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Über die Liebe

 

„Qui incipit exire, qui incipit amare“ –
Wer beginnt loszulassen, beginnt zu lieben?
(Quelle: https://www.matthias-matussek.de/
adieu-benedetto-abschied-von-meinem-papst/)

Woher kommen wir - Wer sind wir - Wohin gehen wir (Paul Gauguin)
(Quelle: Paul Gauguin, Public domain, via Wikimedia Commons
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Gauguin_-_D%27ou_venons-nous.jpg)


Gerne wird auf der Suche nach Maximen des Lebens von uns Romantikern auf den ersten Brief
des Paulus an die Korinther, Kapitel 13 verwiesen:

Die höheren Gnadengaben - das Hohelied der Liebe

"1 Kor 13,1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, /
hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
1 Kor 13,2 Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste /
und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit
versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.
1 Kor 13,3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen
Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.
1 Kor 13,4 Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, /
sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf.
1 Kor 13,5 Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, /
lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach.
1 Kor 13,6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit.
1 Kor 13,7 Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand.
1 Kor 13,8 Die Liebe hört niemals auf. / Prophetisches Reden hat ein Ende, /
Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht.
1 Kor 13,9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden;
1 Kor 13,10 wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk.
1 Kor 13,11 Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind /
und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war.
1 Kor 13,12 Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, /
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, /
dann aber werde ich durch und durch erkennen, /
so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.
1 Kor 13,13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; /
doch am größten unter ihnen ist die Liebe."

(Quelle: https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/1kor13.html)

Allzu schön und eben allzu romantisch ist dieser Text. Er wurde anlässlich der Beerdigung meiner Mutter vor ein paar Tagen vorgetragen, die für mich auf eine kaum nachahmliche Weise die Liebe verkörperte, aber eben gerade darum weil sie wie jeder andere Mensch von uns auch "fehlbar" war, sich darin jedoch eben nicht in "Schuld" verlor und dadurch zugrunde ging, sondern sich immer wieder aufzurichten vermochte und mit neuem Mut trotz eigener Fehler und Niederlagen kraftvoll danach strebte die Liebe zu leben.

Mir kam, während ich diese Lesung hörte, irgendwie der Gedanke, dass mit dieser "Aufforderung" zur Liebe auch irgend etwas nicht stimmen könnte. Sie macht Menschen, die sich ereifern, die auch manchmal "prahlen", die sich sogar vereinzelt "aufblähen", die ab und an "ungehörig" sind, die zudem irgendwann auch über Gebühr "ihren eigenen Vorteil" suchen, die sich gar unangemessen "erzürnen" und oft weniger "Langmut" denn "Überreiztheit" im Umgang miteinander pflegen, so klein.

Dabei gehören fast alle von uns zu einem Großteil unseres Lebens zu letzteren und sind in Wirklichkeit doch höchst selten die "Märtyrer" der Liebe.

Nun möchte ich hier nicht wieder auf die Bigotterie der "Gutmenschen" und die pharisäerhafte Gebetsmühle der unglaubwürdigen katholischen "Moralisten" eingehen, sondern ich mache mir wirklich Sorge darum, dass ein übersteigerter Forderungskatalog an das "richtige" menschliche Verhalten sich unter Umständen in das genaue Gegenteil verkehrt. Solche Kataloge des Guten und Richtigen können uns eben auch überfordern. Und in der Situation der Überforderung sind wir Menschen dazu geneigt gleich alle Grundsätze und Lebensmaximen sofort mehr oder weniger vollständig über Bord zu werfen, weil wir die selbst gesteckten - eben eher unerreichbaren Ideale - im Leben so oder so verpassen.

Und dann kann man ja eigentlich direkt und unmittelbar instantan auch ganz auf sie verzichten und sich folglich als "Böser", "Ungläubiger" oder "Fehlerhafter" wenigstens auf dem direkten Weg zur Hölle im Leben auf Kosten anderer noch zynisch das gönnen, was die so wunderbaren lasterhaften Freuden bereitet. Weniger ist insofern mehr. Das hört sich fast schon so an wie die von mir inzwischen verhasste sozialdemokratische Relativierung aller revolutionären Gedanken, aber auch das ist an dieser Stelle nicht gemeint.

