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Dissertation:
Disst die, die Euch dissen!


"Wir Intellektuellen müssen vor allem lernen, bescheidener zu sein.
Die ungeheure Unbescheidenheit der Intellektuellen, das ist etwas
Gräßliches."
(Sir Karl Raimund Popper, Interview im Spiegel 23.3.1992)

"George Orwells Der Weg nach Wigan Pier fällt mir ein,
seine große Reportage über die Ausbeutung der Kohlebergarbeiter
in Nordengland. Sie wurde 1938 veröffentlicht und von den linken
Intellektuellen Englands gefeiert. Doch die miserable Situation der
Unterschicht nimmt nur den ersten Teil des Buchs ein. Der zweite
Teil dreht sich um etwas anderes, und das kam damals überhaupt
nicht gut an. Auch heute ist dieser zweite Teil viel weniger bekannt
als die erste Hälfte des Buchs. Darin argumentiert Orwell, sein
eigenes Mitleid, das Mitleid der Mittelschicht, der Intellektuellen
und Linken sei kein Ausdruck echter Empathie für die ausgebeuteten
Arbeiter. Die Unterschicht sei den linken Intellektuellen in Wirklichkeit
egal. Sie lieben die Armen nicht. Sie hassen nur die Reichen."
(aus: Patrizia Schlosser, Im Untergrund, Der Arsch von Franz
Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich)

Seid Ihr eigentlich alle blöde geworden?
Da wird von Neid-Gesellschaft gesprochen,
wenn soziale Gleichheit bei Einkommen und Vermögen eingefordert wird.
Damit ist doch nicht das Gleichmachen von Menschen gemeint
sondern die Anerkennung von Gleichwertigkeit unter uns allen.

Kunst und Kultur haben längst die Albernheit der Selbstgefälligkeit unserer
Eliten aufs Korn genommen. Dies zeigt die folgende mehr oder weniger
zufällige Zitatensammlung dazu:

"Über das Leben der meisten läßt sich nur sagen, daß sie sehr,
sehr lange nicht gestorben sind." (KARL KRAUS
*)
"Die meisten reichen Leute fürchten sich so vorm Sterben.
Sie sind doch schon alle tot bei Lebzeiten, was gibt’s da noch
für ein Sterben?" (PETER ALTENBERG*)
"Größenwahn ist nicht, daß man sich für mehr hält als man ist,
sondern für das, was man ist." (KARL KRAUS*)
"Der Erfolg hat mich nicht verdorben.
Ich war schon immer unerträglich." (FRAN LEBOWITZ*)

"Ein Prominenter ist ein Mann, der es sich nicht leisten kann,
sich nichts zu leisten." (LISELOTTE PULVER*)
"Wohltätige Frauen sind oft solche, denen es nicht mehr
gegeben ist, wohlzutun." (KARL KRAUS*)

"Zerstören Sie einem Menschen seinen Schein, und Sie werden sehen,
wie schnell auch das Sein zu Ende ist." (GEORG KREISLER*)

"Der Anspruch auf den Platz an der Sonne ist bekannt.
Weniger bekannt ist, daß sie untergeht, sobald er
errungen ist." (KARL KRAUS*)
"Selbstsucht muß man immer verzeihen, denn es ist ein Leiden,
für das es keine Heilung gibt." (JANE AUSTEN*)
"Die Strafe für den Erfolg liegt darin, daß man mit Leuten zusammenkommt,
die man früher meiden durfte." (NORMAN MAILER*)
"Wer deine bittersten Feinde sind? Unbekannte, die ahnen,
wie sehr du sie verachten würdest, wenn du sie kenntest." (ARTHUR SCHNITZLER*)

"Das schöne Gefühl, Geld zu haben, ist nicht so intensiv wie
das Scheißgefühl, kein Geld zu haben." (HERBERT ACHTERNBUSCH*)
"Der ganze Traum der Demokratie besteht darin, den Proletarier
auf das Niveau der Dummheit des Bürgers zu erheben.
Dieser Traum ist teilweise verwirklicht." (GUSTAVE FLAUBERT*)

