(zurück zur Übersicht) Mein Bloghaus (zurück zur Übersicht)

 
 
   
 

Die Krake "IKEA-Family" -
ein verwunschener Ort
für Enthusiasten aber auch für Masochisten

 

IKEA, das ist keine Marke, das ist eine Lebensweise.

"Bei uns sollen die Menschen den Tag verbringen. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie etwas für die ganze Familie tun, wenn sie zu uns kommen. Ja, wir wollen so etwas werden wie Disneyland."
(Ikea-Chef Dahlvig nach https://www.stern.de/wirtschaft/news/moebelhaus-ein-mann-vermoebelt-die-welt-5549780.html

"Damit die weltweite "Markt-Penetrierung" auch funktioniert, basteln Marketingexperten an einem neuen Image, an einem "brand name", der mittlerweile ähnlich bekannt ist wie der von Coca-Cola. Vergangen die Jahre, als Ikea für "Ich kriege einen Anfall" stand. Vorbei die Zeiten des Billigmarktes für piefige Selbstabholer mit masochistischer Montierwut. Dieter Bohlen lebt in Ikea-Mobiliar, Norwegens Prinzessin Mette-Marit schleppt Ikea-Tüten. Weg mit dem dämlichen Elch - wer heute Ikea kauft, soll trendy sein! "Er erwirbt den schöneren Alltag gleich mit", schwärmt Bagher Pirouz von der Hamburger Werbeagentur "weigertpirouzwolf""
(https://www.stern.de/wirtschaft/news/moebelhaus-ein-mann-vermoebelt-die-welt-5549780.html). Im Kern ist IKEA aber geblieben, was IKEA immer schon war, ein "Home" für die gebildetere oder avanciertere Mittelschicht.

"Ikea entspräche schließlich dem Lebensgefühl einer neuen, internationalen Generation: 'Positiv, offen, flexibel, durchaus selbstkritisch und auch irgendwie ehrlich', glaubt Pirouz, 'die Menschen haben Spaß am Zuhause, am Leben mit Kindern. Und sie haben eine gewisse Sparsamkeit.' "Homing" heißt das Zauberwort der verängstigten Wohlstandskinder: Die Zukunft ist unsicher wie nie, also wird die Wohnung zur Festung der Liebe. Dort gilt familiäres Kuschelgebot mit Espressomaschine und Teelichtern. Er kocht, sie sitzt am Computer, die Kinder spielen auf dem Sofa, aber bitte in coolen Möbeln zum coolen Preis. 'Ikea soll ein richtiges Ausflugsziel werden', sagt Ikea-Chef Dahlvig. 'Bei uns sollen die Menschen den Tag verbringen. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie etwas für die ganze Familie tun, wenn sie zu uns kommen. Ja, wir wollen so etwas werden wie Disneyland.'" (Stern 23.5.2003; Quelle siehe oben)

Und das schon vor 20 Jahren erstrebte moderne lässige "Homing" hat ja gerade erst durch Corona wieder eine neue, "zweite" Renaissance erfahren.

"Der Einzug der Selbstdarstellung in die eigenen vier Wände. Nie haben wir mehr Zeit in unseren Zimmern verbracht als in den letzten Monaten. Einrichtung ist das Statussymbol der Stunde. ... In das erste eigene Zimmer außerhalb des Elternhauses zu ziehen ist ein Akt von Freiheit und Selbstständigkeit, es einzurichten ein Symbol von Emanzipation, vom Beginn eines Lebens fern von Kinderbüchern, Teenagergefühlen und Elternregeln. Es bietet die Möglichkeit, den eigenen Erinnerungen, der eigenen Ästhetik und dem eigenen Wohlbefinden Platz einzuräumen und so an Lebensqualität zu gewinnen. Einrichten macht außerdem Spaß – es ist ein kreativer Prozess, der im Idealfall die eigenen Vorlieben und den eigenen Geschmack vergegenwärtigt. Viel zu oft wird dieser Prozess jedoch nicht von den persönlichen Bedürfnissen, sondern vom Urteil anderer abhängig gemacht. Dies führt zu einer uniformen Einrichtung, die Individualität nur noch in der Auswahl der eigenen Urlaubsfotos zulässt" (aus einem Berliner studentischen Magazin im April 2022, https://furios-campus.de/2022/04/08/der-einzug-der-selbstdarstellung-in-die-eigenen-vier-waende/).

In Krisenzeiten achten wir einfachen und "normalen" Menschen wohl um so mehr auch auf den Preis. Gewandelt indes haben sich dazu aber auch die Ansprüche an die "Nachhaltigkeit", die Qualität oder dem Lieferservice bei der Erneuerung und weiteren Ausdifferenzierung unserer persönlichen Selbstdarstellung, unseres privaten Impression Managements.

Wussten Sie eigentlich, bzw. ist noch in Ihrem Gedächtnis geblieben, dass IKEA Kindermöbel aus Holz von illegal gerodeten Urwäldern fertigen ließ? (https://www.oekoreich.com/medium/skandal-bei-ikea-kindermoebel-aus-holz-von-illegal-gerodeten-urwaeldern). Wahrscheinlich nein, denn IKEA ist wie unsere alte Deutsche Kanzlerin, ein Teflon-Produkt. An IKEA bleibt nichts haften, Missstände der kleinen Art (siehe unten), die hält man eher für anormal und nicht treffend, und große Skandale, die gehen einfach unter. Die Wirtschaftswoche schreibt zu Recht, "IKEA steht für ein besseres Lebensgefühl"; und das eigene Lebensgefühl "ändern" die Menschen nun einmal besonders ungern.

"Warum kein Skandal Ikea schaden kann.
Was macht die Faszination aus? Schließlich ist es nur ein Möbelhaus. Nein, es ist viel mehr als ein Möbelhaus. Ikea verkauft ein Lebensgefühl, das man immer wieder auffrischen kann. Sobald sich in meinem Leben etwas ändert, kann ich für wenig Geld meine Einrichtung den neuen Umständen anpassen. Selbst 75-jährige Senioren gehen heute zu Ikea – in dem Bewusstsein, dass sie diese Möbel überleben werden. In einigen Jahren gehen sie wieder hin und kaufen das, was ihnen dann gefällt oder ihren neuen Lebensumständen am besten entspricht." (https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/40-jahre-ikea-in-deutschland-warum-kein-skandal-ikea-schaden-kann/10831416-2.html)

Die selbsternannte kulturelle "Elite" setzt allerdings mehrheitlich nicht oder nicht mehr auf IKEA.

IKEA "Möbel" überlässt man dem "Pöbel".

