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"Subjections" und "Projections" -
Vom kollektiven Idioten zum einsam romantischen Asymptoten

Gerade hat sich der subjektivste aller amerikanischen Präsidenten von uns verabschiedet. Die Welt reagiert so als ob jetzt eine neue „objektivere“ Epoche eingetreten sei. Dabei hat sich doch vorerst nur der notwendige Machtwechsel innerhalb eines Imperiums ereignet. Mit dem irrwitzig eigenwilligen Primat des Subjektiven bei Trump ist auch das Subjektive „an sich“ fälschlicherweise in Verruf geraten. Den Sieg haben die scheinbar so objektiven Faktenchecker davon getragen. Dabei werden aktuell mal wieder nur die alten „Arroganzien“ durch neue „Arroganzien“ ersetzt, zu denen ich natürlich nicht die so viel dezenter als Trump auftretenden neuen Hoffnungsträger Joe Biden oder Camilla Harris zähle.

Während die Idioten in der griechischen Demokratie sich nur um ihr Privates kümmerten, wird den modernen Blasenmenschen ganz freundlich weiter konzediert, dass sie sich ebenso eng begrenzt innerhalb der Subjektivität ihrer jeweiligen Wirklichkeiten aufhalten. Das aber hat mit der philosophisch gemeinten notwendigen Subjektivität des Handelns nur wenig gemein, denn diese thematisiert nicht eine eingegrenzte Scheuklappenweltsicht, sondern die Aufforderung dem scheinbar "absolut" Objektiven das individuell existenziell erkämpfte Subjektive als dialektisch antithetische Herausforderung gegenüberzusetzen. Wäre die „trumpsche“ Reduktion von Welt auf seine Welt nicht ein Ausdruck der Unwissenheit über den Autismus, und insofern auch eine Beleidigung aller wirklichen Autisten, so könnte man auch Trump in seiner Egomanie ohne Bezug auf die anderen Menschen und die Gesellschaft um ihn herum für einen Autisten halten. Aber Trump ist ja tot, jetzt lebe der neue, „objektive“ Trump! Mit anderen Worten: Mit der notwendigen demokratischen Abwahl von Donald Trump, sind die Bedingungsfaktoren, die ihn in der Unterstützung durch fast die Hälfte aller Amerikaner, und sicher auch durch einen Großteil der Menschen in autoritären Welten ausmachten, noch längst nicht entschwunden. Ja, es gibt sogar gute Gründe den modernen „Subjektivismus“ neu einzufordern, und ihn für eine radikale Notwendigkeit auf dem Weg zu einer höheren menschlichen Ordnung zu halten. Die Immunisierung gegenüber der Außenwelt, wie man sie zu Recht Trump unterstellen konnte, ist eben gar nicht der tatsächliche Gegenstand des „Autismus“, auch wenn der „Volksmund“ dies eher so sieht. Doch hier sollte ja nicht der Autismus sondern der Subjektivismus das Thema sein.

Die vielfach behauptete „Objektivität“ der „Faktenchecker“ ist oft nur die ebenso bornierte Antwort auf die Scheuklappenwelt von Populisten und mutiert gleichzeitig zur narzisstischsten Form einer verdeckten Weise des Reduzierens in einem „falschen“ Subjektivismus im Gewand eines neuen Objektiven. Da werden bei den Faktenscheckern ebenfalls häufig nur aus dem Set denkbarer Fakten die für die jeweils eigene Weltsicht oder gar Ideologie vorfindbaren „facts“ als „Beweise“ ausgesucht, um die eigene (zumindest so ohne das Eingreifen eines aktiven Subjekts nicht mögliche) „Objektivität“ zu bestätigen. Dabei wird der an sich gar nicht hintergehbare Bereich des Subjektiven diskreditiert indem man „einseitige“ oder „primitive“ Weltanschauungen als höchst subjektiv kritisiert, und diese dann auch noch als „Subjektivismus“ brandmarkt, obwohl sie in Wirklichkeit nur ein noch primitiverer Objektivismus sind, weil deren Erkenntnisträger sich auch im Besitz einer objektiven Wahrheit glauben. Die Erkenntnis der Notwendigkeit eines starken vernünftigen Subjekts in der Geschichte ist aber eben kein Reduktionismus sondern ein Subjektivismus in „Annäherung“ an das „Objektive“ ohne letzteres in einer asymptotischen Perspektive jemals erreichen zu können. Genau darin liegt ja die entscheidende Wahrheit des philosophisch vernünftigen Subjektivismus, der eben keine rein subjektive Reduktion der Wirklichkeit ist. Die platonische Abstraktifizierung der Wirklichkeit, die witzigerweise historisch auf dem dogmatischen Katholizismus fußt, um die Welt besser sortieren, zählen und somit „bewältigen“ zu können, ist eine notwendige Voraussetzung für die Vernunft, aber darin endet sie natürlich nicht, sondern es bedarf eben auch noch eines aktiv vernünftigen und kritischen Subjektes, das sich lebendig in Form von Arbeit, Handeln und Denken zu bzw. zwischen den jeweiligen Alternativen des Lebens entscheidet, und mit anderen in der Gesellschaft darum ringt. Dieser Subjektivismus ist genuin antiautoritär, weil er das scheinbar so Objetive systematisch stets überprüft und immer auch wieder bezweifelt.

Auf dem Weg zum „Absoluten“ in der reinen Vernunft, steht man auf den Schultern von philosophischen Riesen. Den „Reinigungsprozess“ aus den Fängen der christlichen Kirchen heraus, den der Philosoph Johann Gottlieb Fichte beispielsweise einleiten wollte, hin zu „reinem Wissen und reiner Vernunft“ war in Abkehr von den objektiven platonischen Formen ein gewisser Weg eher zurück und dann eben doch dialektisch gewendet nach vorne gerichtet auf ein lebendiges Subjekt, das das nur Objektive als eine subjektive und insofern falsche Reduktion von Wirklichkeit begriff, und deshalb vielmehr ein lebendiges Subjekt zur jeweiligen Konstruktion von reiner Wirklichkeit und reiner Vernunft durch ein aktives subjektives Leben und Handeln voraussetzte.

Nachdem Fichte mit seinem Werk „Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosphie. Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen“, eine Art Rechtfertigungsschrift, produziert hatte, zog er sich den Spott seiner Zeitgenossen Caroline Schlegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling zu:

„Zweifle an der Sonne Klarheit
Zweifle an der Sterne Licht,
Leser nur an meiner Wahrheit
Und an Deiner Dummheit nicht.“
(nach: Wilhelm G. Jacobs, Johann Gottlieb Fichte, Berlin 2014)

„Es ist der letzte Versuch Fichtes, durch die Presse mitzuteilen, was die Wissenschaftslehre – hier die neueste Philosophie genannt – ist. Der Autor will, wie der Titel sagt, die Leser zum Verstehen derselben zwingen. Man kann gemäß der Redensart an zwingende Argumente denken, die Fichte hier vorlegen wolle. Dennoch wirkt Fichtes Formulierung reichlich befremdend, da Verstehen doch – auch nach Fichte selbst – ein freier Akt ist und gar nicht anders als frei zu denken ist. Die Zeitgenossen sahen wohl in dieser Formulierung etwas von Fichtes Persönlichkeit durchscheinen. Jedenfalls gab sie Anlass zu vielerlei Spott.“ (Wilhelm G. Jacobs, Johann Gottlieb Fichte, Berlin 2014)

Solch einen subtilen Spott findet man heute implizit gerade auch in den Texten der modernen „Faktenchecker“, weil sie sich eben nicht vor allem „demütig“ um die eigene Beschränktheit des Wissens und der nur begrenzten Gültigkeit ihrer jeweiligen Fakten sorgen, sondern mit ihren Werken gegen die „Beschränkten“ und durch sie gebrandmarkt „Unvernünftigen“ auftrumpfen wollen. Fichte, der große Philosoph und Zweifler an der vielfach behaupteten „Objektivität“ der Dinge, sollte mit dem oben zitierten Spottgedicht ins Mark getroffen werden, denn das Objektive sei doch so „faktisch“ und auch ohne das Dazutun eines lebendigen Subjektes evident. Nun will ich natürlich nicht die idiotischen rein willensgesteuerten Trumps dieser Welt durch Fichte rechtfertigen und schon gar nicht mit Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“, aber die nur subjektiven „Dealmaker“ sind wenigstens insofern ehrlich als sie sich nicht hinter „falschen“ oder undurchschaubaren „ewig gültigen objektiven“ „Sachargumenten“ verstecken, die sie für sich in Anspruch nehmen, sondern stattdessen eher provokativ denn „ehrlich“ sagen, dass sie dies jeweils genau so wollen, "weil (!) sie dies so wollen"– ohne die „nur für sie“ pseudowissenschaftlichen Fakten dabei zu berücksichtigen. Ein besseres Beispiel insofern wäre also nicht Trump, sondern zum Beispiel ein willensbesessener Unternehmer wie Musk. Trump, als geborener Lügner und Betrüger, ist ein eher schlechteres Beispiel, weil er ja doch bei allem Voluntarismus seines Handelns meinte der Öffentlichkeit auch noch dazu vorgaukeln zu müssen, dass für ihn die - wenn auch nur „selbst“ gewählten - Sachargumente sprachen.

