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Das Telefon ist "erwachsen" geworden -
ich aber leider nicht.


Ich wurde noch vor wenigen Tagen per Mail durch einen Journalisten kontaktiert und als ehemaliger "Experte" für das Telefonieren danach gefragt, was ich meine, was sich in den letzten Jahren bezüglich des Telefons verändert haben könnte. Ich war ob dieses Anliegens irgendwie verwundert, leicht irritiert und dann auch amüsiert, zumal mich aktuell mehr interessiert, was ich heute Abend essen werde, mit welchen Freunden und Bekannten ich mich morgen treffen kann, anstatt noch einmal in die großen Fragen der Kommunikations-, Medien- und Kulturwissenschaften einzutauchen; dennoch hier kurz meine Antwort auf die folgende Frage:


"Was hat sich in den letzten 20 Jahren bezüglich des Telefonierens geändert?"

Das Telefon wurde ursprünglich eher naiv als ein Medium der Instantanität geboren, und ist jetzt im wahrsten Sinne erwachsener und somit auch „smarter“ geworden.

"Smart“ heißt vor allem „multimedial“, mit mehr Auswahlmöglichkeiten.
Das sprachorientierte alte Dampftelefon ist durch zusätzliche Videos und Selfies bildhafter und auditiver geworden und durch sms und mobile e-mails auch textlicher.

WhatsApp bringt diese Mischung sehr schön auf den Punkt. Man kann dort wählen ob man unmittelbar und direkt per altem Hör-Sprech-Telefon oder per neuem Hör-Sprech- und auch Bildtelefon kommunizieren möchte. Gleichzeitig gibt es neue digitale Medienspeicher, bei denen man wiederum neue Freiheiten dadurch erwirbt, indem man entscheiden kann, ob man sich lieber statt unmittelbar miteinander zu kommunizieren, Video-, Ton- und Text- und Bildkonserven zusendet, unter denen dann die Empfänger jeweils ebenfalls freier entscheiden können, wann, wo und unter welchen Umständen sie die empfangenen Dosen öffnen wollen. Die Auswahlmöglichkeiten der Nutzung haben sich insoweit durch das Smartphone dramatisch erweitert.

Durch die Apps ist das Smartphone nicht mehr nur Telefon sondern zum mobilen Computer und universellen Hilfsmittel im Alltag mutiert. Das Telefon war früher die wichtigste "Welthilfssprache" (vergl. dazu meinen Aufsatz: „Ubiquität und Verständigung - Ist das Telefon eine neue Welthilfssprache“, hier auf meiner Homepage unter „Texte“ abrufbar). Das Smartphone hat diese Welthilfssprache nun über den eigenen Haushalt und das eigene Büro hinaus generalisiert, multimediatisiert und universalisiert.

Das Telefon hat sich vom bilateralen zum multilateralen Medium
gewandelt. Dies schließt nun ein, dass die gemeinsame Kommunikation
zwischen Menschen auch in größeren Gruppen möglich geworden ist,
und in Form von Videokonferenzen, Chaträumen, und Nutzergruppen
in Konkurrenz zu den eher individuellen Nutzungen des „alten“ Telefons
getreten ist.

Das Smartphone ist zudem gleichzeitig kollektiver wie auch individueller
und gar narzisstischer
, weil man sich dadurch eher in seiner eigenen
selektiven Blase
bewegen kann, und sich dennoch als sozial vernetzter
Mensch vorkommt. Ein unmittelbarer Gesprächspartner - wie beim alten Dampf-
telefon wird beim Smartphone gar nicht mehr zwingend benötigt. Dazu
gehören dann komplementär Telespiele, das Lesen elektronischer
Nachrichten, Texte oder Bücher, die Rezeption meist eher kurzer Videos sowie die nützlichen Orientierungen per GPS in der jeweiligen Welt.
Luhmann hat das als die zivile „kontingente“ Erweiterung von Freiheit
und Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten
beschrieben.
Die unmittelbare Situation in der wir leben, arbeiten, bzw. uns erholen, hat folglich neue Möglichkeiten erhalten uns unmittelbar und sofort neue virtuelle Erlebnisse und Erfahrungen, neues Wissen aber eben auch neue Kontakte und soziale Netze zu verschaffen zur sofortigen Nutzung gerade dort wo wir jeweils sind (z.B. ohne Hin- und Rückfahrten, aber auch ohne den komplizierteren, oft teureren und längerfristigen Kauf von Büchern, Zeitschriften, Zeitungen oder Spielen im Einzelhandel). Wir können uns wie niemals in der Geschichte der Menschheit zuvor sofort - also instantan, wie beim Telefon - unserem Leben neue Lösungen für Probleme vorschlagen lassen oder "hinzuzufügen", die wir allerdings oft ohne diese Techniken vielleicht niemals gehabt hätten.