In den Wohnungen der wirklich Reichen und Wohlhabenden da zählen heute die handgefertigten Einzelstücke mit Stil- und Designgeschichte, vermarktet über die Stilwerke und manufaktumartigen teureren Möbel-Erlebniswelten. Mal stand früher ein "Jugendstil" unmittelbar während und vor allem nach der überlebten Gründerzeit im Kurs, und heute setzen viele, die es sich leisten können, vielleicht immer noch auf "echte" Originale des Bauhauses mit seinen Epigonen bzw. sie folgen irgendeinem avantgardistischen asiatischen Exoten des modernen pseudomeditativen Lebens.

Der Mittelstand setzt indes als Pseudoavantgarde nach IKEA auf Landhausstil oder Vintage.

Selbst Schwulsein bedeutet häufig auch "anders" zu wohnen und "andere Einrichtungsstile" zu pflegen. Für die Normalos und Heteros schwingt da immer auch ein gewisses Vorurteil gegen die undurchschaubare Finanzwelt der "oberen" Eliten mit, dass nämlich "die" "Genderisierten" ja eher aus den reicheren und gebildeteren Familien stammen, und dafür folglich auch mehr Geld haben. Ein subkutanes Ressentiment wird dabei virulent, was sich zwar aus gewissen Fakten, nämlich den Mehrausgaben für Interior Design und Mode in queeren Welten, speist, sich aber darüber hinaus historisch auch über die Kritik am an den Finanzen (also dem Geld) orientierten "extravaganten" Leben derer "da oben" - über den Antisemitismus einer antizipierten Rockefeller-Verschwörung - bis schließlich hin zur hass-, aber auch neiderfüllten Homophobie gegen die queere "Genderwelt" übertragen hat. (https://www.queer.de/detail.php?article_id= 29251).

IKEA, das ist eine eigene ebenso "andere" eher biedere Lagermentalität, in die inzwischen auch ganz allgemein Kleidung und Mode oder die Ausstattung von Garten und Terrasse hineinwachsen. Das schwule CAMP hingegen mit seinem "Tuntenbarock" distanziert sich vom schlichteren skandinavisierten und inzwischen auch stark asiatisierten trivialen IKEA-Camp durch auffällige Farben, schräges Design oder den humorvollen alles erlaubenden "cultural clash" und Gag:

"Während die bürgerliche Feuilleton-Hochkultur über geschmacklosen Kitsch die Nase rümpft, erfährt dieser durch Camp eine Neubewertung. Die Camp-Sensibilität schwankt dabei zwischen tiefer Bewunderung und ironisch-distanzierter Belustigung. Der Unterschied zwischen Kitsch und Camp liegt also vor allem im Auge des Betrachters. So sind auch alte Schmachtfetzen wie „Sissi“ mit opulenter Ausstattung und süßlichem Herz-Schmerz Paradebeispiele für nostalgischen Camp – obwohl die Filmemacher das sicher nie beabsichtigten. Die halb-ironische „Camp-Brille“ wertet insbesondere Popkultur auf: So werden auch Disney-Musicals, Seifenopern oder der Eurovision Song Contest mit seinen Trickkleidern, Bühnen-Gimmicks und fragwürdigen Gesangskünsten zu Camp-Highlights. Nicht umsonst ist Lady Gaga eine Gay-Ikone. Sie hat die Prinzipien der Camp-Ästhetik verinnerlicht – und weiß, wie sie ihre LGBTQ Fans um den Finger wickelt. Denn Camp ist ein zutiefst queeres Konzept. Direkt kann man den Begriff mit „gekünstelt“, aber auch „tuntig“, übersetzen. Die Camp-Sensibilität ist in der queeren Subkultur verwurzelt. Oscar Wilde gilt mit seinem Dandytum und Ästhetizimus als einer der Vordenker von Camp: ‚The first duty in life is to be as artificial as possible. What the second duty is no one has as yet discovered.‘ Im Deutschen begegnet uns im Zusammenhang mit exzessiv-opulentem Einrichtungsstil à la Harald Glöööckler nicht von ungefähr der Begriff „Tuntenbarock“. (Dies muss nicht abwertend gemeint sein, sondern kann auch liebevoll eingesetzt werden)." (https://www.sisi-agentur.de/ blog/2020 /06/lgbtq-trends-3-camp-queer-style-marketing/)

Das skandinavische Design, das früher ebenfalls ein Rückzugsbereich erfolgreicher Moderner war, wurde über die Jahrzehnte indes vor allem durch IKEA verbilligt und trivialisiert.

Ich stamme aus einer deutschen "Eichenholzdynastie". Das Haus meiner Großeltern machte mir mit seinen dunkelbraun holzvertäfelten Fluren schon als Kind vor allem eins, nämlich abgrundtief Angst, und tiefbraun bis mittelbraun gebeizte Eichenmöbel erinnern mich heute immer noch an die eher dunklen autoritären Kapitel der deutschen Geschichte, für die auch ein erheblicher Teil meiner Familie stand. Meine Eltern und viele unserer Verwandten deckten sich ebenfalls, bis weit über den Tod meines Vaters Anfang der 60er Jahre hinaus, konsequenterweise vor allem mit massiver Eiche ein. Diese Möbel waren als meist handgefertigte Einzelstücke, so wuchtig und massiv wie die verlogene bitterböse bigotte deutsche Familienideologie. Und doch habe auch ich selbst in einer solch langlebigen und eher brutalen Eichenwelt im Gegensatz zum falschen Deutschtum - vor allem durch meine eigene Mutter - auch in der Kindheit eine tiefe Liebe zum "wirklichen" Leben erfahren dürfen, die eben nicht nur an das Interieur der Möbeleinrichtung im Hause gebunden bleibt. Eichenmöbel verkörpern für mich insofern ein sehr widesprüchliches Double-Bind. Nach dem Tod meiner Mutter waren die ererbten Kolosse der Eichenzeit, obwohl in ihrer Herstellung sehr aufwendig und auch schon damals sehr teuer, für jüngere Semester zu behäbig und entsprechend kaum zu verkaufen. Wer will schon einen riesigen Sekretär oder einen vitrinenartigen Elefanten aus eher dunkel gebeizten Eichenholz in seiner mittelständigen Wohnung stehen haben? Wenn überhaupt Eiche, dann muss die Oberfläche heutzutage auf eine moderne Weise abgeschliffen oder aufgehellt sein, aber die dunkle Eiche des beginnenden letzten Jahrhunderts, die ist für den Schwebezustand der Neuzeit einfach zu "schwer". Vielen meiner damals noch ebenso jungen deutschen Mitbürger ist es in den 60er und 70er Jahren fast genau so ergangen. Sie flüchteten vor der Eiche in das auch einfacher zu konstruierende und für flexiblere Lebensverhältnisse mobilere skandinavische IKEA Design.

