchern leben, und dann bekommen beide plötzlich eine Geschichte. Man kann durch diese Gemeinsamkeit in der Zeit Bücher sogar genauso wie Menschen lieben. Man kann sorgsam mit ihnen umgehen, oder sie solange vernachlässigen bis sie verstauben, verschimmeln, verrotten oder gar zerfallen.

Bücher vermögen es wie andere Menschen auch in schwierigen Lebenssituationen Freude zu spenden, und sie werden zu einem guten Freund, mit dem man vergnügliche Stunden gemeinsam zu teilen vermag.

Die Freundschaft zu einem Buch kann man sogar spontan verschenken, während das Teilen von Freundschaft unter Menschen doch zumeist komplizierterer und komplexerer Initiations- und gegenseitiger Kennenlernrituale bedarf.

Anders als das Buch schreibt sich der Mensch allerdings selbst ständig fort. Insofern wäre der modernere Blog oder der Tweet eigentlich die dem Menschen medial angepasstere Form, wenn diese wiederum aufgrund ihrer Kürze und Aktualitätsbezogenheit oft nicht nur einfach allzu oberflächlich, weniger gründlich und infolgedessen meistens deshalb auch weniger durchdacht wären.

Meine Bücher leben allerdings in gewisser Weise auch wie ein Lebewesen. Indem ich in ihnen anstreiche, unterstreiche und an den Rändern meine Bemerkungen unterbringe, werden sie vereinzelt immer wieder auch zu Unikaten mit einer eigenen Geschichte, meiner Geschichte des Lesens oder des Nicht- und dann Doch-Begreifens.

Genau so wie der Fast-Food-Tweet führt auch eine mangelnde Ernsthaftigkeit und die allzu schnelle, also vorschnelle Begriffsbildung vom "Anderen" oder Bubers "Du" im Gespräch miteinander den eher oberflächlichen Überleser - selbst eines gründlichst geschriebenen Buches - weg von seinem eigentlichen Gehalt. Viele Bücher werden wie viele Menschen auch dadurch unangemessen wahrgenommen, leer gelesen oder unterschätzt.

Oft erkennt man die wahre Bedeutung eines Buches erst dann, wenn man es ein zweites, drittes oder gar viertes Mal in die Hand nimmt, so wie oft auch erst die späteren „neuen“ Begegnungen mit einem Menschen nach einem ursprünglich ganz falschen spontanen primären Eindruck eine vielleicht viel wesentlichere überraschende Ahnung davon verschaffen, was in dem Anderen an Wert und Qualität tatsächlich steckt. Freundschaften entstehen nur so und die Liebe vertieft sich auf die gleiche Art und Weise; leider oft ebenso konsequent die Abneigung und sogar der Hass.

Die eigenen Bücher, die hasst man zwar nur selten, schon deshalb weil man sie zumeist gar nicht erst kaufen würde, doch auch sie unterliegen einem beständigen Wandel ihrer Wertigkeiten. Und die Bücher, die man nicht mehr mag, die stellt man einfach an eine weniger prominente Stelle im eigenen Bücherregal. Sie wandern in den Hintergrund oder gar in den Keller als tiefste Form der Verachtung und Erniedrigung, wo Frau oder Mann sie dann praktisch gar nicht mehr "wahr" nehmen.

Menschen, gegen die man in der Zeit eine gewisse Abneigung entwickelt hat, lassen sich nicht so einfach wie die Bücher an einen andern Ort manövrieren oder be"handeln", wie man das heute neudeutsch im newspeak so nennt. Irgendwann trennt man sich aber doch von ihnen, oder man vergisst sie mit der Zeit; und insofern lässt auch deren Bedeutung sukzessive mehr oder weniger zwangsläufig bald nach.