Merkel als „Objektivistin“ ist da einerseits ehrlicher, indem sie sich selbst schlicht und einfach - machtpolitisch übrigens äußerst erfolgreich - ohne Chance auf effektiven Widerspruch - als „alternativlos“ darstellt; andererseits benutzt aber gerade auch sie in erster Linie „ihre“ Sachargumente um sich als „Naturwissenschaftlerin“ und „Pragmatikerin“ zu inszenieren. So kann sie die eigene „Willkürlichkeit“ manch eigener Entscheidungen vor den eher einfältigeren unkritischen Beobachtern durch hohe Zustimmungswerte beklatschen lassen. Wundersam setzt sie sich deshalb durch gegenüber den polternden Machomännern, und "wunderbar" ist sie als "Mutti der Nation" bezüglich ihres Erfolges diese Entmündigung des Politischen zu verbergen, und uns alle als geborene Mitläufer auf ihre "seriöse" Reise begeistert mitzunehnen, so wie dies auch Helmut Schmidt immer wieder erfolgreich geschafft hat. Diese autoritäre diskursfeindliche "pseudopragmatische" Rechthaberei und Immunisierung der eigenen Positionen durch absolute "Objektivität" gegenüber Kritik ist besonders gefährlich, weil sie nicht marktschreierisch wie der Trampel Trump daherkommt und dadurch besonders glaubwürdig erscheint. Die Beweihräucherung der eigenen Person und der eigenen "alternativlosen" Handlungen geschieht sehr subtil und in so eindrucksvoll harmonischer Weise, dass jede Gegenmeinung nur noch die lauen Winde am Abendhimmel und die leicht erfrischende Brise einer "erneuerten" und dennoch erzkonservativen Politik zu stören scheint. In solch einem Machtumfeld sind wir "mäkelnden" oder besser "antimerkelnden" rebellischen „Romantiker“ natürlich die geborenen Loser.

Noch schlimmer geht es aktuell den eher nur „libertär“ eingestellten Menschen.

„Im englischen Sprachraum bezeichnet der Begriff des ‚voluntaryism‘ auch eine soziale bzw. politische Philosophie. Diese Bedeutung hat sich im 19. Jahrhundert in England aus der Bezeichnung für den freikirchlichen Voluntaryism entwickelt und wurde Ende des 20. Jahrhunderts von der libertären Bewegung in den USA wieder aufgegriffen. Der Voluntaryismus vertritt wie viele Formen libertärer, bzw. libertarianistischer oder anarchokapitalistischer Sozialphilosophie eine an John Locke angelehnte Eigentumstheorie. Danach soll jede Person über ihren eigenen Körper und die Früchte ihrer Arbeit selbst verfügen dürfen. Der politische Voluntarismus beansprucht ferner das Nichtaggressionsprinzip. Demnach soll Gewalt nur in Form von privater Notwehr, nicht aber als öffentliche Gewalt ausgeübt werden. Staatliche Herrschaft wird nämlich prinzipiell als illegitim angesehen, da sie das individuelle Eigentum einschränke“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Voluntarismus).

In Zeiten, in denen gravierende Krisen, wie Abfall-, Wachstums- und Verwertungskrise, die Klimakrise, oder die neuen Pandemien so eindrücklich nahelegen, dass die Menschen einen starken Staat benötigen, gilt jeder Zweifel daran inzwischen als genuin antigesellschaftlich, obwohl doch die legitime öffentliche Kritik daran, wie auch die unabhängige Judikative, zu den demokratischen Grundfesten und modernen Errungenschaften der Volksherrschaft gegenüber den Staaten der Feudalgesellschaften gehören. Noch heute wird die Kritik an autoritären oder absolutistischen Staaten oder völlig überlebten Königshäusern, wie aktuell gerade in Thailand praktiziert, mit hohen Strafen bewehrt. Und selbst ein inzwischen relativ demokratisches Land wie Spanien sperrt einen, wenn auch zweifelhaften Kritiker der Monarchie wie Hasél im 21. Jahrhundert noch ein. Hätte man das wegen seines nicht akzeptablen Aufrufes zur Gewalt gegen Politiker getan, dann könnte man das sogar verstehen, Hauptgrund aber ist seine berechtigte Anprangerung der mafiösen Strukturen innerhalb der spanischen Monarchie:

"Hasél bezeichnet den ehemaligen König Juan Carlos I., der sich in die Arabischen Emirate abgesetzt hat, nachdem wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung gegen ihn in der Schweiz und nun auch in Spanien ermittelt wird, als „Dieb“, „Parasit“ und das Königshaus als „mafiöse Bande“. Auch Gewaltfantasien wie Schüsse auf Politiker der konservativen Partido Popular hält er nicht zurück." (Reiner Wandler, Spanischer Rapper Pablo Hasél soll für Beleidigung des Königs in den Knast, taz 10.2.2021)


Zweifel an Frau Merkel, die unser Land seit Jahrzehnten mit harmonisierender Einfalt blockiert, Zweifel also an ihren vielleicht doch nicht so lauteren Motiven und das Einfordern von an sich bisher fehlenden neuen und notwendig klugen Gesetzen und Verordnungen zur Bewältigung längst bekannter Krisen gilt inzwischen schon fast wieder als eine neue Form der Majestätsbeleidigung ohne feudale Majestäten.

Die öffentlich vielfach zitierte Befähigung zu ihrem Amt in ihrer alten angestammten Rolle als Naturwissenschaftlerin ist ebenfalls mehr als bunt schillernd, was sie aber in keiner Weise selbst zu verantworten hat. Zumindest hat sie sich wohl in ihrer Biographie relativ glaubwürdig vor allzu starkem Involviertsein in das in der DDR auch für Naturwissenschaftler geforderte Element eines bornierten Marxismus Leninismus bescheiden zurück gehalten. Und da die naturwissenschaftliche Ausbildung in der DDR wahrscheinlich sicher nicht viel weniger "gut" und differenziert wie in der westlichen BRD war, vielleicht sogar besser, wie manche behaupten, sind ihr ihre sehr guten Leistungen im Sektor der physikalischen Chemie auch entsprechend zu honorieren, ein Fachgebiet übrigens, das zu den schwersten unter allen anderen Studiengängen gehört. Zu den aktuell geforderten wissenschaftlichen Qualifikationen kann sie dennoch nur wenig und nichts Spezifisches beitragen, insoweit ist sie im Bereich der Virologie sicher nicht wissenschaftlich ausgewiesen. Muss sie auch nicht! Gut ist es zumindest, wenn jetzt an der Staatsspitze jemand sitzt, der Studien kritisch zu lesen und sich insofern selbst "subjektiv" eine kluge Meinung dazu bilden kann, um dann ebensolch subjektive Vorschläge zu generieren, mit der sich die aktuelle Pandemie unter Umständen leichter eingrenzen und sozialhygienisch ertragen lässt. Mit absoluter Objektivität in der Beurteilung der neuen Phänomene hat das natürlich auch nichts zu tun. Und in der Generalisierung der Naturwissenschaften als "richtigere" Wirklichkeit liegt nicht ihr persönlicher Fehler, sondern eher wird sie durch die Medien so wahrgenommen und ihr eine solch übergreifend "objektive" Rolle zugeschrieben.