Honnecker ließ für die Devisen der DDR ganze Fichten- und Kiefermonokulturen anpflanzen, unter denen Brandenburg noch heute zu leiden hat, um sie an Unternehmen wie IKEA zu verkaufen, und DDR-Bürger schufteten in ihrem Land auch noch zu Mindestlöhnen für diesen Konzern. Ikea, Aldi, Siemens, Quelle und Linde haben einer Studie zufolge sogar von der Zwangsarbeit in den Gefängnissen der DDR profitiert. (https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ deutsch-deutsche-geschichte-wie-west-firmen-von-der-ddr-zwangsarbeit-profitierten-1.2000526)

Während heutzutage jüngere und kreativere Menschen sowohl aus finanziellen Gründen als auch aufgrund der allgemeinen Lebens- und Stilverunsicherung in ihren jeweils eigenen Stilmix von Shabby Chic aus vielfach über Flohmärkte erworbenen und ererbten Möbelstücken flüchten, und auf individuelle Weise ihre Retrowelle pflegen, gehöre ich noch zur ersten Generation IKEA, deren Karriere mit den Billigregalen Ivar und Billy für den akademischen Nachwuchs begann. Wir haben uns damals für wenig Geld von IKEA vermöbeln lassen.

"Ein Mann vermöbelt die Welt. Der Schwede Ingvar Kamprad will erst Ruhe geben, wenn er die ganze Menschheit mit "Billy"-Regalen ausgestattet hat. Seit 60 Jahren arbeitet er geduldig und höchst kreativ daran - und schuf aus einem winzigen Versandhandel eine einzigartige Möbelmaschine." ("https://www.stern.de/wirtschaft/news/moebelhaus-ein-mann-vermoebelt-die-welt-5549780.html)

IKEA wuchs mit dem Wohlstand und der Lebensart dieser Generation mit und entwickelte eine eigene Family, die es auf geschickte Art und Weise vermochte die Welt des Fastfood mit der Welt des Fastliving miteinander zu verbinden. Inzwischen findet man durchaus auch hochpreisigere Einzelstücke in den Verkaufsräumen von IKEA, aber typisch für diese "Familie" sind immer noch die relativ schnell und vor allem billig selbstmontierten Möbel, verkauft oder geliefert in Einzelteilen.

Möbel haben mich in meinem Leben auch insofern begleitet, als mein geliebter Stiefvater ein großes Möbelhaus auf der „Kettwiger“ Haupteinkaufsstraße in Essen leitete. Er machte mich früh mit der in der Möbelbranche weit verbreiteten Einstellung in Kontakt, dass der Kunde in den Nach-Nachkriegsjahren nicht mehr nur primär „König“ mit all seinen einfachen Konsumprivilegien sein wollte, sondern sich eher als ein möglichst über seine erstrebten Produkte schon vor deren Kauf als „allwissender“ Fachmann betrachtete, dem man mit seinem Wissen über das zu erwerbende Prachtstück als Möbelverkäufer eher „einheimelnd“ schmeicheln sollte, damit sie/er von ihren/seinen ursprünglichen relativ klaren Einkaufsabsichten und -plänen mit dem Möbelfachberater zusammen im intensiven intimen Gespräch zukzessive zu einem höheren und differenzierteren Einkaufsvolumen gebracht werden konnten. Dies ist noch immer die Politik der großen Möbelhäuser, während das Discounterunwesen wie im Lebensmittelhandel parallel dazu auch im Möbelhandel immer mehr Einzug hielt.

So findet man inzwischen auch skandinavisches Design sogar in den Kaufhäusern der "Schrankwandästhetik", die früher oft auch als „Billigheimer“ vor allem nur auf die erst funierte und dann bedruckte Welt der Pressspanplatten setzte, bis diese beginnend mit den 70er und 80er Jahren schließlich auch als gesundheitsschädlich immer mehr in Verruf gerieten.

Viele herangewachsene Bildungsbürger, die in der Ivar und Billywelt aufgewachsen sind, vergessen gerne, dass IKEA längst nicht mehr nur massive skandinavische Flexmöbel aus Kiefer oder Fichte verkauft. Unter der Hülle der leinenbezogenen Sofas und beschichteten Schränke im mittleren Preissegment verbergen sich nach wie vor auch die ungeliebten Spanplatten aus der ehemaligen Billigwelt des unteren Levels der Möbelsozialversorgung. Mit IKEA kann man maximal ein- oder zweimal umziehen, dann sind auch diese montierbaren Flexmöbel mit ihren gesteckten und geschraubten Scharnieren und Bindern eigentlich längst verbraucht. IKEA lebt von der Ideologie des steten Mitnehmens in einem flexibler gewordenen Leben, obwohl sich die Endlichkeit der Billigmöbel spätestens auf den Müllhalden der Wohlstandsmoderne zeigt.

IKEA ist inzwischen global und allgewaltig geworden. Gerne habe ich bei meinen zahlreichen Fahrten zwischen Berlin und Westdeutschland, wie die Neuberliner, wie ich, zu sagen pflegen, andere Mitfahrer mitgenommen, um schon die Kosten für das Benzin für die vielen Fahrten zur Betreuung meiner Mutter dort zu drücken. Immer wenn wir dann auf der Rückfahrt nach Berlin auf die A 100 einbogen, bereitete ich meinen eigenen und für mich selbst zur Institution gewordenen „Runnig-Gag“ vor. Kurz vor dem Südkreuz verkündete ich meinen insofern erstaunten Mitfahrern, dass wir in Kürze an einer der wichtigsten, den ganzen Stil der Stadt sehr weit prägenden Berliner Kultureinrichtungen vorbei fahren würden, die vielen Berlinern als solche auch noch gar nicht bewusst sei. Meinen häufig intellektuellen, sehr kulturverbundenen und an wichtigen Kultureinrichtungen in Berlin interessierten jungen Leuten als Mitfahrer(innen) waren „Bildungslücken“ dieser Art insofern eher unangenehm, wo sie doch eher meinten alle wichtigen Einrichtungen des Berliner Kulturlebens bereits längst kennengelernt zu haben. Als ich dann aber beim Vorbeifahren an der Ausfahrt Alboinstraße auf der Berliner Ringautobahn auf die helle gelb-blaue Leuchtreklame von IKEA verwies, lichteten sich die Gesichter meiner Mitfahrer mit einem Grinsen oder gar einem Lachen und sie waren mal wieder meinem IKEA-Running-Gag auf den Leim gegangen.