Spannender stattdessen sind deshalb die Fortentwicklung von Liebe und Zuneigung zu Menschen und Büchern in der Zeit: Kaum erklärbar. Wahre Wunder der Erkenntnis können durch Bücher wie durch die Menschen entstehen. Und meist erleben und erträumen wir Rezipienten mit unserer abgöttischen Liebe und Zuneigung zu bestimmten besonderen Büchern ein nur vermeintliches Feedback des gegenseitigen Verstehens wie auch zu den menschlichen Objekten unserer Begierde - vor allem dann, wenn sie uns wie der "hohe" Geist des Buches - schier unerreichbar erscheinen: dann aber bleibt die Leidenschaft eben still und geheim.

Einem Buch kann man direkt als ein Werk kein explizites Lob und auch keine verbale Bewunderungen wie einem Menschen gegenüber erbringen, höchstens seinem Autor. Mir sind nur wenige ungeliebte und unerwünschte „Stalker“ von Büchern bekannt, wohingegen es diese für ihre Autoren und auch sonstige Menschen "an sich" sehr wohl geben kann.

Das Buch spricht nicht mit uns und wirkt beim Lesen doch immer wieder auf eine ganz geheime Weise als ein leises geduldiges eigenes Dasein und Sosein, das uns inspiriert.

Die stille und nicht in Sprache gebrachte "heimliche" Bewunderung für einen anderen Menschen - in welcher gedanklichen Dimension auch immer - ist vielfach die entscheidende Grundlage dafür, dass man sich um ihn sorgt, was letztlich wohl die zugleich intimste wie auch die wertvollste quasi uneigennützige Form des Umgangs unter uns Menschen darstellt.

Auch um Bücher kann man sich sorgen. Man kann sie pflegen; und doch verlieren die „gedruckten“ Bücher heutzutage erstaunlicherweise physisch immer mehr an Wert. Die Digitalisierung des Buches hat dieses selbst, mit seiner eigentümlichen Aura und Haptik, eigentlich schon grundsätzlich und an sich getötet.

Bücher können bereits ohne dass wir sie gelesen haben in ihrer "Aufmachung" für uns einen gewissen Charme und ein eigenes Charisma haben. Das merkt man allerdings oft erst dann wenn man den gleichen Text in ganz unterschiedlichen Varianten, ob als Paperback oder gebunden in Leinwand unter diversen aufwändigen Buchdeckeln und inzwischen selbst als ein PDF oder EBOOK, präsentiert bekommt.

Manchmal ist der Käufer eines Buches von seinem Klappentext so begeistert, dass er meint ohne das Buch in seinem Regal gar nicht mehr auskommen zu können, und dann merkt man oft erst sehr viel später, dass man über einen solch gerafften Text im Stenografie-Format geistig und gedanklich gar nicht hinausgekommen ist. Ich kann für meinen Teil nur sagen, dass ich mehrere Leben leben müsste, um all die von mir gekauften Bücher auch tatsächlich zu lesen. So wird aus dem Lesegourmet sehr schnell ein peinlich oberflächlicher Lesegourmand.

Ungenutzte Bücherwände sind die Folge dieser Kauf"wut", und gerade auch unter den sogenannten "Intellektuellen" grassiert zur Selbstdarstellung das weit verbreitete Mißmanagement von Literatur- und Wissens-Ressourcen. Der geistige Bildungsprepper will auf jede Situation mit dem passenden gedruckten Papier vorbereitet sein. Auch ich bin massiv an einer solch absurden Vorstellung erkrankt, und die Trennung von Büchern, die man längst nicht mehr benögtigt, zieht manchmal heftige Amputationsschmerzen nach sich. Erleichtert wird diese "Sehnsucht" nach dem "Verlorenen" erst dann, wenn man später wieder auf adäquate digitale Literaturdatenbanken mit dem selben inhaltlichen Gehalt zurück greifen kann.