Da lebt eine Kaste von Menschen deutlich über dem Niveau,
das ihnen im Sinne der Gleichwertigkeit zusteht.
Diese Parasiten werden von uns Besorgten zum Essen eingeladen,
diese Tagediebe dürfen ohne Kritik an unseren Familienfeiern teilnehmen,
diese Präpotenten maßen sich an in unseren Beziehungen mit Ihrem Status zu protzen,
diese Ignoranten nehmen sich heraus in unseren Debatten das Wort zu führen,
und unsere Medien konstatieren der Kritik an deren egoistischem Irrwitz
auch noch das Stigma eines weltfremden und schnell geschossenen Populismus -
Die Armen, Geschundenen und Missbrauchten dieser Welt sitzen selbstquälerisch daneben
und sollen aufgrund ihres „Neides“ auf katholische Weise auch noch ein schlechtes Gewissen haben.

Verzichtet stattdessen auf Euren Feiern auf solche Menschen,
die den Gleichwertigkeits-Grundsatz negieren.
Ladet diejenigen aus Eurem Leben aus,
deren Einkommen und Vermögen sich nicht mehr vernünftig rechtfertigen lässt.
Lasst sie mit den Promis auf ihren roten Teppichen flanieren,
sich auf Ihren Gala-Dinners mit sich selbst beschäftigen.
Lasst sie mit ihren Maseratis und aufgemotzten SUVs
auf einsamen Pisten flitzen, aber haltet Sie von Euch fern!

Sie haben die Warmherzigkeit Eurer Nähe vorerst nicht verdient,
können Sie aber durch Güte, Milde und gute Taten jederzeit wieder erwerben.
Fordert die heraus, die Euch dissen, nur weil Ihr in Hinsicht
auf die Gleichwertigkeit von Menschen maßlos und anspruchsvoll seid.
Versperrt diesen Nehmern, die nicht zu geben verstehen,
Eure Türen, und nur das ist auf Dauer erfolgreich und wirksam;
denn es gibt nichts Erniedrigenderes für Erniedriger
als von Euch verachtet und gedisst zu werden.

In Wirklichkeit bewundern und brauchen sie Euch.
Ihr, die Ihr auf deren "Wertegemeinschaft" längst verzichtet habt,
weil deren Werte eben nur gemein und nicht gemeinsam sind.
Ihr seid das Ziel und das Amen von deren Begierde.
Sie vermissen Euch und Eure Werte und schieben Euch dafür
die Chimäre ihres verkoksten und verkorksten Lebens vor
.
Sie sehnen sich - wie alle anderen Menschen auch -
nach der Welt der Gleichwertigkeit, nach Wärme,
Mitmenschlichkeit und Solidarität in den warmherzigen Wohnungen
der Güte, des Mitfühlens und der menschlichen Achtung.
Auch sie wollen statt prostitutiver Erotik erfüllende Liebe.
Wer ungerechtfertigte Einkommen, überdimensionierte staatliche Pensionen
oligarchische Windfall-Profits oder Vermögensvorteile aus Subventionen
oder gar Steuerbetrug erzielt, der verdient Eure Nähe nicht.

Wer davon redet, dass Einkommensgerechtigkeit nichts nützt,
und dass wir uns alle diese Sozialleistungen „nicht leisten“ können,
der will nur vergessen machen, dass immer noch unnützes Geld
in die Rüstung und die Versorgung von Reichen und Superreichen
zur Sicherung von deren Lebensstandard fehl investiert wird.

Disst diese Leute, denn das ist die Höchststrafe,
die sie verdienen, aber eröffnet ihnen zugleich,
wie allen anderen Menschen im Leben überhaupt auch,
das Recht auf die eigene Resozialisierung.
Sucht nicht die Superstars in den Shows von Hyperleistung
eitler Geste und leistungssportlicher Differenzierung.
Wir die „Minder“leister, die in Demut zu verzichten gelernt haben,
sind die wahren Stützen der Gesellschaft!