Faszinierend an der IKEA-Family ist, dass man sie aufgrund der ursprünglichen offenen Antiästhetik zur geschlossenen deutschtümelnden Schrankwandwelt, egal ob billig in Pressspan oder teuer aus Eiche, sowie aufgrund der im Vergleich zu anderen Möbelhäusern oft niedrigen Preise andererseits auch tatsächlich "lieben" konnte. Oft aber auch konnte man beim aufwändigen und manchmal sehr zeitraubenden Zusammenbau der Stücke an der eigenen technisch/handwerklichen Unfähigkeit - oder dem Widerwillen der an den Aufbau- und Montageaktionen beteiligten Lebenspartner entsprechend erfolgreich dabei zu kooperieren - schier verzweifeln.

Der Möbelkauf an sich hat durch den Zwiespalt des Geschmackempfindens von Menschen bereits oft schon ganze Ehen zerstört. Montiert man die neuen Möbel aus Teilen aber gar noch selbst oder "gemeinsam" zusammen, so kann dies ebenfalls in einem massiven Streit enden. Der Schweiß des Selbsttransportes und der Montage ist nun einmal das masochistische Element, das ganz selbstverständlich zum Möbeleinkauf bei IKEA dazu gehört.

"Amazing: Watch People Assemble Ikea Furniture On Psychedelics. For everyone who isn’t a masochist, assembling Ikea furniture is hell. The best case scenario is you spend two hours cursing and end up with a cheap piece of disposable furniture that you’ll have to throw away the next time you move. But what if you assembled that cabinet set while insanely high on psychedelics?" (https://thefreshtoast.com/daily-delight/amazing-watch-people-assemble-ikea-furniture-on-psychedelics/)

Am Berliner Südkreuz sieht man im öffentlichen Nahverkehr zudem die ulkigsten Transportweisen überfüllter Einkaufstaschen oder den labilen Möbeltransport per Einkaufstrolley vor allem „autofreier“ junger Leute; aber auch die Verrenkungen der etablierteren PKW-Fahrer(innen) beim Verstauen der Teile in den für den Transport sperriger Möbel, auch in Einzelteilen, eigentlich nicht gedachten Fahrzeugen sind aus der voyeuristischen Beobachterperspektive höchst amüsant.

IKEA, das ist inzwischen auch ein Irrgarten geworden, und die räumliche Verirrung und Verwirrung der Kunden wird sogar gezielt eingesetzt, um die Kunden zu noch mehr Einkäufen zu bewegen:

"Gefangen im Irrgarten von IKEA ... Stockholm - Nach einer Studie des britischen Architektur- und Stadtplanungsprofessors sollen die endlos runden und stets in den Vororten großer Ballungszentren erbauten Ikea-Warenhäuser absichtlich wie Labyrinthe konzipiert worden sein. Die größte schwedische Boulevardzeitung "Aftonbladet" machte das Thema groß auf. 'Bei Ikea gehst du in ein Labyrinth. Das ist der Trick', warnt das Blatt, und Penn erklärt: ‚Der Trick ist, dass der Kunde auf eine Weise durch das Warenhaus geführt wird, die das Zurückgehen erschwert. Wenn man etwas sieht, stopft man es in den Einkaufswagen, weil man später nicht mehr an den gleichen Ort zurückkommt.‘ In anderen Warenhäusern hingegen wisse der Kunde, wo er rein- und wieder rauskomme. Der Ikea-Effekt werde zusätzlich durch die Abseitslage der Warenhäuser flankiert: Käufer hätten das Gefühl, sie müssten "die Chance nutzen, wo man schon mal da ist". "Ikea-Masochisten" werden immer mehr." (https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt. einkaufspsychologie-gefangen-im-irrgarten-von-ikea.b05c3ced-a825-4754-abc2-8056cbb8f06e.html)

Der schnelle Einkauf beim skandinavischen Möbeldiscounter wird um so mehr zur Karikatur, wenn man die Kunden beim abschließenden Belohnungsessen nach dem Einkauf an den bekleckerten Stehtischen beobachtet. IKEA hat sich zur Kundenbindung einfallen lassen, dass der für Skandinavien scheinbar so typische billige Hotdog (Ist er wirklich für die nordischen Länder so typisch, oder nicht doch eher ein amerikanischer Import?) den würdigen Abschluss und Ausgang aus der IKEA-Welt darstellt. So wie man seine Möbel später zuhause selber montiert, so "montieren" die Kunden im Stehrestaurant ihre im Brot selbstgefällig schlummernden und dann "kreativ" zu garnierenden Würstchen. Da alles ab dem Kauf der Wurst und des häufig dazugehörenden Pappbechers als „Zugabe“ gratis ist, türmen sich auf den Würstchen so viele Saucen, Gurken, Zwiebeln oder neuerdings auch Krautsalate, dass die Portionen kaum mehr in den eigenen Mund passen, und dann die in der Schwerkraft versinkenden fallenden Einzelteile und Krümel als Essensreste auf den Tischen der allzu gierigen Konsumenten zerstieben. Ständig sind Reinigungskräfte, zumeist keine BIO-Deutsche, wahrscheinlich zu eher niedrigen Löhnen bemüht das kulinarische Desaster bei IKEA möglichst flink unsichtbar zu machen. Schnell werden auch, ebenfalls oft mehr als hastig, bewusst viel zu kalte (um den Konsum durch IKEA-Kunden zu drosseln) und überzuckerte Softdrinks bis hin zur absoluten Magenfülle eingeworfen, bevor man sich dann „rundum“ zufrieden aus seiner Erlebniswelt wieder verabschiedet, und sich mit der gekauften Beute auf dem Einkaufswagen von der geliebten Familie der IKEA Spontankäufer befreit.

Ärgerlich ist in der Kommunikation mit IKEA und Konsorten insbesondere das penetrante undistanzierte Du, denn bekannterweise lässt sich schwerer Du Arschloch als Sie Arschloch sagen, wenn man sich durch einen Lieferanten überrumpelt oder gar bei zugesagten und nicht erfüllten Garantieleistungen betrogen fühlt. Der Masochismus geht dann so weit, dass man anstatt sofort und konsequent in solchen Fällen Anwälte einzuschalten, man selbst oft immer noch irgendwie gutwillig bereit ist, die sich hinter den Nettigkeiten zahlreicher Mitarbeiter verbergenden Missstände im Hause IKEA viel zu lange zu akzeptieren und zu ertragen. Nach dem Kauf verbringt man infolgedessen oftmals auch noch viel Zeit in den Schlangen vor den Reklamationsschaltern bei IKEA, und die Zuständigkeiten vor allem bei größeren und komplizierteren Problemen, sind bei IKEA meist relativ ungeklärt und für den Kunden intransparent.

