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Ich bin ein Coronakind geworden ...

 

Wir Coronakinder sind besonders gesund! In anderen Ländern soll es Kinder geben, die noch draußen herumlaufen müssen, und sich dabei ganz leicht infizieren können, und dann ganz krank werden. Mir geht es aber gut, denn ich bleibe ja immer Zuhause. Ich habe liebe, vorsorgliche Eltern und bin deshalb immer vor den bösen Viren geschützt. Jeden Morgen stellt mich Mama deshalb auch unter die Desinfektionsdusche und reibt mich danach noch mit einem Desinfektionsgel ein. Dadurch kann mir jetzt gar nichts mehr passieren. In den Nachrichten haben sie abends Bilder aus anderen Ländern gezeigt. Da stapeln sich Särge mit lauter Toten. Wir Coronakinder aber, hat Papa gesagt, werden noch ganz lange gesund bleiben, weil wir gelernt haben mit dem Virus zu leben. Ich habe auch eine Fernsehoma und einen Fernsehopa. Die kenne ich zwar nur von dem großen Bildschirm, mit dem wir auch andere Freunde besuchen. Aber ich bin dann ganz traurig, wenn mir Opa, um mir eine große Freude zu machen, die Süßigkeiten, die er für mich gekauft hat, am Bildschirm zeigt, und sie dann aber selber aufisst, um mich nicht zu infizieren. Im Wohnzimmer haben wir jetzt auch so eine Art Beichtstuhl eingebaut, mit einem eigenen Eingang für jeden von uns, wenn wir miteinander reden wollen. Papa sitzt immer in der mittleren Kabine. Wenn ich groß bin möchte ich auch einmal in der Mitte sitzen. Früher haben Papa und Mama noch viel mit uns und auch untereinander geredet, jetzt haben sie dafür an der Wand ein großes Bild aufgehängt, darauf steht: „Reden ist Silber und Schweigen ist Gold!“. Und auch unser Lehrer hat gesagt, dass man sich beim miteinander reden besonders schnell anstecken kann. An Weihnachten kam sogar das Coronakind und hat mir eine goldene Maske geschenkt. Und der Nikolaus hat mir in seinem Coronasäckchen ein eigenes Desinfektionsfläschchen mitgebracht, mit dem ich mein Fahrrad alleine einreiben kann, bevor ich in meinem Kinderzimmer dann damit immer im Kreis fahren darf. Papa ist jetzt fast nur noch Zuhause, wenn er mit seiner Maske nicht einkaufen geht. Früher hat er noch einen Doppeldeckerbus gesteuert. Die gibt es heutzutage aber nicht mehr, weil man sich auf der Treppe nach oben zu nahe kommen kann. Papa hat jetzt „umgesattelt“, wie er sagt. Er studiert nun im Fernstudium Biochemie und will später mal ein bekannter Virologe werden. Dann werden wir auch wieder richtig Geld haben, denn Papa kann jetzt schon fünf Mutationen unterscheiden. Mama, die früher an der Kasse in einem Supermarkt saß, sagt, sie sei vor allem deshalb arbeitslos geworden, weil jetzt die Kunden beim Verlassen des Ladens nur noch an einer Automatenkasse bezahlen dürfen. Aber Mama hat auch schon einen neuen Weg gefunden, um jetzt auf eine andere Weise Geld zu verdienen. Da wir in München wohnen, holt Mama sich immer an den Apotheken kostenlose FFP2 Masken ab, die wir dann online nach Flensburg oder Kiel verkaufen. Ich muss mit meiner Maske natürlich auch beim Verpacken und Versenden helfen, deshalb hat mir Mama im Keller einen hygienegeschützten Arbeitsplatz eingerichtet. Im Fernsehen habe ich vor kurzem einen Horrorfilm gesehen. Da haben sich die Menschen immer gegenseitig die Lippen aufeinander gedrückt, wahrscheinlich um den anderen heimlich zu infizieren. Sie haben das „Küssen“ genannt, und das dient wohl dazu, dass man die Menschen, die keine Masken tragen, zur Strafe mit einem Virus infiziert. Opa hat gesagt, dass man sich