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Das Fertige und das Unfertige

"Wo wir unsterblich sind ...

Wir sind sterblich als Lieblose, unsterblich als Liebende.
Wir sind sterblich in der Unentschiedenheit,
unsterblich im Entschluß.
Wir sind sterblich als Naturgeschehen,
unsterblich, wo wir uns in unserer Freiheit geschenkt werden.
(Karl Jaspers)

Das „fertig“ ist ein wunderbares Adverb oder Adjektiv. Ursprünglich bedeutete es als „fartig“, beweglich und auf die Fahrt vorbereitet zu sein. Es war also vielmehr ein Anfang als ein Ende. Inzwischen ist es in seiner komischsten Variante sogar zu einem Wort für einen abschließenden Besitz geworden: „Ich habe fertig“ (Trappatoni 1998).

Etwas „abgeschlossen“ zu haben, meint heute der Sprecher, wenn er „fertig“ sagt oder begeistert ausruft. Das kleine Wort fertig hat eine philosophische Sprengkraft ohnegleichen. Es ist ein Wort, das sich an der Grenze aller menschlichen Tätigkeit, Lebendigkeit und Zeitlichkeit bewegt.

Einerseits ist es ein großes Glück mit dem Leben in aller Gelassenheit, Zufriedenheit und Fülle der Lebensleistung abgeschlossen zu haben, andererseits wohnt ihm auch ein gewisser Abschied, eine bestimmte Leere inne. Dieses Gefühl kennt jeder, der ein gewisses Ziel erreicht hat, diese Euphorie einerseits und die herausfordernde „Leere“ danach: „Was nun?“.

Nach erfüllter Hausarbeit, oder bestandener Prüfung rufen das Kind oder der Jugendliche erleichtert: „Fertig!“. Dies kann bedeuten, im Sinne des ursprünglichen "fartig", dass man jetzt zu weitaus größeren oder gewünschteren „Dingen“ bereit sei, und dazu übergehen „darf“ das Land der Vorgaben und der Zwänge zu verlassen, um gut vorbereitet, also „fartig“ auf die große Fahrt einer noch unerschlossenen weiteren Zukunft (nach bestandener Prüfung oder erfüllter Aufgabe) zu gehen. Dieses zweite „fertig“ und in gewisser Weise auch „fartig“ bezieht sich folglich also eher auf Ziele die durch Dritte, die Eltern, die Lehrer oder ganz allgemein die Gesellschaft vorgegeben wurden. Man wurde auf welche Weise auch immer geprüft, hat „bestanden“ und ist jetzt davon entlastet und eben fertig. Dass man dabei auch noch erschöpft und insofern „fix und fertig“ sein kann ist dabei ein völlig andere Sache.

Die Erschöpfung des anstrengenden und unter Umständen bis an die eigene Belastungsgrenze gehenden Weges zur Erreichung eines Zieles sind in diesem besonders euphorischen „Fertig!“ noch zu spüren und die Nachwehen sind der Wunsch nach Erholung, der sich daran anschließt.

Wie aber ist es nun mit den selbst, und eben nicht fremd gesetzten Zielen? Mit denen kann man sich nämlich selbst sowohl unter- wie auch überfordern. Wünschenswert sind dabei also eher Ziele, die eine gewisse Balance ermöglichen, nämlich sowohl „fertig“ zu werden als auch dabei nicht „fertig“ zu werden.

Und genau darum geht es wohl im Leben „an sich“. Wer stirbt und im Leben mit allen gesetzten Zielen fertig geworden ist, ohne dabei fertig geworden zu sein, der erlebt wahrscheinlich einen relativ erstrebens- bwz. wünschenswerten Tod. Bestürzend sind dahingegen Krankheiten oder Ereignisse, die Menschen „jäh“ aus dem Leben reißen. Leben hat ja nun einmal einen engen Bezug zur eigenen Zeitlichkeit.