"Der Konzern stand über die Jahre immer wieder in der Kritik, sei es die Nazi-Vergangenheit des Gründers, die niedrigen Löhne oder die Überwachung von Arbeitern. Warum sind all die Vorwürfe an Ikea abgeprallt? Ikea hat es verstanden, keine hierarchischen Verhältnisse zum Kunden aufzubauen. Das „Du“ in der Werbung oder die Namen für die einzelnen Möbelstücke zeigen dem Kunden, auf einer Ebene mit dem Unternehmen zu sein. Diese liebevolle und fürsorgliche Seite von Ikea hat es bislang geschafft, die Skandale zu überdecken." (https://www.wiwo.de/ unternehmen/handel/40-jahre-ikea-in-deutschland-warum-kein-skandal-ikea-schaden-kann/10831416-2.html)

Einerseits rühmt sich die IKEA-Family der absoluten Kulanz, andererseits externalisiert IKEA aber auch seine Leistungen. Das Unbequeme, ob Reparaturen oder Garantieleistungen wird von IKEA gezielt an Lieferanten delegiert. Zwei Fälle dieser Art, um das „positive“ IKEA-Bild zu relativieren, seien hier nun noch im Anschluss aufgeführt.

Es handelt sich um die nachfolgenden beiden "Episoden", mit "Petitessen" eigentlich aus meinem eigenen IKEA-Leben, die sich in der durch mich wahrgenommenen und erlebten Verachtung gegenüber den eigenen Kunden allerdings eigentlich kaum ein anderes größeres Unternehmen vergleichsweise hätte leisten könnte. Gerne würde ich deshalb sogar zum Boykott von IKEA aufrufen, und dann haben sich meine Frau und ich doch trotz unserer erheblichen und berechtigten Kritik an IKEA wieder bigott zum Kauf eines IKEA-Schlafsofas für unsere Wohnung verführen lassen. IKEA scheint unzerstörbar und unverwüstlich, obwohl dahinter doch, wie bei den anderen Unternehmen auch, nur eine Philosophie des wüsten Geldscheffelns steht, mit einer ganz eigenen Form nicht nur des "green"- sondern vor allem des "social"-washings.

 

Episode 1:

Seit Frühjahr 2022 ist der Geschirrspüler in unserer Wohnung defekt. Zuerst wendeten wir uns auf der Basis unserer Rechnung an die Firma IKEA, von der wir die Spülmaschine im Rahmen einer größeren Komplett-Küchenanschaffung (ebenfalls von IKEA) im November 2018 gekauft hatten. Obwohl wir IKEA bei der Reklamation die exakte Artikelnummer auf der Rechnung mitteilten, wollte IKEA von uns erst noch eine an unserem Gerät fehlende Geräte-Identifikationsnummer, die ich erst mühsam im Internet über Reklamationen beim Hersteller ausfindig machen konnte. Bis dahin ließ man uns einfach nur mehrere Tage lang warten, ohne weiter zu agieren. Dann aber sah man sich bei IKEA doch gezwungen - aufgrund unserer inzwischen noch genaueren Angaben und der von IKEA zugesagten 5-jährigen Garantie (das Gerät war zum Zeitpunkt des Schadens nur 3,5 Jahre alt) - die Firma AEG als Hersteller zur Überprüfung der Garantieleistung zu kontaktieren, für die man uns endlich nach Wochen die genauen Kontaktdaten nannte. Diese Firma wiederum kontaktierte eine Drittfirma Oeser in Erfurt, um in ihrem Auftrag die Maschine entweder reparieren oder entsprechend auszutauschen zu lassen.

Unsere Maschine zeigte den „berühmten“ Fehler I30 an, den wir bisher allerdings nicht kannten. Solche Fehler von IKEA Maschinen werden bereits im Internet vorgestellt und diskutiert.

(Quelle: https://meinmacher.com/blog/ikea-geschirrspueler-die-4-haeufigsten-fehler)

Am 23. Mai 2022 bekommen wir dann schließlich tatsächlich einen Termin für die Reparatur für die Spülmaschine, wohl gemerkt eineinhalb Monate später, am 4. Juli 2022. Die Firma Electrolux aus dem Konzern der AEG betont bei der Ankündigung des Technikerbesuches zudem ihre „Sorge“ für ihre Kunden: „Auch unsere Techniker:innen werden weiterhin auf die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltags-FFP2-Maske) achten. Damit stellen wir gemeinsam sicher, dass alle gesund bleiben und wir auch morgen für Sie und unsere Kunden:innen da sein können.“ Dass der Monteur von der Firma Oeser im Auftrag der Firma Electrolux natürlich dennoch keine (!) Maske trug, schließlich haben wir bereits Sommer für die Reparatur, versteht sich inzwischen von selbst. Es erscheint dann bei uns ein sehr netter, scheinbar auch kompetenter Mitarbeiter, der, wie er sagt, nur schnell ein neues Ventil einbauen muss, und damit sei der Schaden behoben. Ein kurzes ebenso nettes Gespräch miteinander, und der allzu schnelle provisorische Rückbau der Spülmaschine (so als ob der Monteur bereits darauf warte, dass er wohl noch einmal kommen muss) war erledigt. Und tatsächlich: Kaum ist er weg, und die Spülmaschine wird durch uns in Betrieb gesetzt, läuft ein Rinnsal von Wasser unter der Spülmaschine heraus direkt in die Küche. Es erfolgt eine telefonische Rückmeldung durch mich mit einer entsprechenden Reklamation meinerseits. Bis zum Zeitpunkt dieser ersten „Reparatur“ gab es kein Wasserleck an dem Gerät, nur die oben beschriebene Fehlermeldung. Noch am gleichen Tag nach der „Reparatur“ leckte das Gerät also an der Vorderseite, woraufhin der Monteur, der die erste „Reparatur“ bewerkstelligt hatte, uns während eines direkten Telefonates mit ihm mitteilen ließ, dies läge nun daran, „dass der untere Spülarm noch ausgetauscht zu werden habe“, den der Mitarbeiter aber leider bei der Reparatur nicht dabei gehabt hätte. Er werde nun unmittelbar „per Express“ einen neuen Spülarm an uns versenden lassen, aber trotz der neuen Dringlichkeit erfolgte auch diesmal tagelang nichts weiter, also kein Express (!). Eine Woche später am 7. Juli musste ich die Reparatur wiederum schriftlich per Mail anmahnen. Die Arbeitszeit des Technikers, obwohl seine Tätigkeit im Rahmen der Garantieleistung erfolgte, will man uns dann auch plötzlich noch zusätzlich in Rechnung stellen, was die Firma jedoch, was man hier fairerweise hinzufügen muss, dann doch schnell kurzfristig wieder zurück nahm. Am 2. August 2022 ist der untere Spülarm immer noch nicht bei uns eingetroffen.