Wer über mehr als 100.000 Euro im Jahr persönlich verfügt,
und den Überschuss darüber hinaus nicht in soziale Zwecke investiert,
der sollte nicht zur Gesellschaft der Gleichwertigen gehören.
Ladet sie aus, die Euch durch ihre Geldwerte fehl messen,
nehmt ihnen das Recht auf Eure Heimate und Eure Nähe.
Das werden sie spüren! Darunter werden sie leiden!

Ja, solch ein Leiden in der Entbehrung, das bildet,
eine solche Einsamkeit kann Menschen zur Besinnung führen,
und insofern ist selbstgewählte Armut und Anmut immer noch
eine Quelle des Weges zu sozialem Fortschritt und Vernunft.

Verzichtet auf „Brisant“, VIP-Shows und all den „öffentlich-rechtlichen“ Schrott,
der Euch das Leben der Promis als wertig kommuniziert.
Betrachtet die VIPs vielmehr als schicksalsverlassen, armselig im Hirn und im Herzen.
Lasst auch den Pseudo-Adel von Queens und Prinzen unter sich bleiben,
denn adelig kann ein Mensch nur mit Herz, Mut und Seele sein.

"Liebe deine Nachbarn –
aber suche sie dir vorher gründlich aus." (LOUISE BEAL*)

Fickt nicht mit den sozialen Verbrechern
und feiert Eure Feten und Partys ohne sie.

"Wenn man im Mittelpunkt eines Festes stehen will,
darf man nicht hingehen." (SHARON STONE*)


Das Leben unten war immer reizvoller und leidenschaftlicher
als das tote Leben derer da oben.
Durch die gesamte moderne und aufgeklärte Kunst und Literatur
zieht sich die Sehnsucht der Reichen nach dem vollen Leben der Armen.
Wie krank muss ein Mensch sein, der für alles was ihm lieb und teuer ist,
für seine Liebe, die Geburt seiner Tochter oder eine schmerzhafte Trennung
auch noch eine eigene und selbstsüchtige Pressekonferenz braucht?

Nein, natürlich macht nicht die Armut glücklich,
sondern die Fähigkeit diese im Angesicht des vorenthaltenen
oder gestohlenen Reichtums durch Weltenfremde sanftmütig zu ertragen.
Nur erworbenes Glück ist verdientes Glück.
Strebsam durch Arbeit, geadelt durch den klugen Gedanken,
vervollständigt durch gemeinsames Handeln im Team,
so habt ihr wirklich kreativ Werte in die Welt gesetzt.

Verzichtet deshalb auch nicht auf das, was Euch an Wohlstand tatsächlich zusteht;
denn nicht den Verzicht im Leiden und das Hadern mit Eurem Glück sondern
ein angemessenes Wohlergehen habt Ihr verdient.

Wohlstand ist aber eben nur das Recht auf Gleichmut und Gelassenheit
in einem Leben, das Ihr vor Freunden und Verwandten auch sozial rechtfertigen könnt
.
Finanzieller Reichtum auf Kosten Dritter ist obszön, hässlich oder gar kriminell,
und eben in keiner Weise und in keiner Gesellschaft verantwortbar.

Verzichtet auch auf die Nähe zu solchen Schleimern,
die solchen pseudo-elitären Menschen huldigen!
Die Elite, das ist die Seele, das ist der Geist, das ist die Kunst,
die nur dem Menschen und der tief empfundenen Menschlichkeit gebührt.
Benennt vielmehr die Verbrechen, an Klima, Kultur und Gesellschaft,
für die diese Kasten verantwortlich zeichnen!
Und vor allem hört auf ein schlechtes Gewissen zu haben,
weil Ihr es nicht zu diesen distanzierten Lebensformen gebracht habt!
Ihr, die Ihr Euch um Gemeinsamkeit und Gleichwertigkeit bemüht,
seid die wirkliche Krone der Schöpfung - durch Einsicht in die
Fähigkeit des Menschen „an und für sich“ zu Liebe, Demut und Güte.