Dabei bekennen kluge Naturwissenschaftler, dass es nicht die primäre Aufgabe der naturwissenschaftlichen Tätigkeiten ist, die unter vorab klar definierten Bedingungen, die die "Gültigkeit" der darauf aufbauenden Forschungsergebnisse eingrenzen, als quasi objektiv allgemeingültig oder gar "natürlich" zu identifizieren und entsprechend nur einfach abzubilden. Jedes Wissen über die Welt entwickelt sich und verharrt dann doch konsequenterweise als ein subjektives Konstrukt, selbst dann wenn dieses von fast allen einsichtigen Menschen geteilt würde. Naturwissenschaftliche Ergebnisse sind und bleiben eben an ihren jeweiligen Entstehungskontext und Gültigkeitsbereich gebunden, sind also nicht genuin "objektiv" sondern setzen ein forschendes Subjekt voraus, das sowohl in der Auswahl der Forschungsobjekte als auch in seinen Methoden eine jeweilige Vorauswahl getroffen hat. Dies macht ja gerade das "Abenteuer Wissenschaft" aus. Bei aller Kompliziertheit und genialen Weitsicht zu der wir inzwischen durch unsere mathematischen und astrophysikalischen Genies in den Observatorien gelangt sind, lässt sich mit naturwissenschaftlichen Methoden immer noch nicht das ursprüngliche "Woher" und das "Wohin" klären. Wir "irren" uns, wie an anderer Stelle bereits mit den entsprechenden Zitaten beschrieben, nur immer weiter empor. Naturwissenschaften können sich nicht aus dem Korsett des begrenzten menschlichen Geistes heraus bewegen. Es ist doch mehr als seltsam, dass wir bereits das Nichts nicht als ein solches begreifen können, sondern dass es durch die "Einengung" des menschlichen Gehirnes auf seine physikalischen und biochemischen Strukturen für uns immer ein "Etwas" sein muss. So wird mit dem inzwischen schon wieder fragwürdigen "Urknall" aus dem unser Universum ursprünglich entstanden sein soll, das quasi "Nichts", aus dem es hervorging, auch an das Prinzip der asymptotisch pulsierenden Wahrheitsfindung und -konstruktion gebunden bleiben. Nichts Genaues weiß man wirklich objetiv darüber und nichts Genaues wird man auch finden jenseits der Mauer des Etwas in Richtung auf das Nichts, auch wenn der naturwissenschaftliche wie der soziale Erkenntnisprozeß unwidersprechbar voran schreitet, indem sich unser Wissen schier endlos weiter ausdifferenziert.

Heinz von Förster hat in seinem einmaligen Buch "Sicht und Einsicht" als früher moderner Konstruktivist das "reduktionistische" Wissenschaftsprogramm beschrieben, das auch ohne die Chimäre der "allumfassenden" und "allgemeingültigen" Objektivität auszukommen vermag:

"In England, wie in Amerika, spricht man von den 'hard-' und den 'soft sciences', eine Unterscheidung, die sicherlich von einem 'hard scientist' erfunden wurde. ... Die 'hard sciences' sind erfolgreich, weil sie sich mit den von 'soft problems' beschäftigen; die 'soft sciences' haben zu kämpfen, denn sie haben es mit den 'hard problems' zu tun" (Heinz von Förster, Sicht und Einsicht, Braunschweig 1985)

Ich zitiere diesen Satz so gerne um meinen eigenen Minderwertigkeitskomplex als Vertreter der "soft sciences" zu bekämpfen und meine dadurch gequälte Seele durch diese von einem Vertreter der "hard sciences" ausgesprochenen Worte zu streicheln. Entscheidender aber ist die darauf folgende Passage:

"Dies wird unmittelbar einsichtig, wenn wir für einen Augenblick die Untersuchungsmethode der 'hard sciences' näher betrachten. Ist ein System zu komplex, um verstanden zu werden, dann wird es in kleinere Stücke zerlegt. Sind diese immer noch zu komplex, werden auch sie zerkleinert, und so geht es weiter, bis die Stücke schließlich so klein sind, daß zumindest eines davon verständlich ist. Das Wunderbare an diesem Prozeß, an der Methode der Reduktion, am 'Reduktionsimus', ist, daß sie unweigerlich zum Erfolg führen." (Heinz von Förster, Sicht und Einsicht, Braunschweig 1985)

Welch eine Demut muss solch ein genialer "harter" Wissenschaftler besitzen bzw. pflegen, wenn er uns die entscheidende "soft science" Vorlage für die Begründung der Notwendigkeit der Anerkennung und letztlich auch Finanzierung von mehr systematischem sozialwissenschaftlichem Denken und Handeln konstruiert. Wir sind uns immer noch zu wenig bewußt, dass wir nicht nur viel Geld in "bessere" naturwissenschaftliche und technische Erkenntnisse oder gar "Produkte" stecken müssen, denn neue auch monetäre Investitionen in eine klug konstruierte Sozialstruktur können manchmal wesentlich effektiver sein als die diversen nun auch noch Jahr für Jahr preiswerter werdenden "naturwissenschaftlich" geprägten Reisen ins All, durch die sich die - den einzelnen simplen Normal-Menschen auf der Erde eher verachtenden - Start-Up-Magnaten bzw. Wirtschaftstitane Jeff Bezos (als CEO Chef von Amazon) oder Elon Reeve Musk (als der Gründer und CEO von Tesla) aktuell gegenseitig überbieten. Deren gemeinsamer Wunsch ist die Verpflanzung einer selbsternannten Elite statt der Menschheit "an sich" zu Forschungszwecken ins All, was sie insofern nicht wirklich positiver von der NASA und deren Nachfolgeinitiativen unterscheidet. Diverse Gelder werden insofern veschwendet für egomanische Träume, die der Bekämpfung des Welthungers oder der Erzielung eines neuen Weltfriedens dienen könnten. Sie werden als naturwissenschaftliches Investment zu Gunsten der Menschheit umfirmiert, ähnlich so wie die weltweit dramatisch wachsenden Ausgaben des Militärs von zahlreichen konservativen Politikern als "Verteitigungs"-Investitionen zur Sicherung ihres Friedens umbenannt werden. Investments in die Soft Sciences hingegen gelten nach wie vor als Verschwendung für soziale Netze, in die sich die Faulen schlafen legen. Will man Welt ändern, so muss man sich eben gerade der Komplexität und Kompliziertheit der menschlichen Verhältnisse stellen und neue Antworten für diese finden.

"Leider befinden sich die 'soft sciences' nicht in einer ähnlich glücklichen Lage. Denken wir etwa nur an die Soziologen, die Psychologen, Anthropologen, Linguisten usw. Würden sie die komplexen Systeme, mit denen sie sich befassen, also die Gesellschaft, die Psyche, die Kultur, die Sprache usw., in derselben Weise so reduzieren, daß sie sie zur immer genaueren Untersuchung in immer kleinere Teile zerlegen, dann könnten sie schon nach wenigen Schritten nicht mehr behaupten, daß sie es noch mit dem System zu tun haben, mit dem sie sich ursprünglich beschäftigen wollten. Dies liegt daran, daß diese Wissenschaftler es mit im wesentlichen nicht-linearen Systemen zu tun haben, deren kennzeichnende Eigenschaften in den 'Interaktionen' zwischen dem bestehen, was man jeweils als die 'Teile' dieser Systeme auffaßt, während die Eigenschaften dieser 'Teile' zum Verständnis des Funktionierens dieser Systeme als Ganzes wenig oder gar nichts beitragen." (Heinz von Förster, Sicht und Einsicht, Braunschweig 1985)

Nun muss man aktuell wiederum, weit mehr als ein halbes Jahrhundert später als zum Startpunkt der Renaissance des konstruktivistischen Denkens über die Schriften der "subjektivistischen" alten "Klassiker" hinaus, zur Ehrenrettung der früheren "hard sciences" aus der Perspektive der "soft sciences" sagen, dass die "hard sciences" inzwischen längst immer softer geworden sind, und sich damit der Interaktionen in der Natur im Wechselverhältnis zur menschlichen Kultur in Form einer Gesamtschau längst viel bewusster bedienen. Naturwissenschaftler, die sich mit Nachhaltigkeit, Klimaveränderungen, globaler Artenvernichtung bzw. Artenwanderung oder Umweltproblemen beschäftigen, würden längst nicht mehr einer solchen überkommenen Grenzziehung zwischen den Wissenschaften zustimmen. Wir sind seit dem Anspruch von Maturana, s.u., aus den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts bezüglich der Notwendigkeit der Anerkennung von der Unmöglichkeit der nur "objektiven" Konstruktionen von Wirklichkeit in den modernen Wissenschaften in den ca. letzten 60 Jahren einen deutlichen Schritt weiter gekommen. Moderne Naturwissenschaftler sind eben keine Maschinen zur Generation von neuen höchst spezifischen Naturgesetzen in ihren jeweiligen Grenzen, sondern sie begreifen inzwischen auch die Natur als sich jeweils neu konstruierende vernetzte autopoietische Systeme, verändert darüber hinaus durch die Eingriffe des Menschen darin, und müssen sich gerade auch in ihrer Forschung auf ihre jeweils "subjektiv" verantwortliche Rolle dabei besinnen, um zu sozialem, kulturellem und ökologischem Fortschritt beizutragen. Umgekehrt ist auch bei den ehemals "soft sciences" schon länger ein Trend festzustellen "härter" zu werden, das heißt, sehr wohl auch generelle Fragen und zwischenmenschliche Interaktionen durch eine strategische Aufsplittung in Detailfragen vorab - vor dem wieder Zusammendenken in der Gesamtschau - , besser beantworten zu können.

