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Stolpersteine des Denkens

Schnell gedacht ist gut gelacht.
Unsere Sprache ist kurz und die Texte sind schnell geworden.
Ich privat pflege hingegen lange Sätze mit Nebensätzen und Einschiebseln,
inkludiertem „wenn und aber“, „sowohl als auch“
und einem erstens, zweitens oder gar drittens,
kein guter Schreibstil also.

Hertha Sturm, längst gestorben und zu unrecht vergessen,
die sich den Problemen des gestressten Zuhörers und Zuschauers
forschend widmete, hat den entscheidenden Gedanken
der „fehlenden Halbsekunde“ entwickelt.

Im Stakkato der Poetry Slams unsere Zeit
ist wenig Platz für das Innehalten und Stolpern in der Sprache,
für den Aufbau komplexer Erzählungen und Gedankengebilde.
Dabei ist das Nachdenken doch ein Vordenken.

Immer wieder begegnen uns auf der Straße
als Projekt des Künstlers Gunter Demnig
güldende Stolpersteine mit einer Oberfläche aus
Messingplatten zur Erinnerung an die Deportierten
während der 12 Jahre des Deutschen Nationalsozialismus
und markieren genau den Ort, von dem aus es geschah.
Ich nehme mir immer die Zeit um die Namen zu lesen,
schenke den Opfern und letztlich mir selbst insofern eine Gedenkminute.

In allen Lehrbüchern des modernen Journalismus
und des Texteschreibens wird die Einfachheit
und Kürze in Worten und Sätzen eingefordert,
ohne daran zu stolpern und um das Verstehen zu fördern,
wohl wissend, dass die Welt immer komplizierter
geworden ist und Theoreme und Bilder,
Mythen und Erzählungen, die dem Rechnung tragen,
ebenso eher komplexer und
komplizierter sein müssen.

Aber wenn die News zur Show geworden sind,
und die Comedy zu unserem wichtigsten Lehrmeister wird,
saal- und arenenfüllend voller Hohn, Gespött und Gelächter,
dann flacht das Komplizierte daran ab.
Es beginnt zu langweilen,
und das ist dem modernen Menschen mehr als abträglich.
Dabei muss das Komplizierte, wenn es denn
durch Anstrengung und Arbeit am Begriff gemeistert wird,
alles andere als Langeweile bedeuten,
schon deshalb ist das Lesen und Verstehen vor allem
der so schweren "altbackenen" Klassiker so empfehlenswert.
Es braucht eben eine "lange Weile", bis es verstanden
und begriffen wird.

Hertha Sturm beschrieb, dass die Kinder im Fluss
der Bilder und Töne von der Sesamtrasse über den Videoclip
bis hin zur modernen Kurz-Serie oft die Fähigkeit verlieren
einem längeren Spannungsbogen zu folgen.
Während der 90 Minuten eines Spielfilms
rennen wir Nachgeborenen inzwischen einmal zum Klo
und zweimal an den Kühlschrank.

Nur wenige Menschen haben sich im
Angesicht des Internets die Fähigkeit
zum Lesen ganzer Bücher bewahrt.
Das Netz tendiert zur Kürze,
das liegt schon an der Optik und Haptik
der kleinen Displays unserer Smartphones und Tablets.

Sei fleißig, 3:30, ist die journalistische Methode,
die dem in den Medien entspricht.
Themen werden in bequemen Häppchen
von maximal 3 Minuten und 30 Sekunden abgehandelt.
Weniger gilt dabei mehr.

Ja, es stimmt, der Poetry Slam ist eine
interessante neue und inspirierende Kunstform geworden.
Ungeahnte und unerwartete Bilder
fließen im Slam auf uns ein.
Der Slam schlägt zu.
Jedes neue Bild, das er aufwirft,
scheint uns irgendwie inspirierter und klüger zu machen.
Aber ist dem auch wirklich so?

Die Inspiration ist eben noch keine Reflexion.
Vor der Reflexion steht dann aber durch das
Stakkato der Themen und Inspirationen
die Unfähigkeit der Verarbeitung von Komplexität.
Das Viele wird zum Sediment, das sich auf dem Boden
der Wahrnehmung absenkt, und wird frühestens im
Traum oder im Nacherzählen wieder evoziert.

Der Surrealismus lebte vom automatischen Schreiben.
Dem ähnelt der Poetry Slam,
es geht Schlag auf Schlag
mit nur sehr begrenzter Eigenkontrolle
und dabei muss das Innehalten zurücktreten.

Als ein Erlebnis unter vielen ist der Poetry Slam
eigentlich durchaus erhellend.
Problematisch wird er wie die Aneinanderreihung
von Windows in unserer Software, wenn er
zur vorherrschenden Denk- und Kommunikationsform wird.