Kann man also mit einem Leben „zufrieden“ sein, und somit „zur letzten Ruhe“ kommen, ohne mit wichtigen Dingen „fertig“ geworden zu sein? Eigentlich kaum, sollte man meinen. Das „Nicht-fertig-werden“ macht insofern erhebliche Angst.

Das „Fertig“ kann folglich sowohl ein Ausdruck der Freude, als auch ein belastender Faktor der Trauer sein, zum Beispiel weil man durch das Schicksal zu früh und gar ohne eigenen Willen unwiderrufbar und unwiederholbar abschließend „fertig“ geworden ist, ohne „fartig“ und auf die Reise gut vorbereitet geworden zu sein.

Deshalb spenden die christlischen Kirchen dem Kranken eine Salbung mit Öl, um ihn auf die letzte Reise entsprechend gut vorzubreiten, falls noch genügend Zeit dazu bleibt. Ein zu früher Tod ist also schon religiös insofern als „unvorbereitet“ und scheinbar zwangsläufig besonders tragisch zu betrachten.

Es bedarf aber auch keines christlichen Glaubens, um sich durch das Schicksal zu früh „abberufen“ zu fühlen.

Umgekehrt gilt ein spontaner Tod sogar als ein gewisses Geschenk, denn oft vermutet man dabei, dass ein solcher Tod zumindest weniger schmerzhaft sei als ein langfristiges Dahinsiechen; zudem entbehrt er die jeweils unterschiedlich lange Phase der Angst vor dem Sterben, weil dem Menschen die indirekte Entscheidung darüber, wann er denn nun von sich aus sterben möchte, entsprechend abgenommen wird. Das letzte gesprochene Wort, das den letzten Abschied so besonders, persönlich und sogar „heilig“ zu machen vermag, wird dann allerdings auch nicht mehr gesprochen.

Jede und jeder mögen insofern selbst wünschen und wählen, auf welchen Tod sie jeweils selbst vorbereitet und insoweit „mit allem fertig“ sein wollen, aber diese Art des „fertig werdens“ bleibt wohl keinem Lebewesen erspart.

Nun bieten die verschiedenen Philosophien und Religionen auch Antworten an, die aus dem „fertig“ entweder einen Neuanfang oder eine Wiedergeburt machen; dann wäre man also wiederum „fartig“ und auf die neue mit Weg und Ziel in jeder Hinsicht wohl unbekannte Fahrt vorbereitet. Darauf zu setzen bleibt natürlich reine Spekulation.

Die Unsicherheit des „fertig“ hat aber nicht nur mit dem Tod, sondern auch mit der eigenen Stellung zum Leben zu tun. Die Angst des Menschen vor dem „Fertig“ kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.

Ich persönlich pflege die persönliche Leidenschaft, das fertig Unfertige dem unfertig Fertigen vorzuziehen, und es, wie ich meine, dadurch sogar in gewisser Weise zu besiegen.

Mein Doktorvater, einer der intelligentesten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe, der hatte eine gewisse Schreibhemmung, deshalb sind nur so wenige von den klugen Gedanken, mit denen er mich infiziert hat, als „Werk“ übrig geblieben. Er wollte immer, dass alles was ihm bedeutsam war, und das ihn jeweils leidenschaftlich interessierte, als „Problem“„vollständig“ durchdacht und „gelöst“ sei, bevor es an das Licht der Öffentlichkeit außerhalb seiner selbst gelangen durfte. Ich hingegen betrachte mich als einen Menschen „leichteren Sinnes“ und mag es, auch mit zum Teil noch „unfertigen“ Gedanken zu spielen, und diese in der Reaktion oder Meinung zweiter bzw. dritter Personen wider zu spiegeln. Das mögen für manche Menschen nur Nuancen des Lebens sein, aber für uns war diese unterschiedliche Position jeweils sehr wichtig, da dies auch die jeweilige Art des persönlichen „Nachlassens“ und des jeweils für wichtig erachteten Erbes betrifft.