Von einem Speditionsunternehmen erhalten wir endlich zu unserem Erstaunen die folgende Nachricht:


Es scheint so, dass sich der Versender also weder auf die Reparatur der Maschine noch auf die fehlerfreie Versendung von Ersatzteilen versteht. Auch das Versandunternehmen will uns nun finanziell für die Fehllieferung in Anspruch nehmen:


Die Reparatur der Spülmaschine ist inzwischen seit mehreren Monaten zu einer "never ending story" geworden. Zwar entschuldigt sich der Monteur der Firma Oeser für die Schlampereien beim Lieferanten Electrolux bzw. im eigenen Hause, aber noch immer müssen wir nach gut einem halben Jahr trotz Garantie und Gewährleistung durch IKEA unser Besteck und unser Geschirr weiterhin von Hand waschen.

Als die erste Lieferung endlich ankommt, stellt sich heraus, dass wir einen bereits defekten und gebrauchten Spülarm statt eines neuen Ersatzteiles erhalten. Wieder dauert es ca. 2 Wochen, bis wir endlich den wirklich neuen Spülarm mit einer zweiten Lieferung erhalten. Und, nachdem wir selbst diesen "neuen" Spülarm statt des alten Spülarmes auf seine Fassung stecken, welch ein Wunder, leckt die Maschine weiter. Es ist so als ob sie uns sagen wollte, ich habe im Auftrag von IKEA Appetit auf Euer Geld und einen Neukauf einer weiteren IKEA-Maschine durch euch bekommen. Ich sende zu unserer Entlastung die Fotos von der defekten Maschine und der Pfütze, die sie in unserer Küche verbreitet an die Firma Electrolux. Ursprünglich hatte ich mich noch einmal an die Firma Oeser in Erfurt gewendet, da diese ja zumindest für die erste Reparatur verantwortlich war. Diese teilt mir nun lakonisch mit, dass sie für den Einzugsbereich Berlin gar nicht zuständig sei, und diese Aufgabe nur "fälschlicherweise" übernommen habe. Und bei Electrolux sagt man mir während der neuen telefonischen Terminabsprache, dass man mit den Leistungen dieser Firma in der Vergangenheit eh‘ nicht zufrieden gewesen sei, und dass man uns jetzt einen kompetenteren Mitarbeiter aus dem eigenen Haus zu uns für die 2. Reparatur entsenden werde. Jetzt bekomme wir also einen weiteren 2. Monteurtermin, wieder erst einen Monat später, also am 22.9.2022 (ganze 3 Monate nach dem ersten Monteurbesuch). Der Nutzungsausfall der Spülmaschine beträgt inzwischen mehr als ein gutes halbes Jahr. Die Lieferfirma wird, statt sich für all die Unannehmlichkeiten zu entschuldigten, aber noch dreister:

Der „kompetentere“ Mitarbeiter der Firma Electrolux (im hausinternen Vergleich zur Firma Oeser), dessen Bericht mir inzwischen per Mail zugesandt wurde,sagte mir noch vor Ort, dass das Leck durch Löcher im Edelstahl-Kesselboden zustande käme, die er mir auch zeigte. Alle Löcher waren klein und rund, regelmäßig im Kreis um den Spülarm verteilt und von exakt gleicher Größe. Diese Löcher seien nach seiner persönlichen Meinung aufgrund des Erscheinungsbildes allerdings kein Salzfraß (!). Als Laie hatte man eher den Eindruck als ob der erste Monteur beim Einbau des Ventiles den Rückbau eines weiteren Teiles vergessen hatte. Der zweite nun "kompetentere" Monteur telefonierte dann in meiner Gegenwart mit seiner Zentrale, um eine kulante möglichst schnelle Lösung für uns zu erwirken. Man teilte ihm aber von dort per Telefon förmlich mit, obwohl der Monteur selbst damit unzufrieden war, dass er dennoch einen Bericht mit der „Ursache Salzfraß“ anzufertigen habe, und dass die Firma IKEA dies in den Garantiebestimmungen entsprechend ausgeschlossen habe. Ich war während dieses dubiosen Telefonates selbst anwesend und konnte kaum glauben, was ich entsprechend mithörte. Er entschuldigte sich zwar auch noch bei mir persönlich, dass er, trotz anderer persönlicher Meinung, den aufgetretenen neuen Schaden nun nicht kurzfristig habe regeln können, und schlug mir vor stattdessen eine neue Kulanzlösung mit der Firma IKEA anzustreben.

Der Zynismus der Firma Electrolux danach ist insofern kaum noch zu übertreffen. Am 26. September 2022, nachdem der Wasserschaden durch die Spülmaschine immer noch nicht behoben ist, erhalten wir eine Mail des folgenden Inhalts: „Wir würden uns über Ihr Feedback freuen. Lassen Sie uns wissen, welche Erfahrung sie mit unserem Service gemacht haben. Dein wertvolles Feedback hilft uns, Electrolux noch besser zu machen. Bitte erzähl uns mehr über deine letzte Erfahrung mit dem Service. Das hilft uns, unsere Angebot weiter zu verbessern.“ Obwohl ich weder Freunde oder Bekannte bei den Firmaen Electrolux bzw. AEG oder IKEA habe, und mir solche auch inzwischen weder wünsche, noch mir eine solche Freundschaft vorstellen kann, werde ich jovial und fast schon unverschämt dabei geduzt, so wie Menschen als Strafgefangene oder Delinquenten auch einfach unrechtmäßig von oben herab geduzt werden, aber eben immer wieder lässt das Murmeltier IKEA genau mit solchen Unsitten grüßen. Doch das Drama Spülmaschine von IKEA geht statt in den letzten nur vorerst in den vorletzten Akt.