gegen das Küssen in Zukunft aber sogar impfen können wird. Doch das wird noch eine ganze Zeit dauern, und dann sollen wir alle plötzlich ohne eine Maske aus dem Haus gehen. Davor habe ich jetzt noch richtig Angst. Opa sprüht sich dazu schon jetzt ein eigenes Spray in den Mund und gurgelt danach mit einem „Alkohol“. Das mit dem Alkohol darf er aber nur im eigenen Badezimmer machen, weil Alkohol sehr gefährlich ist, und durch die „Politiker“ woanders verboten wurde. Vielleicht werde ich auch mal Politiker. Das sind so eine Art Könige, die auf dem Bildschirm immer erklären, was wir dürfen und was nicht. Das sind eigentlich Menschen genau wie wir, weil sie fast immer die gleichen Masken tragen. Aber wenn so ein Politiker etwas sagt, dann muss es auch gemacht werden. Eigentlich ist so ein Politiker nicht anders als mein Papa, denn der ist auch bei uns der Bestimmer, aber Papa sagt, dass die so reich sind, weil sie von unserem Geld leben. Es gibt auch Menschen, die nennt man Prols oder auch Mob, die kann man manchmal sogar am Fenster beobachten, wenn sie ohne Maske auf der Straße besoffen herumtorkeln. Das sieht oft richtig komisch aus, und ist für mich eine coole Abwechslung, wenn ich beim Homeschooling nicht mehr auf den Bildschirm sehen möchte. Neulich hat mich Oma gefragt, ob ich auch schon ein hübsches Mädchen in der Schule kennengelernt hätte, aber Oma weiß gar nicht, dass ich zu meiner besonderen Förderung immer nur Einzelunterricht habe. Dann lernt man nämlich viel schneller und besser und kann später mal ein großer und reicher Virologe werden. Außerdem tragen alle Mädchen, die ich kenne, fast immer eine Maske und dann unterscheiden die sich auf dem Bildschirm gar nicht mehr von den Jungen. Ich glaube ein richtig schönes Mädchen muss einen großen Mund und eine besondere Nase haben. Erst wenn sie dann ihre Maske abnehmen, kann ich mir überhaupt vorstellen so richtig verliebt zu sein. Mit solch einem Mädchen mit einer hübschen Nase und ihrem Mega-Mund möchte ich dann auch mit unseren Masken zusammen ins Autokino fahren, wenn ich größer bin. Niemand außer mir sollte deshalb sehen dürfen, wie toll meine Freundin unter ihrer Maske wirklich aussieht. Mit solch einem Mädchen würde ich sogar Ellenbogen an Ellenbogen durchs Leben gehen. Manchmal träume ich davon, wie es denn wäre, wenn alle Menschen mal keine Masken mehr tragen würden, aber das macht mir jetzt eher noch richtig Angst. Da draußen soll es sogar riesengroße Badewannen geben, in denen die Menschen auf dem Wasser „schwimmen“. Das möchte ich irgendwann auch mal können, aber das lässt sich mit dem Computer nur sehr schwer üben. Es gibt jetzt sogar ein neues Telespiel, das „Schwimmbad“ heißt. Da muss man sich erst mal ausziehen und geht dann ganz ohne Maske in digitales Wasser. Und wenn man dann mit der Maus auf das Wasser schlägt, dann spritzt das so schön bunt, und mit den einzelnen Tropfen kann man mit einem Joystick sogar richtig spielen. So etwas finde ich toll, weil man sich dabei ja gar nicht mehr anstecken kann, und die Coronaviren, weil sie nicht schwimmen können, im Wasser wahrscheinlich eh schnell ertrinken werden. Wenn ich aber irgendwann einmal so ein „echtes“ Coronavirus treffe, das sich vor uns ja ständig versteckt, und weil man das dumme Ding, weil es so klein ist, ja leider auch vorerst nicht sehen kann, dann werde ich ihm endlich so richtig die Meinung sagen; denn ich glaube, dass die Coronaviren in Wirklichkeit gar keine Masken tragen.

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