Die Kirchen haben nach dem Prinzip "gib dem Kaiser was des Kaisers ist" schon immer gerne mit dem Staat kooperiert, um die Rebellen - gleich welcher Bauart - zu verteufeln. Dabei kann gerade ein ungeduldiger Mensch ein liebender Mensch sein, wenn er sich nicht mit bestimmten Ungerechtigkeiten aus seiner Sicht abfindet, wenn er sich erzürnt, wenn andere Menschen erniedrigt werden. Ja auch die Suche nach dem eigenen Vorteil zum Beispiel bei den aktuell so häufig zitierten unterbezahlten Pflegeberufen (als ob dies die einzigen unterbezahlten Menschen wären - man denke da nur an die ebenso "systemrelevanten" Lagerarbeiterinnen, Verkäuferinnen oder Kassiererinnen im Einzelhandel), ist dann eher eine Tugend, wenn sie in gewerkschaftliche Aktivitäten zur Verbesserung der Lebenssituation der davon betroffenen Menschen an und für sich einmündet. Und in der Polemik gegenüber antzipierten Missständen muss man sich schon manchmal ein wenig aufblähen, gar überzeichnen und sollte sogar eher weniger langmütig denn auch ein wenig ungeduldig bei der Suche nach und der Durchsetzung von Lösungen sein. Liebe ist, gerade auch weil sie oft nicht nur eine Einsicht in die "gerechten" und legitimen Rechte der Anderen sein kann, ein starkes Gefühl und deshalb durchaus oft vehement und ungestüm und vor allem leidenschaftlich. Nur wer in der Leidenschaft Leiden schafft, sollte darin gebremst werden, aber schon im Mittelalter galt die ehrliche "stark" vorgetragene Minne in Form des Werbens und Überzeugens für die "gute Sache" als ein edles Gefühl.

Und auch auf gewisses prophetisches Reden angesichts der Klimakrise kann nicht verzichtet werden, selbst wenn man natürlich weiß, dass diese genau wie manche Erkenntnisse in der Zukunft vielleicht einmal "verblassen" werden. Soll deshalb auf wissenschaftliche Erkenntnisse verzichtet werden? (Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht). Ja, das hätten die falschen "Theologen" wohl gerne. "Falsche" und unangemessene "Gefühle" und Fake News sind ja genau die Waffen der Populisten, um der sozialen Liebe den Weg zu verbauen. Auch wenn sich manche Faktenchecker selbst zu den neuen Priestern erklären, so ist dies kein Widerspruch zum allgemeinen Postulat der Suche nach Erkenntnis. Die Liebe in Harmonie - und völlig widerspruchsfrei zu was auch immer - ist eben eher nur anmaßend und autoritär (und die sprichwörtliche Liebe zueinander in der SS war sogar faschistoid) denn wirklich liebend, weil sie den notwendigen Streit und die notwendige Aufarbeitung und dialektische Weiterentwicklung von Widersprüchen schon im Keim zu ersticken versucht. Deshalb eine ganz ander Sicht auf die eher fragile widersprüchliche und insofern auch eher unvollendete Liebe, die im nachfolgenden lyrischen Vogelflug von Khalil Gibran auf eine so unnachahmliche Weise nur ein wenig Hoffnung auf die Liebe macht, denn mehr als ein Flügelschlag im Meer des Lebens ist die Liebe eben nicht:



Von der Liebe

"Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil.
Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin,
Auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.
Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie,
auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettertn kann
wie der Nordwind den Garten verwüstetet.
Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich.
So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich.
So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen
und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern,
steigt sie hinab zu deinen Wurzeln
und erschüttert sie in Ihrer Erdgebundenheit.
Wie Korngarben sammelt sie dich um sich.
Sie drischt dich, um dich nackt zu machen.
Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien.
Sie mahlt dich, bis du weiß bist.
Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist;
Und dann weiht sie dich ihrem heiligem Feuer,
damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl.
All dies wird die Liebe mit dir machen,
damit du die Geheimnisse deines Herzens kennenlernst
und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.
Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,
dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken
und vom Dreschboden der Liebe zu gehen.
In die Welt ohne Jahreszeiten,
wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen,
und weinen, aber nicht all deine Tränen.
Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst.
Liebe besitzt nicht, noch läßt sie sich besitzen;
Denn die Liebe genügt der Liebe.
Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken,
denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.
Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.
Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt, sollst du dir dies wünschen:
Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein,
der seine Melodie der Nacht singt.
Den Schmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen.
Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein;
Und willig und freudig zu bluten.
Bei der Morgenröte
mit beflügeltem Herzen zu erwachen
und für einen weiteren Tag des Liebens dankzusagen;
Zur Mittagszeit zu ruhen
und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen;
Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren;
Und dann einzuschlafen
mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen
und einem Lobgesang auf den Lippen."

Khalil Gibran
(* 06.01.1883, † 10.04.1931)

(Quelle: https://www.zgedichte.de/gedichte/khalil-gibran/von-der-liebe.html)

Liebe ist insofern eher grausam. Sie "verdrischt" Dich, sie ist oft schmerzhaft und verlangt ebenso harte bis schwierige Entscheidungen. Sie ist alles andere als harmonisch und doch trägt sie in Ihrer Flüchtigkeit zu genau der Harmonie bei, die eben nicht greifbar sondern nur schicksalhaft ist. Den "lieben Gott" der Katholiken, den gibt es nicht. Doch weil das Schicksal eben unerklärlich ist und deshalb grausam sein kann, sollte man versuchen sich in dieser Welt nicht "fügsam" passiv liebend zu verirren, denn die lebendige letztendlich unerklärbare Liebe bedarf der religiösen und staatlichen "Fügsamkeit" nicht. Neugierige Entdeckung des Lebens und des jeweils individuellen Sinns im Dasein (wie dies Heidgegger formulieren würde) ist deshalb für mich eher angesagt, und dies kann nur wie von Hannah Arendt darüber hinaus beschworen, in einer "vita activa" und eben nicht nur in einem kontemplativen Leid ertragenden "Beschauen" und "Akzeptieren" geschehen. Genauso wenig wie man sich in seine Ideale verlieren sollte, um den -ismen dieser Welt zu entrinnen, ist die Liebe kein Gewehr mit dem man zur Durchsetzung derselben auf die Gefühle der Mitmenschen zielt, sondern ein offener leidenschaftlicher Versuch ein wenig Sinnvolles in der kurzen Spanne des Lebens zu hinterlassen. Gesellschaft ist und bleibt Streit, und dieser ist und bleibt ebenso sinnvoll, notwendig wie gefährlich. Wer meint, dass der Streit das Gegenstück zur Liebe sei, der hat die komplementäre Qualität der beiden Phänomene nicht begriffen. Der Streit ist die Liebe und die Liebe ist der Streit, zwei Seiten der selben Medaille, wenn das Leben gelingen soll.

Sich dabei trotz aller Vernunft dennoch die Rudimente der Kindlichkeit zu bewahren ist für mich der entscheidende Balanceakt. (Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. s.o.) Eben weil Kinder bei aller Liebe auch "faktisch" so grausam sein können, verkörpern sie das, was das Leben an sich ausmacht, ein ewiges Streben nach ein wenig mehr vom großen Kuchen des Lebens. Dabei bleiben auch sie doch ständig Suchende auf den "steilen und schwierigen Wegen" und nur dies sollten wir von den Kindern lernen und insofern zeitlebens - anders als von den Kirchen im "Gehorsam" gegenüber deren jeweiligen Religionen gefordert - möglichst eben nicht ablegen.

In Dankbarkeit nach vollbrachter Tat einzuschlafen, nach Gibran, ist wahrscheinlich das größte Geschenk.

Ich habe in diesem Sinne gerade den Tod meiner geliebten Mutter erlebt und bin insofern von deren Liebe noch berührt. Die Liebe ist und bleibt aber stets eine Hieroglyphe.


Richard Demel: Aber die Liebe