Meinen Doktorvater behalte ich insofern primär mehr als „Geist“ denn als „Werk“ in Erinnerung, und wahrscheinlich hat er es auch so gewollt, obwohl er es mir explizit nie so erklärt hat, sondern es ist nur aus seinen Entscheidungen, seinen Worten, seinem Handeln und seinen ansonsten mir gegenüber geäußerten abgeklärten Gedanken zu vermuten. Und der jähe Tod, der ihn mit einem Herzschlag am Flughafen traf, gilt vielen, die ihn kannten und schätzten, auch als ein „glücklicher“ Tod. Er allerdings konnte insofern nicht mehr in Hinsicht auf seine eigene Meinung dazu befragt werden.

Ich wundere mich häufig darüber, wie viele Menschen darunter leiden, „nicht fertig“ geworden zu sein, obwohl dazu durchaus für mich auch „bewundernswerte“ Menschen gehören, und zudem nach meinem eigenen Menschenbild so oder so „alle“ Menschen in einem natürlich nur sehr allgemein gehaltenen Schöpfungssinn bewundernswerte Geschöpfe sind, unabhängig davon ob ich sie persönlich schätze oder Meinungen oder Lebenseinstellungen mit ihnen teile.

Eigentlich gehört es wohl auch zur Natur des Menschen „nicht fertig“ zu werden, denn jeder Mensch kann ja fast so viele Ziele verfolgen und erreichen, wie es selbst wiederum Menschen oder menschliche Verhältnisse gibt. Luhmann hat das ja sehr klug, detailliert und umfassend als die Kontingenz des Lebens schlechthin bezeichnet.

Ich möchte also weder fertig gemacht, noch in allen meinen Bestrebungen fertig werden. Ich springe gerne, so wie es die Art der Romantiker ist, und weiß um die Beschränktheit meiner Möglichkeiten. „Einiges“ erreicht und bewirkt zu haben, was mir wiederum bedeutsam ist, reicht mir insoweit bereits „vollständig“ aus. So mache ich mir schon jetzt aus der eigenen „Beiwelt“ meine spätere „Nachwelt“.

Viele haben gerade aktuell Angst durch Krankheit oder gar Tod im Rahmen von „Corona“ - mit was auch immer - nicht fertig zu werden: Gewünschte Reisen oder Ziele nicht angesteuert zu haben. Manche leiden auch nur darunter, gewisse Lernprozesse, Prüfungen oder Abschlüsse zumindest auf gewisse Zeit nicht vervollständigen zu können. Gerade in einer solchen Krise sollten wir aber lernen, dass „nicht fertig geworden zu sein“ nicht bedeutet, bis dato (dem Zeitpunkt der Quarantäne) nichts Wichtiges geleistet zu haben, bzw. nicht angemessen gelebt oder gearbeitet zu haben.

Wir setzten häufig zu stark auf die Prüfungen und Abschlüsse, und sollten vielmehr darüber nachdenken, ob wir nicht neue Formen der Bestätigung von Leistungen finden, denn selbst wenn ich in einer Prüfung nur 5 von 10 Aufgaben super gelöst habe, bin ich als „Prüfling“ kein Versager, sondern bereits die 5 „Lösungen“ haben an sich einen Wert. Das Kontinuum dessen was man jeweils wissen „muss“, sollte durch Maßstäbe ergänzt werden, die auch nicht prüfungsrelevante Lebensleistungen mit anerkennen. So habe ich gerade in meiner aktuellen beruflichen Aufgabe Menschen kennen gelernt, die für bestimmte Berufe durchaus geeignet waren, deren Prüfungen sie jedoch nicht bestanden hätten oder haben.

Natürlich wird es auch weiterhin „erforderliche“ Prüfungen geben, aber es macht Sinn schon für das eigene Selbstwertgefühl, sich daneben auch eigene Ziele zu setzen, mit denen man „fertig“ werden kann, und darüber hinaus zu lernen, dass es zum Menschsein dazu gehört, nicht mit allem „fertig“ geworden zu sein.

Seien wir vielmehr „fartig“ und auf die spannenden neuen Fahrten vorbereitet, die auch ohne „fertige“ Prüfungen noch vor uns liegen.




Peter Altenberg