Das Telefon hat uns vernetzter und quasi auch öffentlicher werden lassen. Wir reden nicht mehr nur mit einer einzelnen Person, sondern wir haben das Bedürfnis uns in Chatgroups oder WhatsApp-Zirkeln gleichzeitig mehreren Menschen, mit dem was wir wissen, denken, empfinden oder meinen unmittelbar mitzuteilen.

Das alte Telefonieren war insofern verantwortungsloser, und in gewisser Weise durchaus manchmal auch schöner, weil wir in intimer Zweisamkeit auch das sagen konnten, was wir öffentlich - und dann auch heutzutage auf „ewig“ im Netz gespeichert - nachhör-, nachseh-, oder nachlesbar - niemals (zumindest genau so) äußern, sagen oder mitteilen würden.
Die digitale Ausweitung der halböffentlichen oder vollständig öffentlichen Kommunikation aus der Privatheit des alten Telefons heraus schafft neue „Verantwortungszwänge“, insofern ist die neue Telefonwelt „sozial“ belastender als früher.

Digitale Anonymität ist die sehnsuchtsvolle Rückbesinnung auf diese eher intime und insoweit deutlich weniger sozial verantwortungsvolle Kommunikationsweise, in der noch „alles“, auch das juristisch und sozial Unerlaubte oder Unerwünschte gesagt und miteinander ausgetauscht werden durfte.

Geblieben aber ist nach wie vor in der Welt des Digitalen, das Recht auf das persönliche, unmittelbare und nach wie vor relativ sozial unkontrollierte persönliche Gespräch.

Diese neue ebenso komplementäre Sehnsucht führt uns in Zukunft vielleicht wieder aus den digitalen Welten heraus in die unmittelbaren analogen Kontexte, ein kultureller Trend, der sich bereits jetzt schon ein wenig abzeichnet.

Das Telefon ist universeller geworden, d.h. es gibt inzwischen durch das Handy weit mehr Orte, von denen aus, oder an denen man telefonieren kann. Dadurch hätte eigentlich der Kommunikationsdruck weiter anwachsen müssen, weil mehr Gelegenheiten existieren zu telefonieren.

Durch diese Vermehrung an Kommuntioikanssituationen und -möglichkeiten wäre das nur instantane „alte“ Telefonieren im Kontext der neuen Medien mit einer sofortigen Antwortreaktion aber auch unangenehmer und jeweils störender geworden. Schon deshalb wurde das alte Telefonieren zum Teil verdrängt, aber oft auch nur einfach durch neue Medien ergänzt.

Die Tagesabläufe der Menschen entzerren sich, werden flexibler; sie sind kaum noch direkt vergleichbar, und darauf nehmen immer mehr Menschen Rücksicht. Dem Menschen, dem man etwas mitteilen möchte, oder mit dem man nur einfach „quatschen“ möchte, dem lässt der höfliche Mensch inzwischen Zeit auf das eigene Gesprächsanliegen zu reagieren. Dafür bieten sich neue nicht instantane Möglichkeiten, die digitalen Kommunikationsspeicher, vom digitalen Anrufbeantworter (die Sprachbox), die sms oder die e-mail bis hin zur vollständig multimedial gewordenen Whats-App-Nachricht.

Neu ist insofern der große Trend vom Anruf zum Rückruf, ein Gesprächswunsch
wird erst einmal signalisiert und auf unterschiedliche Weise präsentiert, und die „gerufene“ Person ist dann frei „multimedial“ darauf zu reagieren.

Das alte Telefon war zwiespältig, einmal positive und erwünschte wie erhoffte Überraschung, wie andererseits auch das unerwünschte, manchmal sogar fast schon belästigende Eindringen in der jeweiligen Anrufsituation von oft zum jeweiligen Zeitpunkt vielleicht eher unerwünschten Anrufern in die Unmittelbarkeit des eigenen Lebens.