Die Freiheit des Subjektes in der modernen demokratischen Gesellschaft hat jetzt auch noch neue "mächtige" Daten- und Kommunikationstechnologien an die Seite gestellt bekommen. In sozialen Netzen kann sich fast jeder, nur manchmal eingeschränkt durch Zensur, fast immer besser informieren. Mehr oder weniger straflos dürfen wir auch die größten „Dummheiten“ äußern. Das ist eigentlich gut, wenngleich es sowohl der Exekutive als auch der Judikative immer wieder an der Entschlossenheit mangelt, eklatante Rechtsbrüche zum Schutz der allgemeinen Meinungsfreiheit auch entsprechend negativ und in diesem Fall sogar vernünftig zu sanktionieren.

Der Austausch und die Veröffentlichung von Meinungen, Beobachtungen oder auch Wissen sind schneller und einfacher geworden. Die subjektive Meinung wird ergänzend unterstützt durch zahlreiche neue Online-Präsentationsformen, die ich deshalb aus dem Mix von Subjektivität und Präsentationen angelsächsisch „Subjections“ nennen möchte. Das Drama der alten Massenkommunikation ist das Eintreten in eine Enthüllungssituation ohne ein benennbar "konkretes" sondern eben nur ein statistisch zu erfassendes diffuses Publikum. Der sich dort exhibitionistisch Zeigende erfährt keinen unmittelbaren Widerhall. Anders ist dies in der deiktischen sozialen Onlinekommunikation, in der man oft mit dem „gleichen“ aber eben nicht demselben Finger, mit dem man in Form von Bildern, Texten und Tönen auf irgendeine Wirklichkeit gezeigt hat, diese auch von der anderen Seite unmittelbar als „anders“ - und von einem anderen Subjekt vermittelt - zurückgespiegelt bekommen kann. Multimodalität auf digitalen Pfaden ist das Kennzeichen einer neuen Kommunikationsgesellschaft geworden.

Mit meiner virtuellen Ausstellung „Entartete Kunst“ habe ich deshalb im Selbstexperiment auf einfache Weise zu zeigen versucht, wie schnell wir alle nicht nur Autoren von Blogs in den „sozialen“ Medien werden können, sondern zugleich auch Kuratoren der Ausstellung eigener oder fremder Bildersammlungen. Nun ist der Unterschied zwischen „nur“ subjektiven anstatt bedachtsamen und vernünftigen „Autoren“ - einerseits - und zwischen „nur“ einseitig ideologisierenden anstatt bedachtsamen und vernünftigen „Kuratoren“ – andererseits - natürlich naheliegend und evident. Historisch neu ist lediglich die jeweilige Beschleunigung des Zugangs zur Veröffentlichung subjektiver Ambitionen. Das Aufkommen der von mir Mitte bis Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts als „Techniken der Gemeinsamkeit“ bezeichneten Chat- und E-Mail-Kommunikationen war bereits ein Element des Trends in Richtung auf die von mir ebenfalls damals sehr früh analysierte sehr viel generellere Entwicklung in Richtung auf die „Dedizierte Kommunikation“. Diese wird jetzt vor allem durch neue Technikvarianten wie Facebook oder WhatsApp zur erfolgreichsten Online-Mutante, weil sie an die Symbolform des Deiktischen anknüpft.

Was aber ist die Wahrheit und was Wirklichkeit in der Kommunikation? Anfang der 80er Jahre habe ich zusammen mit meinen Studenten an der FU Berlin (als Einführung in den damals so hochmodernen Konstruktivismus) in einer Lehrveranstaltung den Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriff unter dem Titel „Wahrheit ist, was uns verbindet“ diskutiert, im Gegensatz zur ehemals vorherrschenden Meinung, dass Wahrheit quasi „objektiv“ und nur mit unabhängigen (vor allem „wissenschaftlichen“ Methoden) und vor den Augen "neutraler" Beobachter nur zu "ermitteln", von der Wirklichkeit also nur einfach klug abzuschöpfen sei. Längst war unseren quasi internen Diskussionen eine längere professionelle wissenschaftliche Debatte in den Naturwissenschaften und der Philosophie über die notwendige und nicht hintergehbare „subjektive Konstruktion“ von Wirklichkeit vorausgegangen (zum Beispiel mit Texten und Werken von v.Förster oder Maturana). Und inspiriert durch die Arbeiten von Gregory Bateson und Paul Watzlawick waren auch damals schon die Psychologen auf dem Trip des Abgesangs vom zeitlos gültigen „Objektiven“ in Richtung auf das autonom handelnde Subjekt, das durch die eigene Konstruktion von Wahrheit und Wirklichkeit zur "sozialen" Objektivierung beitragen sollte.

"'Objektives Wissen' scheint möglich, und die Welt erscheint dadurch planvoll und vorhersagbar. und doch ist 'Wissen' als Erfahrung etwas Persönliches und Privates, das nicht übertragen werden kann. Das, was man für übertragbar hält, nämlich 'objektives Wissen', muß immer durch den Hörer geschaffen werden: Der Hörer versteht nur dann, und objektives Wissen erscheint nur dann übertragbar, wenn der Hörer zu verstehen (vor)bereit(et) ist. Kognition als biologische Funktion besteht darin, daß sich die Antwort auf die Frage 'Was ist Kognition?' aus dem Verständnis des Erkennens bzw. des Erkennenden aufgrund der Fähigkeit des letzteren zu erkennen ergeben muß." (Humberto R. Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985)

Diese notwendige Vorbereitung fordert von uns allen eine noch anspruchsvollere persönliche Bildung und Weiterbildung. Diese Bildung sozial gerechter zu verteilen, könnte eigentlich durch die neuen Medien gefördert werden, stattdessen steckt die Welt nach wie vor im ungleichen Digital Divide fest. Selbst wenn der Zugang durch die universelle Verbreitung von Smartphones bereits gegeben zu sein scheint, so fehlt es doch weiterhin vielen jungen Menschen an den sozial gerechter verteilten Präsenzangeboten um diese Kulturtechniken durch den humanen Diskurs und die Verknüpfung mit klugen und althergebrachten notwendigen Denkformen zu gewährleisten.

Die neue Freiheiten einfordernde postmoderne Debatte, die die 80er und 90er Jahre auch in Lebensstil und Denkweise der aufkeimenden jungen Punk- und Technojünger bestimmte, die das „anything goes“ und das „Less responsibilty and more individual joy in life“ favorisierte, stellte das Primat der Happiness gegenüber den scheinbar so objektiven alternativen "Wahrheiten" der Renaissance der 60er Jahre wieder in den Vordergrund, die die ersten Babyboomer als "kritische" Generation für den „politischen Kampf“ aufopferungsbereit für die neuen "Wahrheiten" fast schon vergessen hatten. In dieser nur Pseudo-Happiness kann sich ein noch unmündiger Mensch aber sehr schnell verlieren. Die Technik wird dann zur Droge wie ein biochemisches Substrat.

Vor Beginn dieses Jahrtausends zeigten sich kommunizierende Menschen immer noch eher ihre Bücher, Kunstwerke, Lifestylmagazine, Prospekte, Flugblätter, Kinofilme oder Musikvideos, und besprachen sich in ihren Cliquen dabei. Sie hörten sich an "besonderen" privaten wie öffentlichen Orten ihre neue Musik an, anders als dass sie sich - wie jetzt ein Großteil der gesamten Menschheit erst seit einigen wenigen Jahren - per „WhatsApp“, Zoom, Teams, Facebook oder Twitter audiovisuell ihre tatsächlichen Lebenswelten "unmittelbar und sofort" innerhalb eines weltumspannenden digitalen Netzes vorstellten. Dies bedeutet nicht zwangsläufig weniger menschliche Tiefe und Gemeinsamkeit, aber es hat diese doch dramatisch verändert.