Die Firma Electrolux hat ein Consumer Care Center (CCC). Dieses schreibt uns am 3. November 2022 nun Folgendes: „Guten Tag Herr Lange, wir kommen noch einmal auf Ihr Schreiben von Oktober zurück, mit dem Sie uns Ihre Aufforderung zur Rücknahme Ihrer Spülmaschine übermittelt haben. Leider hat die Klärung Ihres Vorganges mit unserem Kundendienst mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet. Hierfür bitten wir um Entschuldigung. Bei der Überprüfung durch unseren Techniker, Herrn H., wurden Löcher im Bottich Ihrer Spülmaschine gefunden, die auf einen Salzfraß hinwiesen. Bilder hiervon zeigen diese Löcher deutlich. In der Bedienungsanleitung wird auf mögliche Korrosion durch Spülmaschinensalz hingewiesen. Solche Fehlerursachen, die auf Korrosion zurückzuführen sind, sind von der Garantiezusage von IKEA ausgeschlossen. Allerdings ist eine eindeutige Klärung im Nachhinein nicht mehr möglich. Wir haben deshalb, im Hinblick auf die Kundenorientierung und um die Angelegenheit zum Abschluss bringen zu können, entschieden die Spülmaschine auszutauschen. Dies geschieht im Rahmen einer freiwilligen Kulanz und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht für die Zukunft. Die dafür nötigen Schritte haben wir bereits in die Wege geleitet. Mit diesem Entgegenkommen sehen wir alle etwaigen weiteren Forderungen als abgegolten.“

Einerseits endliches Aufatmen unsererseits, nach einem dreiviertel Jahr des Kampfes um den Ersatz der defekten Spülmaschine auf der Basis von Garantieleistungen durch IKEA, und dann andererseits doch wieder weitere Ernüchterung, die sich aus dem folgenden Briefwechsel ergibt.

Meine Antwortmail vom 4. November 2022:

„Guten Tag Frau K.
da Sie persönlich für das ganze Theater rund um die Spülmaschine ja nichts können, will ich mich zu dem Vorgang auch Ihnen gegenüber nicht weiter äußern. Bitte teilen Sie mir mit zu welchem Termin Sie die neue Maschine liefern.
Selbstverständlich gehen wir dabei aus, dass es sich dabei um ein gleichwertiges Modell handelt. ... Da ich mich zu dem Liefertermin in unserer Berliner Wohnung aufhalten müsste, bitte ich Sie mir so schnell wie möglich den entsprechenden Termin zu nennen, damit ich dies entsprechend arrangieren kann. ... Mit freundlichem Gruß“

Darauf erhalte ich die folgende Antwort in Auszügen:
„Guten Tag Herr Lange, vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Einen Termin für den Austausch Ihrer Spülmaschine können wir Ihnen nicht nennen. Bitte wenden Sie sich hierzu an unsere Kollegen der Austauschabteilung unter der E-Mail Adresse ... Mit unseren Kollegen der Austauschabteilung können Sie alle offenen Fragen zur Lieferung der neuen Spülmaschine klären.“

Nun also wende ich mich in diesem inzwischen kafkaesken Spiel an die Austauschabteilung der Firma Electrolux mit der Bitte um einen genauen Liefertermin und erhalte wiederum folgende Antwort:

„Sehr geehrter Herr Dr. Lange, vielen Dank für Ihre E-Mail. Den Auftrag für den Austausch Ihrer IKEA Spülmaschine haben wir am 04.11.2022 erhalten und diesen am 04.11.2022 an IKEA weitergeleitet. Der Austausch des Gerätes erfolgt direkt über IKEA. Aus diesem Grund können wir Ihnen keine Auskünfte über den Bearbeitungsstand bei IKEA geben.“

Noch heute, wiederum eine Woche später, warte ich auf eine präzise Antwort der Firma IKEA und werde mir trotz gegenteiliger schriftlicher Zusagen den neuen Geschirrspüler - dann allerdings sicher nicht von IKEA, erst einmal woanders neu kaufen müssen, und dann wohl nur noch auf dem Rechtsweg das dafür aufgewendete Geld und eine Entschädigung für den Nutzungsausfall gerichtlich erstreiten können.

Wir IKEA Kunden sind manchmal wirklich dumm, indem wir uns das alles bieten lassen, und mit unserer inkonsequenten Konsumsucht oft bis zum Fremdschämen peinlich nicht prinzipiell auf den Einkauf bei einem solchen Unternehmen verzichten. Aber spätestens seit der stilbildenden IKONE der 80er Jahre, Madonna, weiß man ja auch, dass immer mehr Menschen das Peinliche und Fremdschamgeprüfte cool finden.

Also: Echt cool, Danke IKEA!

NACHTRAG:

7. Dezember 2022

nach mehr als einem dreiviertel Jahr wurde nun tatsächlich endlich die Ersatzmaschine ohne weitere Kosten für uns geliefert. Und die defekte Maschine wurde ebenfalls kostenlos abgeholt.

Jetzt aber zum Nachspiel:

Ich fordere unmittelbar nach der Erfüllung unserer Reklamtionsansprüche schriftlichen eine zusätzliche finanzielle Wiedergutmachung direkt von IKEA für die zahreichen vergangenen Monate, in denen wir das Geschirr wieder von Hand gespült haben, bei größerem Wasserverbrauch natürlich ;-).

Es ist inzwischen Mai 2023.

Ich hatte den Ärger mit dem Albtraum IKEA im Frühjahr 2023 schon fast vergessen

... und dann doch noch ein überraschender Anruf

und eine unmittelbar nachfolgende Mail am

5. Mai 2023 --- nach weiteren 5 Monaten (!)

"Hej Herr Dr. Lange,

leider konnte ich sie beim Versuch sie nochmal telefonisch zukontaktieren nicht mehr erreichen.

Ich habe das nochmal mit einem Fach-Kollegen besprochen und würden Ihnen als Entschädigung eine Guthabenkarte in Höhe von 200 € zusagen. Gerne hätte ich das mit Ihnen persönlich besprochen.

Wir würden Ihnen die Guthabenkarte dann per Mail zukommen lassen.

Dies habe ich für Sie in Ihrem Vorgangnr. 601103606 vermerkt.

Sie können gerne auf diese Mail unten antworten, ich würde mich freuen wenn wir dieses Thema hiermit abschliessen könnten.

Freundliche Grüße und ein schönes Wochenende

...

IKEA Customer Support Center GmbH
Niederlassung Berlin"

Nachdem ein weiterer Anruf durch den IKEA-Mitarbeiter nicht mehr erfolgte, vielleicht auch nur, weil das Wochenende dazwischen kam, und mir auch per Mail keine "Guthabenkarte" übersendet wurde, versuche ich auf die an sich in gewisser Weise sogar "erfreuliche" Mail direkt zu reagieren.

Ich beantworte die Mail also prompt noch am selben Tag mit:

"Das ist doch mal ein Wort.
Sie können mich gerne telefonisch erreichen."

Aufgrund der noreply-Funktion der Mail des Sachbearbeiters von IKEA allerdings
muss ich mich jetzt erst einmal wieder mühsam um ein "Kontaktformular" bemühen.
Eigentlich sollte sich der Gesetzgeber dazu durchringen die noreply-Funktion im
Kontakt mit Kunden bei Beschwerden ganz und grundsätzlich für alle Kauf- und Reklamationsakte zumindest in Deutschland und Europa prinzipiell zu verbieten. Im Briefverkehr wäre eine Antwort mit dem einzigen Antwortbezug "noreply" ja ein Affront gegen einen Kunden.

