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DIALOG DER GENERATIONEN

(konzipiert für eine Familienfeier und vorgetragen mit meinem wunderbaren Neffen Jakob)

 

Uli: Mensch Jakob, als ich in Deinem Alter war da ...


Jakob: ... Du warst nie in meinem Alter.


Uli: Du kannst Dir nicht vorstellen, dass ich auch mal jung war?

Jakob: Ja, klar, Du machst Dich ja jetzt noch, mit fast 60 Jahren, zum Affen. Aber Du warst 15 im Jahr 1968, mein Papa war damals fast schon so alt wie ich und ich bin 18 im Jahr 2011.

Jedes Alter hat eben seine eigene Zeit.

Du warst nie so jung, wie ich das heute jetzt lebe... und ...
Du kannst nie mehr so alt werden, wie ich es heute schon bin.


Uli: Ja Jakob, Du hast recht, gegenüber uns alt gewordenen Jungen seht Ihr wirklich verdammt alt aus.

Wir, ... wir waren ... wunderbar. Wir waren die Rockstars einer neuen Zukunft. Wir hatten Visionen und Träume. Und Ihr ... Ihr seid die telespielenden Affen in Eurer E-Mail-Adresse geworden. Wir haben noch echte Freunde. Wie kann man mit hundert Freunden in Facebook wirklich glücklich sein?

Jakob: Locker Uli, bleib locker.

Nur weil wir nicht immer so ernst und so pseudoverantwortlich wie Ihr sind, so politisch korrekt und solche Spaßbremsen, können wir trotzdem Visonen haben. Nur weil wir nicht auf ein gültiges Ticket für die Zukunft verzichten wollen, sind wir keine neuen Spießer.

Eure Eltern haben insoweit recht gehabt, als sie selbst für sich keine Geschichten brauchten, um so zu sein, wie sie sind. Sie waren halt so. Ihr aber erklärt immer alles so ausführlich. Glaubt Ihr eigentlich Eure eigenen Geschichten über das was Ihr seid, was Ihr wart und was aus Euch geworden ist?

Uli: Naja, weißt Du Jakob, die Zeit ist wie ein Medikament. Sie heilt den Schmerz unserer eigenen Fehler.

Jakob: Nein, nein, für Euch ist die Zeit zu einer Droge geworden. Ihr wollt nicht mehr die sein, die Ihr wirklich wart, und Ihr seid klammheimlich doch zu denen geworden, vor denen Euch Eure Eltern gewarnt haben. Wenn Euch Eure Eltern gewarnt haben ... und das kam wahrscheinlich viel seltener vor als Ihr dies heute zugeben wollt, dann haben sie Euch meist vor sich selbst gewarnt: Vor dem Verlust von Ehre und Romantik, vor dem Verlust der Selbstachtung und vor dem Verlust der vitalen Energie. Ihr aber habt aufgehört uns vor Euch zu warnen. Das ist viel schlimmer. Stattdessen warnt Ihr Euch untereinander vor uns, den Pisagestörten.

Uli: Aber Jakob, das klingt mir zu bitter. Warum sollten wir Euch denn vor uns warnen?

Jakob: Weil Ihr anders seid, und das ist auch gut so. Ihr aber wollt anders und doch nicht anders sein. Ihr braucht die Toskana so wie Eure Eltern den Schwarzwald. Ihr braucht Euren Rotwein, wie Eure Eltern das Bier. Und am Ende liegt die einzige Lust und das einzige Glück, die Euch geblieben sind, auch seltener im Bett als auf Eurem Teller. Eure Eltern haben nach einem Haus, nach einem Auto nach einer Familie gestrebt. Jetzt habt auch Ihr Eure Häuser, Eure Autos und Eure Familien. Was also ist wirklich anders an Euch?

Uli: Wir werden lebendige, andere Alte sein. Wir sind die Verkörperung der Rebellion gegen alle Systeme.

Jakob: Ja, ja, genau und das macht Ihr wirklich sehr systematisch. Ist das nicht ganz schön anstrengend immer anders zu sein? Wo bleiben da die innere Ruhe, die Zufriedenheit und die Gemütlichkeit? Ihr seid wieder mal nur auf der rastlosen Suche nach ewiger Jugend. Könnt Ihr nicht endlich mal ganz normal und auch vielleicht nur einfach ganz alt sein. Uli, ehrlich gesagt, Du siehst zwar anders, aber trotzdem ziemlich alt aus. Wir aber wollen nicht so anders sein, wie Ihr anders wart und seid. Unser Anders sein ist anders als das Anders sein aller anderen. Hört endlich auf zu versuchen uns zu verstehen. Versteht Euch erst einmal selbst.

Uli: Wie meinst Du das?

Jakob: Siehst Du Uli, genau daß Du das nicht verstehen kannst und willst, das ist das ganze Problem.