Die deiktische Kommunikation in Form von Bildern, die in der „alten“ Welt der Photographie und des Prints durch das direkte Zeigen „von“ Bildern und das deiktische Deuten „auf“ diese eher nur seltener und in dafür ausgezeichneten Momenten und Situationen vorkam (zudem in eher kleineren sozialen Netzwerken), bestimmt jetzt fast schon universell das neue Jahrtausend - ganz nach dem Grundsatz, auch wenn dieser so gar nicht stimmt, „ein Bild zeigt mehr als tausend Worte“. Inzwischen sendet man sich ja ebenso vehement neben den fotographischen Selfies auch noch Ton- und Videoaufnahmen per Internet dazu, weil sich die Bandbreite erhöht und sich die Onlinekommunikation zudem noch verbilligt hat. Das Deiktische bestimmt jetzt oft den privaten Alltag, und man inszeniert sich im wohnlichen Lifestyle umfassender so, wie man früher versucht hat mit Wandgemälden oder Bücherregalen Besuchern zu imponieren. Die virtuellen „Subjections“ in Form anwachsender subjektiver Präsentationen im privaten und öffentlichen Raum machen uns mit den „Selfies“ zu ständig präsenten Darstellern im eigenen multimedialen Theater. Gleichzeitig, davon bin ich aktuell mehr als überzeugt, fast schon euphorisch, wird sich auf Dauer dennoch wieder eine neue Sehnsucht nach einem bedachtsam ausgesprochenen klugen Wort im Gemetzel der „Bilder“ durchsetzen.

Das Lokale und das Regionale bekommen dabei schon jetzt eine besondere Bedeutung, und unsere engeren Lebensräume werden durch unsere jeweilige „Anwesenheit“ dort voller Leidenschaft (eben dediziert) besonders geadelt. Dies kommt dem Trend zur nachhaltigen Steuerung auch unserer Mobilität entgegen, denn entferntes Zeigen ersetzt oft entferntes Reisen. Der private Ort verlandschaftet sich. Und die Reflexion über den Grund und die Art unseres unmittelbaren Daseins hier wie dort, sowie dessen Perspektiven, erfordern als Grundlage unseres Handelns immer mehr neues konkretes wie lokales und regionales Wissen. Die Onlinewelt mit ihrer Wikipediatisierung macht uns das Dasein und dessen Reflexion darüber einfacher, momentaner, unmittelbarer und anschaulicher, so wir mit diesen neuen Möglichkeiten umzugehen gelernt haben, und nicht etwa darin versinken.

Die Printprodukte passen sich dieser Entwicklung längst an. En vogue sind in den letzten Jahren gerade auch in der Trivialliteratur beispielsweise die Lokal- oder Regionalkrimis, also der Kreuzbergkrimi, der Allgäukrimi oder der Bodenseekrimi sowie bei den Sachbüchern inzwischen auch regionale Beschreibungen und Autobiographien von Camping-, Kanu- oder Wandertouren in Deutschland sowie Reiseführer oder -berichte über "unentdeckte" Personen, Gebäude, Einrichtungen und Orte im unmittelbaren Nahraum. Man möchte insofern nicht "allgemein" sondern konkret und dediziert mitreden können und mit Regionalkenntnissen im Smalltalk brillieren. Die medialen Grenzen zwischen unterschiedlichen Genres in der Belletristik verkleinern sich oder entschwinden ganz. Crossmedia heißt das Stichwort für die Profis, und auch die Erzählungen verändern und virtualisieren sich dabei. Gute Geschichten sind nicht mehr an nur ein "edles" literarisches Medium gebunden, sie diffundieren über ihre klassischen Orte hinaus, auch wenn sie durchaus noch dort erst enstehen.

Das Mittelalter erfahren wir nicht mehr vorrangig durch ein explizites Geschichtsbuch oder moderner durch eine TerraX-Dokumentation im Fernsehen, sondern wir sind fasziniert von dieser Zeit durch neue Historiendramen, ob als Buch gelesen, als Film gesehen oder als Hörbuch gehört, wie, als ein besonders prägnantes Beispiel, Umberto Ecos Buch „Der Name der Rose“, weil uns dieser Autor völlig medienunspezifisch durch eine einfach nur gute Geschichte mit spannendem philosophischem Hintergrund ein für uns vorher völlig fremdes Zeitalter zuhause wieder erlebbar macht. Im Nahraum entstehen zudem - fast wie ein internationaler ständiger Karneval - für Subkulturen neue reale wie virtuelle Orte. Man trifft sich auf Festivals oder lokalen Nischen und die Bandbreite der Möglichkeiten der modischen Orientierung ist dramatisch gewachsen. Subkulturen junger Menschen haben die Mode fest in der Hand, und diesen Gemeinden sellen sich immer mehr auch jung gebliebene ältere Menschen zu.


"Von Nasir bis Gosha, von Hedi bis Hood by Air - für Heerscharen von treuen Fans bildet die Mode dieser Designer ein Erkennungsmerkmal für ihre subkulturelle Gruppenzugehörigkeit. Historisch betrachtet war Mode schon immer identitätsstiftend und -prägend. Sie trägt entscheidend zu unserer Identitätsbildung bei und ist die Hülle, die Geisteshaltungen zum Ausdruck bringt. Die daraus entwickelten Looks binden uns an verschiedene kulturelle Familien. Von Greasern und Grungern, von Mods bis Metal Heads - Subkulturen waren immer an ihrem Stil erkennbar und haben sich durch die Mode, die sie tragen, definiert. Auf den ersten Blick scheinen diese Gruppen im 21. Jahrhundert verschwunden zu sein. Während Doc-Martins-Stiefel oder Paisley-Hosen mit Prints schon lange nicht mehr zur Sub reichen, schafften es junge kultige Menswear Brands im letzten Jahr uns wieder ein Gefühl von Underground zu vermitteln.
In seinem Buch Plenitude - Culture by Commotion argumentiert Grant McCracken, dass 'man in den Fünfzigern entweder Mainstream oder James Dean war.' Das ist jedoch nicht länger der Fall. Das Oder gibt es heutzutage nicht mehr und die Möglichkeiten haben sich ins Unendliche gesteigert - wir können aus tausenden Referenzen wählen. Wer sind die Helden unserer Generation? Sind sie Künstler? Musiker? Designer? Politiker? Es ist ganz einfach: Sie kommen aus allen Bereichen." (https://i-d.vice.com/de/article/pabgbb/ subkulturen-haben-die-mode-fest-in-der-hand-444)

Die Welt kommt virtuell immer realer zu uns ins Haus und wir wollen auch deshalb mehr Wissen über unsere Herkünfte, leb- und tragbaren Stile und unmittelbaren Nahräume, die für uns nicht nur durch die Reiseeinschränkungen in Coronazeiten und vor weiteren neuen denkbaren Naturkatastrophen und Pandemien interessanter geworden sind, weil viele Menschen inzwischen auch ihren Abschied vom alten Massentourismus und der damit verbundenen Verlandschaftung der Welt bekunden. Sie wechseln in einen dedizierteren Abenteuer- und Erlebnisurlaub über, der neue Online-Gespräche, Online-Zusatzkenntnisse und neue Formen der Onlinebuchung benötigt.

Noch immer sind zwar auch die Fernreisen Instrumente der Selbstinszenierung durch Selfies bei Freunden und Bekannten, vielleicht sogar kurzfristig und aktuell wieder erträumter und erstrebenswerter denn je, aber inzwischen wird doch weit mehr konkret Lokales als nur der ferne Luxusalltag zur Selbstinszenierung und deiktischem Verweis auf unsere jeweilige persönliche Besonderheit durchfotografiert und im Netz kommuniziert. Wir rücken uns gegenseitig als Voyeure der instantanten Nahräume audiovisuell und online mehr auf die Pelle.
 
Wo früher nur ausladende Bücherregale Intellektualität, und einzelne teure Elektroerrungenschaften in Küche und Wohnzimmer neben "Haus, Auto, Hund und attraktiver Ehefrau" Wohlstand kommunizierten, ist jetzt die private Wohnung zum Gesamtkunstwerk geworden. Möglichst viele Einladungen zu Gästeabenden rundeten die private Inszenierung schon früher ab, aber so viele Freunde oder Follower wie man sie heute auf Facebook, Pinterest oder Twitter besitzt, wenn man das möchte, konnte man früher im Normalhaushalt gar nicht mit den eigenen Inszenierungen des privaten Lebensstiles bedienen. Und auch Verwandte, Freunde und Bekannte sind insofern anspruchsvoller geworden und dissen die Online-Kommunikationsverweigerer. Jetzt kommen die Gäste auch online ins Haus. Ikea inszeniert das dazu passende Wohnumfeld. Landhausstil, Country Look, Art Déco oder aber auch Retro- bzw. Chabby Chic sind zu modernen "Subjection"-Erweiterungen als mobiliare Selfies zur Unterstützung einer neuen individuellen „Ganzheit“ geworden, bei der die private Wohnung zu einer möglichst stimmigen Kulisse auch für die Videokonferenzen, audiovisuellen Chats und Selfies werden soll. Kulinarisch stellt man sich mit fotoreifen Tellern dar und selbst der Wein wird vor der Kamera quasi online kredenzt.