Die Antwort von IKEA auf diese letzte Mail meinerseits lautet inzwischen wie folgt:

"... danke für Ihre E-Mail.

Ich habe Ihre E-Mail unter der Vorgangsnummer 60110360 hinterlegt. Bitte geben Sie diese bei jedem Kontakt mit uns an. Wir werden uns in den nächsten Tagen erneut mit Ihnen in Verbindung setzen.

Freundliche Grüße ...
______________________________________________

IKEA Customer Support Center GmbH
Niederlassung Rostock"

Ich bin gespannt wie lange ich nun noch auf den mir zugesagten Gutschein als Wiedergutmachung warten muss. Vielleicht reicht die Frist ja gerade noch um meiner Frau nach dann fast 2 Jahren als deren Entschädigung ein Weihnachtsgeschenk für die Wintersaison 2023/2024 zu kaufen. Bleibt allerdings offen, ob das dann auch tatsächlich der letzte Kauf von uns bei IKEA war, oder ob wir IKEA-Kunden inzwischen neurotisch so "ikeasüchtig" und abhängig von dieser Großfirma geworden sind, dass wir uns scheinbar alles gefallen lassen.

5. Juli 2023, 8.08 Uhr, morgens per Mail ... weitere 2 Monate später (!)

Hej (so rufen die Ikeaianer immer begeistert aus, wenn sie wieder einen Kunden übers Ohr gehauen haben), man glaubt es kaum, der Gutschein ist tatsächlich da.

Es lohnt sich also doch sich gegen ein Imperium zur Wehr zu setzen!!
Es lohnt sich aber zugleich leider immer weniger bei IKEA zu kaufen!

Schade drum! Eigentlich!

 

Episode 2:

Unser letzter Kauf bei IKEA betraf ein Klappsofa mit Schlaf-/Liegefunktion.

Da dieses zentnerschwere Schmuckstück zur Montage in drei Teilen geliefert wird, orderte ich für den Transport bei IKEA vorausschauend vor dem Kauf einen Transportanhänger.

Dieser Verleih von Anhängern, ursprünglich eine Zusatzserviceleistung bzw. ein Zusatzgeschäft für IKEA wurde bei IKEA natürlich nun auch, wie inzwischen wohl allgemein üblich - um wiederum direkte eigene Verantwortlichkeiten auszuschalten - entsprechend an die externe Firma Freetrailer outgesourced, eine typische start up Firma mit all ihren entsprechenden Macken.

Nachdem ich also vorausschauend den Anhänger gebucht und das gekaufte Sofa vom IKEA-Einkaufswagen in den Anhänger geladen habe, lässt sich dessen Kupplungsschloss, das nur per Bluetooth vom Smartphone aus freigeschaltet werden kann, nicht öffnen. Ich stehe also mit beladenem Anhänger da, der sich an mein Auto nicht anhängen lässt.

An der Info-Theke von IKEA Spandau weiß man mir für diesen Sonderfall nicht zu helfen. Obwohl ich den Artikel am Samstag Nachmittag gekauft habe, möge ich mich, so die Auskunft dort, doch an die Hotline der Anhängerfirma im Auftrag von IKEA wenden, die aber erst am Montag erreichbar wäre. Sichtlich inzwischen verärgert frage ich, ob es denn jemand bei IKEA gäbe, der mir in dieser Sondersituation vielleicht doch helfen könne, was mir verneint wird.

Ich laufe nun völlig irritiert weiterhin suchend durch die IKEA-Hallen um auf der Basis einer Zufallsauswahl doch noch einen kompetenten Menschen zur Lösung meines Problemes zu finden. Und tatsächlich, ich werde dabei fündig. Ein junger Mitarbeiter von IKEA sagt mir, dass er vorerst der einzige Mitarbeiter von IKEA Berlin-Spandau sei, der sich mit den Anhängern der Fremdfirma auskenne. Früher habe man die Anhänger als Unternehmen zwar selbst zur Verfügung gestellt, da man damit aber nur Ärger gehabt habe, hätte man danach und aktuell einen Kontakt zu einem neuen Betreiber des firmennahen Transportwesens gesucht.

Der Mitarbeiter von IKEA unternimmt mit mir dann zwei weitere Versuche der Öffnung der Schlösser, und packt sogar auch bei der Verladeaktion der schweren Kartons in zwei weitere Anhänger mit an. Deren Schlösser lassen sich aber ebenfalls nicht öffnen. Alles erfolglos! Auch als er selbst die App auf meinem eigenen Smartphone für die Buchung noch einmal versuchsweise bedient, kommt nichts Besseres zustande. Entgegen all seiner eigenen Vorschriften aus dem Hause IKEA sagt er mir aber mitfühlend zu, dass er sich nun bemühen werde - wohlgemerkt sogar kostenlos für mich - einen geeigneten firmeneigenen IKEA-Transporter für mich zu finden. Und tatsächlich nach insgesamt 90 Minuten Wartezeit, ist er mir dabei behilflich die äußerst schwere gekaufte Ware in den bereit gestellten Lieferwagen zu laden, den ich nun statt eines Anhängergespannes den Nachmittag nutzen darf und nach Hause fahren kann, um das Sofa bei uns abzuladen.

Nach der Rückgabe des Transporters ein paar Stunden später noch am gleichen Abend finde ich zu meinem Erstaunen folgende Nachricht auf meinem Handy vor:

Wie beschrieben hatte ich ja weder einen Anhänger nutzen, noch diesen von IKEA Spandau weg bewegen können.

Nachdem ich nun also auch noch diese „Vertragsstrafe“ reklamieren musste und dies mit einer entsprechenden E-Mail auch konnte, und mir die abgebuchten Beträge tatsächlich vollständig zurückerstattet wurden, bleibt mir (wohl sicher zu Recht) nun dennoch ein gewisser Zweifel übrig, ob denn meine Frau und ich mit unseren bisherigen zahlreichen Käufen bei IKEA nicht doch eher zur wachsenden Gruppe von Masochisten gehören, die sich selbst bei Discountern und Konsorten aus einem völlig unerklärlichen Grund (und faktisch wohl mit der eigenen Gier auf niedrigere Preise im Nacken) mit fast schon erotischen Lust-Kauf-Motiven in Abhängigkeit und verführt von einer virtuellen IKEA-Family (einem typischen doublebind also) beim Kauf bei IKEA uns selbst eher nur Böses antun indem wir darüber hinaus viel zu viel Zeit für viel zu wenig Leistung verschwenden.

Ich beantworte diese natürlich nur rhetorische Frage allerdings inzwischen mit einem eindeutigen: "Ja!"