„Der französische Ausdruck Écriture automatique
(dt.: Automatisches Schreiben, Automatischer Text)
bezeichnet eine Methode des Schreibens,
bei der Bilder, Gefühle und Ausdrücke
(möglichst) unzensiert und ohne Eingreifen des kritischen Ichs
wiedergegeben werden sollen.“ (Wikipedia)

Genau das ist es aber, was heute, vor allem bei jungen Leuten, en vogue ist.
Der spontane neue Gedanke soll begeistern
Zustimmung und Gemeinsamkeit fördern
und das kritische Ich soll möglichst weder eingreifen
noch zensieren.

Damit lässt sich fast alles sagen
und vieles vom Gedanken unzensiert in das
Hirn, die Seele und das Herz der Menschen schieben.
Der Beifall ist gewiss und der Abschied vom Slam
erzeugt beim Konsumenten den entsprechenden Liebeskummer.

Nach meiner persönlichen Meinung
brauchen wir wieder mehr Stolpersteine des Denkens,
kurz genug, um noch nachvollziehbar zu sein,
aber ebenso lang genug, um noch gründlich zu sein.
In der Kürze liegt die Würze
in der Dauer der Geschmack.

Geschmack ist Bildung.
Er braucht seine Zeit und er braucht den Vergleich.
So gibt es den Wein-Sommelier,
und inzwischen auch den Brot- und den Bier-Sommelier.
Ein guter Lehrer sollte eigentlich ein Gedanken-Sommelier sein,
denn der gute Gedanke liegt nicht auf der Zunge.

Der soziale Poetry Slam bedient als schneller Nah-Sinn
wie die Zunge nur wenige Geschmacksrichtungen,
wenn auch mit unendlichen und zum Teil äußerst
eindrucksvollen Bildern und Inspirationen.

„Der Geschmack war früher ein Nah-Sinn, der dazu diente,
die aufgenommene Nahrung zu kontrollieren
und war damit überlebenswichtig.
Ein bitterer oder saurer Geschmack
deutete auf giftige ungenießbare Pflanzen
oder verdorbene eiweißhaltige Nahrung hin.
Dagegen sind die Geschmacksqualitäten süß und salzig
oft ein Hinweis auf nährstoffreiche Lebensmittel.
Auch herzhafte Speisen, die ähnlich einer Fleischbrühe schmecken,
verbinden die meisten von uns mit angenehmen Gefühlen.
Sie verweisen auf eine eiweißreiche Kost.
Diese Geschmacksrichtung ist mittlerweile als fünfte Grundqualität
neben den vier bekannten Qualitäten süß, sauer, bitter und salzig anerkannt.
Dass es eigene Sinneszellen für diesen fünften Geschmackssinn gibt,
wurde von einem japanischen Forscher um 1910 entdeckt.
Daher auch die geläufige japanische Bezeichnung „umami“ für herzhaft-würzig.“
(https://www.gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-der-geschmackssinn.2261.de.html)

Die die Zunge komplementierenden Geschmackspapillen
wirken als Lupe und intensivieren als Stolpersteine
die Geschmacksbildung.


Ein Sommelier muss aber langfristig darüber hinaus auch
seine Geruchszellen kultivieren. Sie sind der eigentliche
komplexe und komplizierte Träger des Geschmacks
und hierfür braucht es viel Geduld und viel Zeit.


„Ungefähr die Hälfte der Sinneszellen reagiert
auf mehrere der fünf Grundqualitäten.
Sie unterscheiden sich nur darin, dass sie für die
Grundqualitäten unterschiedlich empfindlich sind.
Dadurch hat jede Zelle ein spezielles Geschmacksmuster
mit einer festen Rangordnung.
So reagiert zum Beispiel eine bestimmte Zelle
am empfindlichsten auf süß, gefolgt von sauer, salzig und bitter,
eine andere Zelle auf die ihr eigene Reihenfolge.
Erst die Kombination aller Sinneszellprofile
in den verschiedenen Regionen der Zunge ergibt
zusammen den Gesamteindruck einer Geschmacksqualität.
Die andere Hälfte der Sinneszellen und Nervenfasern
ist spezialisiert und reagiert nur auf einen Geschmack.
Die Aufgabe dieser Zellen: Mit ihnen wird die Information
über die Stärke des Reizes weitergegeben –
wie salzig oder sauer etwas schmeckt.
Geht man von 5 Grundqualitäten und 10 möglichen Intensitätsstufen aus,
macht dies schon 100.000 verschiedene Geschmacksrichtungen möglich.
Kombiniert mit dem Tast-, Temperatur- und Geruchssinn,
ergibt sich dann eine gigantische Zahl denkbarer
Geschmackswahrnehmungen.“
(https://www.gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-der-geschmackssinn.2261.de.html)

Erst wenn wir die modernen Poetry Slams des Lebens
zu kultivieren verstehen, bildet sich unser Geschmack
und damit durch Reflexion unsere Kultur in der Zeit.
Lassen wir uns deshalb mehr Zeit für die Reflexion,
dann wachsen Geschmack, Kunst, Kultur und Vernunft von alleine.