Noch nie haben sich so viele Menschen gegenseitig so viele Bilder ihrer jeweiligen Lebenswelten, Kinder und Lebenspartner gezeigt und sich dabei auch selbst fotogen in Szene gesetzt. Und das bedeutet zugleich, dass wir Menschen an sich auch noch nie visuell so detailliert und differenziert historisch als Bild und Abbild präsent wurden. Gleichzeitig enttexten wir uns selbst durch den Verzicht auf Briefe und schalten auf Schmalspur-Wortfetzen in Form von SMS und kurzen Chatbeiträgen um. Jeder schleppt nicht nur die stetig wachsende kommunikative Blase, in der er sich inzwischen unvermeidlich wohlfühlt und bewegt, digital mit sich herum, sondern auch das subjektive virtuelle Gepäck seiner eigenen visuellen Historie im immewährenden "virtuellen Rucksack", die er entweder digital bei sich selbst auf Desktop, Notebook, Netbook, Festplatten, Smartphone oder in der „cloud“ zuvor abgelegt hat.

Spezialisten der Dokumentation befürchten inzwischen sogar, dass die Volatilität des Digitalen insbesondere in der Möglichkeit seines, d.h. in diesem Fall unseres, Entschwindens im steten Generationenwechsel der Betriebssysteme liegt, und damit im Gegensatz zu den in Stein oder Papyrus gegossenen kulturellen Werken der Antike, die Wirklichkeit von uns unwirklich Virtuellen schon über die nächsten Jahrzehnte und nicht erst Jahrhunderte später verloren gehen kann. Zwar entstehen auch neue "Fotobücher" aus den Rechnern heraus, und prinzipiell lassen sich die digitalen Bilder auch ausdrucken, aber das "ganz persönliche" kaum wiederbringliche besondere Photo in der Brieftasche wird jetzt durch das Smartphone ersetzt, das ganze Fotoalben mobil omnipräsent gemacht hat. Geht damit die Geschichte verloren? Sicher nein, denn was wissen wir wirklich über das Essen, den Sex und die Liebe früherer Generationen und Zeitalter, wenn wir die genannten gegenständlichen Schatten der Archäologie und Papyrus Schriftrollen einmal ausschließen? Immer nur indirekte Schlüsse einer grob und nur wissenschaftlich präziser gezeichneten Vergangenheit!

Im Sediment der modernen Konsumgesellschaften wird es deshalb neben dem denkbar entschwindenden Digitalen sicher auch auf Dauer noch genügend physische Artifakte geben, die für nachfolgende Generationen auf die Art unseres Lebens verweisen. Durch technischen Wandel wird es zudem auch völlig neue Wege geben unsere häufig nichtssagenden und albernen Digits doch noch „technisch“ für unsere Kulturverfolger zu konservieren.

Aktuell aber ersticken wir eher an der Menge unserer digitalen Absonderungen, und das ist vielleicht aus der Perspektive des informellen Selbstbestimmungsrechtes auch gar nicht so schlecht. Unsere digitalen Beobachter, die einen kurzfristigen und kurzsichtigen Nutzen aus unserer Existenz, unseren Kaufentscheidungen oder medialen Vorlieben ziehen wollen, müssen sich schon ganz schön anstrengen und technisch kreativ sein, um eine „wirkliche“ Vorstellung von dem zu bekommen, was wir „tatsächlich“ und „faktisch“ in dem Gewimmel unserer Digits und Subjections als Ganzheit sind. Gelassenheit wäre hier also angesagt, denn unseren technischen Abbildern fehlt ja unsere singuläre nicht digitalisierbare „Aura“. Uns drohen deshalb immer mehr gefährliche „falsche“ Abbilder und der Missbrauch unserer Person in Form reduzierter Fragestellungen an unser Sein.

Wir degenerieren, so könnte man meinen, auf digitale Weise in eine primitive „Antwort“ auf die durch einseitig interessierte Beobachter unvollständig gestellten Fragen. Die Reduktion unserer Person durch die interessengeleiteten digitalen Fragesteller und Beobachter unserer Handlungen und unseres Verhaltens als Antworten auf deren Angebote und Fragen, ob dies der Staat, dessen Verwaltungen und Institutionen oder die Unternehmen sind, findet ja bereits täglich statt. Indem nur diese pragmatischen Reduktionen für deren Zwecke verwendet werden, als uns stattdessen als jeweils individuelle „Ganzheiten“ zu berücksichtigen, können neue Unangemessenheiten und Ungerechtigkeiten entstehen. Aber gilt das nicht auch schon für unser gesamtes Rechtssystem in der Vergangenheit schlechthin?

Wir wurden und werden doch auch ohne die neuen und modernen digitalen Szenarien nicht als Person mit all ihren Facetten vor ein Gericht der dritten Gewalt gestellt, sondern nur als Rechtsbrecher oder Verbrecher an einer genau bestimmten Ordnung mit klar definierten Rechten und Verstößen. Nicht die Person, ihr Denken und ihre Gefühle, ihre Meinungen und Träume standen bisher vor den Schreibtischen der Verwaltungen oder saßen auf den Bänken der Gerichte, sondern über ihre konkreten Handlungen, Taten oder klar definierte Attribute in einem politisch und sozial sehr konkret definierten Rechtssystem wurde zwar verbindlich und spezifisch, aber doch nur allgemein in Hinsicht auf die jeweilige konkrete Person oder "Sachlage" entschieden. Digital scheint sich dies nun zu verändern, weil das digitale Wissen über uns nicht mehr nur an die jeweiligen „geteilten“ Gewalten und dessen formalisierte Fragestellungen an uns gebunden ist, und bisher nur durch die dortigen systemspezifischen „althergebrachten“ Kommunikationsweisen festgelegt zu sein schien. Mit dem Mehr-Wissen des Staates über uns, unsere Orte und unsere Aufenthalte könnten in Zukunft weit mehr individuelle Rechte ab- oder zugesprochen und soziale Vergünstigungen registriert sowie Vergehen zugeordnet werden - immer auf der Basis der jeweiligen Macht der Beobachter. Jetzt könnte es also sogar so sein, dass wir fordern und wünschen, dass uns der Staat nun "besser" versteht in dem, was wir tun, weil er doch bereits schon jetzt anders als früher auf dem digitalen Markt die Daten dazu erlangen könnte. An den Schrebtischen der Verwaltungen äußern die Bürger, zum Beispiel beim Wechsel eines Fahrzeugs oder bei der Neuanmeldung einer Wohnung jetzt immer häufiger empört: "Aber das wissen Sie doch bereits!" In der Wirtschaft ist das schon vorher längst üblich geworden durch das individuelle Empfehlungsmarketing oder die "Nachkaufbetreuung" der Kunden. Unsere Neigungen und Produktentscheidungen werden längst „registriert“ und „interpretiert“. In der Folge werden dann Influencer auf uns angesetzt, um uns zu „neuem“ oder „anderem“ Konsum, also anderen Entscheidungen und Handlungen zu überreden. Noch wirksamer sind aber eben die selbst erstellten "Subjections" durch Listen von Präferenzen, in die wir uns freiwillig eintragen, z.B. in Form von persönlichen Playlisten, Wahlen von erwünschten Podcasts oder allgemeiner gesprochen durch das „taste sharing“ in den „taste communities“, unserer vielgeliebten "Blasen".