Ihr habt es verdient so weit es geht unter Euch zu bleiben,
und Euch nicht durch das Gift der Fanatiker der Ungerechtigkeit
das Dasein als Euer glückliches Anderssein verstellen zu lassen.

Sie wollen die Waffen sprechen lassen, die Ihr finanzieren sollt,
um deren Grenzzäune und deren armselige Ghettos zu verteidigen.

Sie brauchen die Mauern und Zäune,
die sie vor Euch schützen sollen.

Ihre Kinder gehen auf ihre Schulen und sollen so werden wie sie.
Oft aber gelingt ihnen nicht mal dieses und dann verlieren sie auch noch,
was ihnen so wichtig sein sollte:
die liebende warmherzige Anerkennung des eigenen Nachwuchses.

Das wirkliche und wesentliche Leben kann insofern so einfach sein.
Nehmt Euch das Recht darauf!
Seid Euch Eurer Stärke bewusst
und vor allem verzichtet auf den Hass …;
denn nur durch ihn wächst auch der Neid,
über den Ihr als überragend Lebendige
längst erhaben sein dürftet und es auch könnt.

Das ist die „Romantik“ für die es sich zu leben lohnt.
Die ist weder infantil und lebensfern,
wie man Euch allzu leicht glauben macht,
„weil der Mensch an sich schlecht“ sei.

Nein, der Mensch „an sich“ ist gut,
wenn auch „für sich“ nur als eine Option.
Genau diese aber solltet Ihr ziehen,
denn dafür braucht Ihr keine "Gewinne", Aktien-Coupons oder Rentenpapiere:
Eine einfache Entscheidung für die Gleichwertigkeit des Menschen genügt,
und darin liegt die einzig wahrhaftige erfüllte Zufriedenheit,
die als "Genügsamkeit" nach Eurem Ende an Eure Stelle tritt.
Genügt Euch selbst, dann lebt Ihr auf Dauer in Ehren.

Letzten Endes aber bleibt das wirkliche Glück eine individuelle und
persönliche Wahl, die möglichst nicht notgedrungen und notgedungen
sein sollte:

"Die Armen wollen reich sein, die Reichen möchten glücklich sein,
Singles möchten verheiratet sein, und die Verheirateten wollen tot sein."
(ANN LANDERS*)

Ein starkes Ich, das sich selbst als ein(e) Gleichwertige(r) unter Gleichwertigen
anzuerkennen vermag, ist die Voraussetzung für ein erfolgreiches Leben.

"Leute, die nichts von sich halten, sind auch schlechte Menschenkenner."
(KARL HEINRICH WAGGERL*)

Erst wenn Ihr wirklich die Kraft besitzen solltet, auch kritisch gegenüber
Euch selbst zu bleiben, habt Ihr die Krone der Menschheit gewonnen,
und seid die Elite, von der viele so gerne reden - ohne sie jemals selbst
durch ihre Selbst"gefälligkeit" doch werden können.

"Ein kluger Mensch wird schon aus Egoismus bescheiden sein.
Er schützt sich damit vor seinem perfidesten Gegner: vor sich selbst."
(EGON FRIEDELL*)

Am Ende bleibt Euch noch immer das Drama und die Chance zur
eigenen Erkenntnis:

" Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste,
selbst von mir, und ich hab’ mich noch selten getäuscht."
(JOHANN NESTROY*)

Die Anerkennung des Schlechtesten in Euch und uns allen ist aber oft
der erste mutige Schritt in Richtung auf eine neue "gemeinsame" Vernunft.

 

(Alle mit * versehenen Zitate in diesem Blog aus:
Marco Fechner, Das Zitatenbuch, Wiesbaden 2013)