Die Einführung des Anrufbeantworters war der erste Schritt in Richtung auf die Befreiung vom Anrufzwang. Der zweite folgte schon unmittelbar danach durch die Einführung der Teilnehmerkennung, nach der man freier entscheiden konnte, welchen Kommunikationspartnern man sich wann widmen möchte. Als früher Vertreter der Teilnehmerkennung habe ich mir selbst noch in den 80er Jahren die Kritik mancher "Datenschützer" eingehandelt, aber ich war schon damals davon überzeugt, dass Menschenschutz vor Datenschutz zu stehen hat.

So wie der überraschende Besuch von Freunden oder Bekannten durchaus auch eine positive, gar erwünschte und erhoffte Seite haben kann, so konnte auch dieser früher schon als störend empfunden werden. Die Einführung und Verbreiterung der Nutzung des Telefons, bereits in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, hat diese „überraschenden“ unangekündigten Besuchssituationen deutlich reduziert. Ein Besuch wird inzwischen längst per Telefon oder auf sonstige Weise multimedial höflich angekündigt und entsprechend in Hinsicht auf die passende Situation dafür „ausgehandelt“. In weniger technisierten Welten vor allem der „Dritten Welt“, ist in bestimmten Regionen der unangekündigte Besuch oft immer noch die Regel. Unangekündigt in den selbstbeschriebenen Ländern der Online-"Zivilisation" ist oft nur noch der zeitlich verschobene Besuch der Lieferanten von verspäteten oder fehlgeleiteten Online-Bestellungen. Jeder mag nun selbst entscheiden, ob diese Entwicklung nur positive Seiten, oder nicht auch einen gewissen Nachteil insofern hat, als die "erfreulich" überraschenden Besuche eben auch nachgelassen haben.

Die „smarter“ gewordene Kommunikationswelt schränkt inzwischen nicht nur Besuche sondern sogar als "angekündigtes" Telefonat wiederum zahlenmäßig das überraschende unangekündigte Telefongespräch ein (genauso wie das Telefon ursprünglich den unangekündigten und überraschenden Besuch fast vollständig abzuschaffen vermochte). So haben sich in den letzten Jahren Telefonate an sich einerseits vermehrt, die nicht „geplanten“ Gesprächssituationen im privaten Verkehr aber eher verringert. Die SMS oder digitale Nachricht - in welchem Medium auch immer - mit dem Inhalt, „ich kann oder ich will jetzt nicht sprechen“, regelt inzwischen den Kommunikationsverkehr noch weiter, und befreit insofern von eher peinlichen Gesprächen in unerwünschten Situationen. Man weiß auch als achtsamer Mensch inzwischen, wen man wann und unter welchen Umständen telefonisch besser nicht stören sollte. Dass damit auch positiv überraschende freundschaftliche Anrufe immer mehr ausbleiben und sich erst einmal auf Sprachbox- oder Text-Nachrichten verlagern, ist sicher ein häufig nicht mitgedachter Nebeneffekt.

Gerne habe ich früher kritisiert, dass uns die digitalen Online-Medien gegenseitig dazu verführen uns ständig mit unseren jeweiligen Befindlichkeiten zu nerven, was wir essen, was wir trinken, mit wem wir unter welch wunderbaren Umständen jeweils zusammen sind, welch neue fantastische Produkte wir gerade entdeckt haben, und mit welchen Medikamenten wir uns jeweils akzeptabel am Leben erhalten. Kein Gag ist schlecht genug um nicht doch noch im Netz unter Freunden, Verwandten und Bekannten verbreitet und geteilt zu werden. Aber indem ich jetzt genau dabei mitspiele, merke ich auch wie sich soziale Beziehungen und gar wertvolle Freundschaften auf Entfernung pflegen lassen, wieviel Positives ich über mir wichtige Menschen auf diese Weise erfahre, was mir sonst vielleicht eher entgangen wäre; doch die Ambivalenz des Lebens sorgt auch dafür, dass sich auf gleiche Weise ebenso meine eigenen Vorurteile und unter Umständen nur ungerechten Abneigungen pflegen lassen.