Vor allem dann, wenn durch die Berücksichtigung der digitalen Ganzheit unserer Person ganz andere Motive, eigene Erwartungen und Träume oder existenzielle Entscheidungssituationen in eine Beurteilung unserer relevanten Aktionen und Handlungen mit aufgenommen werden müssten, befinden wir uns an der Schwelle, uns für die bessere Beurteilung unserer Person digital „nackt“ zu machen. Dies zeigt sich besonders deutlich bei der Veröffentlichung von intimen Chatverläufen, die eigentlich vorher nur als privatim und intim gedacht waren. Viele Teilnehmer sehen in solchen Chats die Möglichkeit sich endlich als das darzustellen, was sie „ehrlich“ wünschen oder meinen zu sein, andere hingegen wittern gerade dort umso bessere und umso mehr Chancen durch ein kluges Management der „subjections“ einen „besseren“ und insoweit erfolgreicheren Eindruck zu hinterlassen, als wenn man wahrhaftig offen und auch öffentlich zu dem stehen würde, was man subjektiv als ein „Ich“ zu sein meint, aber als ein „selbst“ durch Dritte nicht wahrgenommen werden möchte. Kaum jemand fragt uns zudem nach unserer Zustimmung, wenn man unsere digitale Aura auf "Self-ies", die doch eigentlich "Gemein-ies" heißen müssten, als Beigabe zur Selbst-Inszenierung in digitalen Netzen nutzt. Ich bin mir kaum mehr bewußt, bzw. habe es längst vergessen, auf wie vielen Plattformen ich beispielsweise zusammen mit meiner Frau, meiner Tochter, oder meinem Enkelkind auch ohne mein Wissen präsent bin. Dies gilt zudem auch noch für Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen oder Bekannte und wiederum für deren Kinder oder sonstige "Angehörige", wenn ich mit ihnen Kontakt hatte. Oh wie niedlich!

Werden die „subjections“ sozial „notwendig“ oder gar Teil eines ganzen politischen „Sozialpaktes“ in diese Richtung, vor allem in autoritären Staaten, dann folgt der Illusion von mehr Gerechtigkeit durch die bessere Berücksichtigung dessen, was man ist oder auch nur zu sein meint, die Katerstimmung persönlich unerwünschter Verbote durch Staat, Wirtschaft oder Gesellschaft, bzw. die Verweigerung von Erlaubnissen und Zugangsrechten. Das macht beispielsweise aktuell das ganze Drama des digitalen chinesischen Sozialkreditsystems aus, auf das wir uns mittel- oder langfristig "zu unserem Vorteil" (wie man uns sagt, siehe die Corona-App mit später passendem Impfausweis) auch hinbewegen. Natürlich dient dies nur der Vermeidung von unerwünschten Verkehrsstaus, der Vermeidung von medizinisch riskanten Sozialkontakten oder der Förderung meiner Gesundheit durch die unmittelbare Weiterleitung meiner Körper- und Organmanifestationen an die dazu befugten Stellen. In solch einer Datendiktatur müssten wir notwendigerweise neue „Subjections“ vorausschauend, klug und natürlich nicht immer „ehrlich“ inszenieren, um uns angemessen zu präsentieren, damit wir die von uns gewünschten „sozialen Benefits“ auch tatsächlich in Anspruch nehmen dürfen. Neu ist das dennoch nicht.

Erving Goffman hat auch ohne social media und GPS-Kontrollen eine Welt beschrieben, in der wir alle auf die eine oder andere Art und Weise Theater spielen wollen oder gar müssen (Erwing Goffman, The presentation of self in everyday life. Doubleday & Company, New York 1959). Die digitale Welt, so es sie denn tatsächlich gibt oder geben sollte, hat nur die Zahl der denkbaren Rollen und Texte in diesem Theater noch einmal deutlich erweitert. Und Lionel Trilling hat sogar vom „Ende der Aufrichtigkeit“ gesprochen, als ob es die jemals gegeben hätte (Lionel Trilling, Das Ende der Aufrichtigkeit, München Wien 1980). Nur Heuchler und Pharisäer nennen Trump insofern den ersten Lügner oder auch nur den ersten Lügner im Staat. Es sind die auch „unehrlichen“ Inszenierungen und persönlichen Besserstellungen, die wir alle auf die eine oder andere Weise im Alltag betreiben und dabei sogar "genießen". Inszenierungen sind Abgrenzungen, die sich „als feiner Unterschied“ durch das Gesamtwerk von Bourdieu ziehen (Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt am Main 1982) Diese Unterschiede hat es vielleicht sogar schon in den Stämmen der Steinzeit mit Häuptlingen, Kräuterfrauen oder Priestern gegeben, nur wahrscheinlich weniger differenziert und umfassender als heutzutage. Wirkmächtig und unangenehm waren sie für die "niederen Kasten" auch damals schon allemal. Goffman nannte die darauf bezogene Aktivität das „impression management“ in das nun die „subjections“ einmünden.

Der Privilegierte sonnt sich „höchst individuell“ in der jeweils teuersten letzten I-Phone-Generation, und weil ihm dies zur eigenen Selbstdarstellung - nachdem doch inzwischen auch der letzte Prol ein Smartphone besitzt - zur Abgrenzung nicht mehr reicht, springt er ganz konsequent auf den mit einem Normaleinkommen noch weniger erreichbaren Tesla um, von dem er in der Nach-Apple-Ära von Generation zu Generation ebenfalls wieder evolutionär vorwärts schreitet. Schon ist absehbar, dass es in naher Zukunft ein individuelles Flugzeug geben wird, das dann ebenso einfach zu steuern sein wird wie ein moderner PKW. Spätestens dann werden unsere Pseudoeliten wiederum von ihren Teslas und Privatflugzeugen umsteigen und dann von drohnenartigen Adlersschwingen getragen zur Selbstinszenierung ihrer Besonderheit auch über uns Normalos hinweg schweben.

Am besten scheinen die „Subjections“ in Form von Clubmitgliedschaften zu funktionieren. Auch keine sonderlich neue Erfindung, aber im Netz kann man sich dann auch je nach Wunsch verantwortungsloser und somit folgenloser mal anonym und dann auch wieder nicht "ohne Gesicht" und "geheim" schadlos halten. Bloß keine Verantwortung für die Chancengleichheit in der Gesellschaft übernehmen und möglichst unter sich bleiben! Es reicht einfach aus, irgendwo und dabei möglichst exklusiv „dazu“ zu gehören, sich pseudointim unter den Privilegierten dieser Welt zu fühlen und das sozialaversive Ego dadurch zu pflegen:

„Um dem Clubhouse einen exklusiven Anstrich zu geben, bekommt Einlass nur, wer von einem Mitglied eingeladen wurde. Wer drin ist, kann zwei weitere Leute nachholen. In Corona-Sprache: Der R-Wert bei der Clubhouse-Ausbreitung liegt bei 2. Meist geschieht die Ansteckung innerhalb des eigenen Milieus, man bleibt unter sich. Dafür gibt es noch einen zweiten Grund: Clubhouse funktioniert bislang nur auf Apple-Geräten. »Ein Großteil der Bevölkerung verdient nicht genug, um sich Apple-Produkte leisten zu können«, sagt OMR-Gründer Philipp Westermeyer, einer der ersten Nutzer. »Normale Menschen erreicht Clubhouse deshalb kaum.« Und will es vermutlich auch nicht.
Clubhouse ist ein Sehnsuchtsort der Eliten. Hier sind sie unter sich, führen erstaunlich ruhige Gespräche, statt sich mit hasserfüllten Twitter-Nutzern und -Nutzerinnen herumschlagen zu müssen. In manchen Runden, die sich in diesen ersten Tagen oft um die App selbst drehen, ist der Geist der frühen Internetjahre zu spüren: eine gesellschaftliche Utopie, in der man über Grenzen hinweg gemeinsam ins Gespräch kommt.
Anders als soziale Netzwerke wie Gab oder Parler wurde Clubhouse nicht erfunden, um Rechtsextremen oder Verschwörungstheoretikern einen Raum zu schaffen, in dem sie wüten dürfen. Clubhouse richtet sich eher an diejenigen, die bereits anderswo eine große Plattform haben und nun nicht mehr Reichweite suchen, sondern mehr Intimität.“ (https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/clubhouse-als-neuer-social-media-hype-eliten-unter-sich-a-43855543-2390-4d3d-a6b3-3853cd8d2c55)

Aber selbst auf „niedrigerem“ sozialem Niveau wird das individualistische Aufsteigen im Rahmen unserer Geschmacksgemeinschaften ebenfalls möglich bleiben. Für fast alles was uns umgibt, gibt es bereits jetzt ein regelmäßiges „upgrade“, das uns von Mutation zu Mutation als Mensch in kleinen Annäherungsschritten in exponentiell wachsendem Konsum jeweils einen Schritt dem erträumten Konsumparadies näher und folglich auch weiter bringt, ohne deshalb das asymptotische Endziel der „konsumistischen“ Vollversorgung ganz zu erreichen.

Die asympotische Spirale des „Subjektiven“, entweder von der „geheimen und persönlichen“ digitalen Innerlichkeit zur digitalen Entäußerung, oder andererseits umgekehrt auf dem Weg der Erkenntnis vom entäußerten und entfremdeten Leben zum niemals zu erreichenden asymptotischen Mittelpunkt der vollständigen subjektiven Selbsterkenntnis, zeigt nur die Richtung der jeweiligen „subjections“ auf.