Wir sind mit Computern, Smartphones und Tablets zu Mördern an der materiellen Präsenz, am Flair und der bezaubernden Daseinswirkung unserer Bücher geworden, ganz wie wir auch vergleichsweise seltener die mit uns „vernetzten“ Menschen spontan, unangemeldet und überraschend physisch besuchen oder ihnen Briefe auf Papier schreiben. Selbst die tagesaktuelle Zeitung oder die bebilderte Illustrierte gleiten uns insofern immer mehr "aus der Hand". Und nicht nur deshalb weil wir die Rohstoffe für das Papier schonen wollen!

Seltsames Spiel mit den Identitäten und ihren Medien.
Die Zukunft von Buch, Zeitung, Zeitschrift oder Brief ist alles andere als aktuell absehbar. Der Besuch der Bücher und das Gespräch mit dem Buch oder anderen Menschen, die sowohl sich als auch ihre Bücher und andere Print-Produkte lesen, das wird aber bleiben.

"Slow Book" - könnte die neue Devise bedeuten. Vielleicht wird dann wieder weder das Smartphone noch das Tablet zum "Waldbaden" mit in die Natur genommen. Man setzt sich einfach nur mit einem "alten" Buch auf eine idyllische Bank auf der Alm oder des Berges Spitze und liest dort mit Sicht auf den Gebirgssee oder die dazugehörigen Alpen die Prosa des Lebens, die man selbst nicht mehr zu leben vermag.

Interessant ist darüber hinaus die Fragestellung, ob man mit einem Buch auch eine „Ehe“ eingehen kann, „bis das der Tod uns scheidet“. Ich kenne solche Bücher und ich habe sie mein ganzes Leben über geliebt. Ihre Gedanken und ihr „Gehalt“ haben mich stets begleitet, und ich konnte mich immer wieder vertrauensvoll an sie wenden. Bücher sind sehr verlässlich. Ob man sie wieder einmal zärtlich kosend in die Hand nimmt, ist dabei eigentllich unwesentlich. Und meine Frau ist auf die geliebten Bücher zu meiner eigenen Verwunderung und dann auch fast zur Verärgerung noch nicht mal eifersüchtig; denn sie nimmt im Gegensatz zu mir modernisiertem Digitalnomaden noch häufiger als ich (denn das gedruckte Buch war vielfach für mich nur in der Vergangenheit so präsent) inzwischen deutlich mehr Bücher und auch gründlicher lesend in die Hand.

Das Buch neigt als Text, weniger als Bild, per se selbst zur Vergeistigung und vollständigen Virtualisierung der Beziehung zu seinem Leser. Dies ist seiner Digitalisierung sehr entgegen gekommen, hat aber seinem Renommée und seiner Aura in gewisser Weise auch geschadet. Die Schönheit eines gedruckten Buches liegt immer noch vor allem auf der Ebene von Grafik und Bildgestaltung, die einfach durch Tablet und Smartphone in ihrer tiefen ästhetischen Wirkung bisher kaum hintergehbar sind.

Das Buch wird in der Zeit immer mehr zu einer vewandten und vertrauten Seele, soweit man es wirklich schätzt. Allzu selten kommt es zu Scheidungen mit den Büchern, die einem mal wichtig waren, weil der kontinuierliche Umgang miteinander eigentlich so einfach, konflikt- und konsequenzenlos ist. Man kann sich maximal darüber ärgern, dass man einzelne Bücher vielleicht in seltenen Fällen sogar zu teuer gekauft hat, aber Bücher sind insofern treu wie ein Hund, sie verzeihen fast alles - sogar dass man sie überfrachtet mit Bedeutung; und man den Geist, den sie verkörpern, insofern überstilisiert.

Ein Mensch, der nur in seinen und nur durch seine Bücher lebt, ist ebenso leblos und unerträglich wie ein Buch, das nie einen Leser gefunden hat.

Schenken wir uns also weiterhin gegenseitiges Leben, indem wir uns nur einfach miteinander immer wieder mal physisch begegnen: das Buch und der Mensch, der Mensch und der Mensch!

Braucht es da noch ein Vorwort und ein Nachwort?

Sicher Nein!