Das Telefon war der Motor des großen Trends von der Massenkommunikation mit "verdurchschnittlichten" Menschen hin zur „dedizierten“ Kommunikation der freien als solche spezifisch angesprochenen Individuen, und das „Smartphone“ ist dessen Ausdruck, bei dem die Wünsche und Bedürfnisse des einzelnen Menschen eine immer größere Rolle spielen können und dürfen. (vergl. dazu meinen Aufsatz: Teleromantik im Multimediamix S. 15-17, hier auf meiner Homepage unter „Texte“ abrufbar). Mit Heidegger habe ich an anderer Stelle das Handy als das exquisit und kulturell hochstehendste Element des "Zurhandenen" bezeichnet, das der romantisierende Heidegger in "Die Technik und die Kehre" als den zu schnellen Einbruch der werkzeuginduzierten Entfremdung in unsere Kultur kritisierte. Aber es ist sicher absehbar, dass wir, wenn wir in Jahren oder Jahrzehnten mit gewissem nostalgischem Ressentiment amüsiert auf die Smartphone-Jahre zurückblicken, die Menschheit längst klügere Kommunikationsweisen entwickelt haben wird, als auf die eigenen technisierten Hände zu blicken, die nur noch ein Smartphone zu halten vermögen, ohne es in seiner invasiven kulturellen Bedeutung wirklich zu durchschauen und zu verstehen.

Überall wo man auf das öffentlich Schöne und Erhabene trifft, werden heutzutage von vielen Menschen zugleich die Handys gezückt. Jeder von uns will Momente mitnehmen und sie auf Dauer individuell durch die eigene Person besetzen und "besitzen". Erhebt der Mensch seine Hände und das Smartphone dabei gar zu einem eigenen persönlichen Gott in den Himmel? Man weiß es nicht. Die Verknüpfung mit künstlicher Intelligenz ist ein neues weites Feld. Mit GPS orientieren wir uns allüberall und alltäglich neu, lassen uns auch ohne einen "Führer" dabei führen. Die Mühe Sprachen zu lernen scheint sich immer weniger zu lohnen. Übersetzungsprogramme machen uns universell - auch ohne einschlägige Sprachkenntnisse - lesend, und unsere Geräte sprechen für uns das, was wir in unserer Muttersprache ausdrücken wollen auch in der Fremde. Ein Bild von einem Gegenstand oder Gemälde, und schon liefert uns die KI den nötigen Kontext zum Verständnis oder gar Kauf eines Produktes mit genauer instantaner aktueller Preisschätzung sofort. Die Zukunft wird uns insofern noch enger an unsere "smarten" Phones oder deren Nachfolger als "Chips unter der Haut" oder virtuelle Brillen binden. Steigen wir in ein modernes Auto verschwistert sich das Smartphone mit dem Gefährt und Zuhause knüpft es sich an die diversen Smarthome-Lösungen an.

Zum Schluss sei noch darauf verwiesen, dass das Telefonieren selbst eine
eigene Zeichen-, Signal-, Sprach- und Kommunikationsqualität
hat, die bei
vermehrter Videokommunikation in den Hintergrund geraten könnte. (vergl. dazu meinen Aufsatz: „Rettet das Telefon“, hier auf meiner Homepage unter „Texte“ abrufbar) Das alte Telefonieren ohne Bild bestraft die Gesprächspartner nicht unmittelbar durch Gestik und Mimik, lässt den Gesprächspartnern freie Möglichkeiten sich nach eigenen Vorstellungen im Raum zu verhalten, und ohne den Zwang die jeweiligen Kommunikationssituationen nun auch noch visuell präsentieren zu müssen. Inzwischen gibt es für Videokonferenzen ja auch dafür schon bereits "virtuelle" Hintergründe und virtuelle Tapeten. Es finden während des tradierten Telefonierens zudem oft tiefere, freiere und längere Dialoge statt, bei denen natürlich umgekehrt durchaus auch die Gefahr des Monologisierens auf beiden Seiten besteht. Wie alle Kulturtechniken muss das Telefonieren gelernt werden. Gerade jüngere Menschen haben inzwischen oftmals mehr Hemmungen vor dem Mikrofon zu sprechen als mit ihren jugendkulturellen Symbolen und Kürzeln in ihrer Clique in schriftlichen oder bildhaften Onlinemedien grafisch und textlich zu reüssieren. Eloquente Bloggerinnen und Influencerinnen werden von "normalen" Jugendlichen gerade ob dieser besonderen Qualitäten geliked. Das Reden miteinander wird allerdings nie an Bedeutung verlieren, fragt sich nur, ob dies in Zukunft vermehrt innerhalb oder außerhalb der digitalen Medien stattfinden wird.

aus der WDR-Sendung mit der Maus: Eltern und Smartphones

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