Ergänzt zu einem mathematischen Kegel, zur Beschreibung der statistischen Handlungsräume, wird der Eintritt in das pulsierende Reich der ebenso wachsenden sozialökonomischen Möglichkeiten in der reichen Konsumwelt aufgezeigt, zu der wir doch irgendwie alle gehören wollen. In welcher Form und ob überhaupt wir in diesem "pulsierenden" Reich der Möglichkeiten (weil es sich mal durch mehr Einkommen individuell erweitert und mal durch sozialen Abstieg reduziert) subjektiv nutznießend handeln - oder aber der Außenwelt nach innen "romantisch" eher entrinnen wollen, das ist die jeweils zu entscheidende „Subjektivität“ des Lebens, für die eine "platonische" Form eines pulsierenden asymptotischen Kegels eben nur eine Annäherung in einem an sich unangemessenen und unvollständigen Bild darstellt.

 

(Das Reich der kontingenten Subjektivität
als pulsierender asymptotischer Kegel - U.Th. Lange)

Dabei gibt es selbst bei den Asymptoten schon mathematisch wahrscheinlich asymptotisch viele Varianten „Eine verbreitete Auffassung, dass sich eine Funktion der Asymptote zwar nähert, sie aber niemals schneidet, stimmt nur für einen Teil der Funktionen mit asymptotischem Verhalten. Es gibt nämlich Funktionen, die ihre Asymptote ein oder mehrere Male in ihrem Verlauf schneiden (und sich ihr erst dann nähern, ohne sie nochmals zu schneiden). Und es gibt Funktionen, die um ihre Asymptote oszillieren und sie somit unendlich oft schneiden.“ (Stichwort Asymptote Wikipedia) Genügend Platz also für Widersprüche, Wege zurück und Wege nach vorn in einem nach wie vor durch ein „Schicksal“ generell unbestimmbaren und nur subjektiv wählbaren Leben als ein Sosein im Dasein.

Führt der Weg der Asymptote entlang einer sich logarithmisch verengenden Spirale nach innen, so lässt sich ein asymptotischer Punkt beispielsweise im Sinne des Nirwana der Buddhisten definieren, den wir ebenfalls nur in Annäherungen aber niemals absolut erreichen werden.

Konsum hingegen führt uns (im Sinne der Luhmannschen Kontingenz und Ausweitung an Möglichkeiten, die dann die Märkte und Sozialsysteme für uns wünschenswert wieder reduzieren) in einer sich ebenso logarithmisch ständig öffnenden Spirale, quasi aus dem "Nichts" kommend, immer weiter von innen nach außen und erweitert insofern unsere "soziokulturellen" Handlungsmöglichkeiten von ursprünglich "wenig" über "immer mehr" zu letztendlich "unendlich viel"; und übertragen gesprochen, immer weiter von uns weg, ohne uns aber deshalb zwangsläufig, weil wir ja nach wie vor im Zentrum der Entwicklung stehen, entsprechend verlieren zu müssen. Der Weg in Richtung auf den realen wie virtuellen Konsummessi, der seine innere wie äußere Ordnung immer mehr verlieren könnte, scheint irgendwie unausweichlich zu sein.

Die schönsten fraktalen Lebensblumen der Entäußerung malen dann immer noch unter Umständen ein sehr lebenswertes Bild, selbst dann wenn wir uns noch nicht wirklich auf den Weg zu uns selbst gemacht haben. Oft aber sind wir uns des inneren asymptotischen Punktes nicht mehr bewusst, weil wir uns in den Fraktalen der Entwicklung vergessen. Wir meinen dann, wir seien an einem Endpunkt angelangt, an dem dieser an sich nicht vermeidbare asymptotische Punkt entschwunden zu sein scheint. Dies aber ist insofern ein „Irrglaube“, mit dem man - wie bereits gesagt - durchaus zu leben vermag, doch hintergehbar ist er nicht, da wir als Geschichte ohne Ende weiter leben werden, selbst dann, wenn wir längst gestorben sind, weil das, was dann mit unserem „Nachwirken“ passiert, nicht einmal mehr von uns danach direkt „gesteuert“ werden kann. Nur die virtuellen "Selfies", soweit wir sie nicht gelöscht haben, und in denen wir entweder eine eigene oder nur eine "gemeine" Rolle spielen, die bleiben irgendwie nach uns vorhanden, zumindest vorerst.

Dabei ist das Schicksal an sich ja eh nicht zu steuern. Ob wir also an die „Wiedergeburt“ glauben oder nicht, tagtäglich werden wir sowohl im wirklichen Leben, wie auch im Netz wiedergeboren. Nehmt also die subjektiven „Dealmaker“ dieser Welt insofern ernst, als sie uns dazu aufrufen, tätig zu bleiben und unseren jeweilig persönlichen Deal mit der von uns subjektiv konstruierten Welt zu schließen! Der Deal mit dem klugen Handeln sollte sich allerdings schon vorher nachhaltig mit dem klugen Deal des klugen Gedankens versöhnen. Hannah Arendt beendet ihr Buch „Vita Activa“ mit den folgenden Sätzen:

„Das Denken schließlich (das wir außer Betracht gelassen haben, weil die gesamte Überlieferung , inklusive der Neuzeit, es niemals als eine Tätigkeit der Vita activa verstanden hat) hat, so möchte man hoffen, von der neuzeitlichen Entwicklung noch am wenigsten Schaden genommen. Es ist möglich und sicher auch wirklich, wo immer unter den Bedingungen politischer Freiheit leben. Aber auch nur dort. Denn im Unterschied zu dem, was man sich gemeinhin unter der souveränen Unabhängigkeit der Denker vorstellt, vollzieht sich das Denken keineswegs in einem Wolkenkuckucksheim, und es ist, gerade was politische Bedingungen anlangt, vielleicht so verletzbar wie kaum ein anderes Vermögen. Jedenfalls ist es erheblich leichter, unter den Bedingungen tyrannischer Herrschaft zu handeln als zu denken. Die Erfahrung des Denkens hat seit eh und je, vielleicht zu Unrecht als ein Vorrecht der Wenigen gegolten, aber gerade darum darf man vielleicht annehmen, daß diese Wenigen auch heute nicht weniger geworden sind. Dies mag von nicht großer Bedeutung oder doch von nur sehr eingeschränkter Bedeutung für die Zukunft der Welt sein, die nicht vom Denken, sondern von der Macht handelnder Menschen abhängt; es ist nicht irrelevant für die Zukunft des Menschen. Denn hätten wir die verschiedenen Tätigkeiten der Vita activa lediglich von der Frage her betrachtet, welche von ihnen die 'tätigste' ist und in welcher sich die Erfahrung des Tätigseins am reinsten ausspricht, dann hätte sich vermutlich ergeben, daß das reine Denken alle Tätigkeiten an schierem Tätigsein übertrifft. Diejenigen, die sich in der Erfahrung des Denkens auskennen, werden schwerlich umhinkönnen, dem Ausspruch Catos zuzustimmen: numquam se plus agere quam nihil cum ageret, numquam minus solum esse quam cum solus esset, was übersetzt etwa heißt: 'Niemals ist man tätiger, als wenn man dem äußeren Anschein nach nichts tut, niemals ist man weniger allein, als wenn man in der Einsamkeit mit sich allein ist.'“ (Hannah Arendt, VITAACTIVA oder vom tätigen Leben, München 1967)

Verzichten Sie also durchaus zur Konstruktion Ihrer „subjections“ auch einmal auf das Highend-Smartphone, Ihren Highend-Tesla oder die vielen „Upgrades“ Ihrer häufig unnötigen Produkte und Waren im Alltag! Geben Sie sich wenigstens ab und an der denkenden Gedankenmalerei der Romantiker hin, denn letztlich orientiert Sie dann vielleicht ein "eigenes" schönes Gedankenbild neu, und führt sie dann unter Umständen sogar auch noch zu noch vernünftigerem weil wirklich erkämpftem und persönlich gewählt subjektivem gemeinnützigem oder zugleich der Gesellschaft nützlichem Handeln! Nutzen Sie dieses an sich so einfach zu erwerbende Privileg, denn es ist für Sie kostenfrei, wenn auch nicht kostenlos, weil doch mit gewissen Entsagungen verbunden. Es macht sie vor dem Hintergrund von mehr technischer Gemeinsamkeit durch einen klugen Verzicht im Sinne von Hannah Arendt, oder besser Cato, sogar „weniger allein“, als Sie vielleicht denken, indem ihre denkende Einsamkeit zur subjektiv gestaltbaren Wahlheimat wird und sie damit menschlich erfüllt.