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Die Terrassisten und die Prekaristen

Bundesbürger unterscheiden sich neuerdings nach:

Bundesbürgern mit Terrasse
und
Bundesbürgern ohne Terrasse

Der Terrassist lebt zu zweit allein
es sei denn er zählt auch Kinder zum Sein.
Der Terrassist ist nur kein Rassist
weil neben ihm sonst keiner zuhause ist.

Man nannte sie früher Toskana-Fraktion
Jetzt bleibt man zuhause voller Hohn.
Den Spott bekommt jetzt der Populist,
weil man ja so offen und vielfältig ist.

Der Terrassist bonviviert seine Ess-Kultur
der Prekarist vermeidet die Hunger-Kur,
denn satt frisst sich nur die Canaille,
der Adel hält ja auf Taille.

In Coronazeiten guten Mutes
tut der Terrassist auch stets nur Gutes
Er gönnt sich Zeit und fängt an zu lieben
dort wo ihn bisher Geschäfte trieben

Er negiert wie immer das eigene Oben
während unten die heftigen Stürme toben.
Der Prekarist ist halt selber schuld,
Der Pharisäer braucht dafür den Charity-Kult

Sommeliers für alles und jeden
Dem Terrassist ist ja Kultur gegeben:
Der Guide Millau auf dem Fensterbrett
und Ökotex auf dem Landhausbett.

Jetzt wieder reisen
zum guten speisen,
von Problemen entfernen,
nur mit fünf Sternen.

Zwischen Tesla-Traum und eigenem Benz
Sehr viel Fisch oder vegane Fettabstinenz.
Von Coronapartys distinguiert
bleibt das eigene Leben privilegiert.

Terrasse hat man, die muss man nicht zeigen,
dort pflegt die Ess-Klasse ihren Bio-Reigen.
Mit viel Glück hat der Arme auch ’nen Balkon
und läuft dort genau so dem Leben davon.

Mit Terrasse und einem Arbeitszimmer
ist das Leben nur einfach "weniger" schlimmer.
Für Verluste bürgt der erneuerte Staat,
der haftet jetzt für die Terrassisten-Tat.

Der Clou ist Terrasse samt eigenem Garten,
möglichst englisch, um nicht auf den Gärtner zu warten.
Asiatisch mit Gingko ist ein echter Thriller,
kluge Kritik aber Stimmungskiller.

Doch die wirklich Jungen, die flüchten Terrassen
und demonstrieren mit den ärmeren Klassen.
Uns Terrassisten indes lässt das kalt,
mit 16 hat man noch Hoffnungen halt.

Der Systemwechsel ist zwar in aller Munde
und selbst auf Terrassen hört man die Kunde.
Doch das Alte wird erst dann auf Dauer negiert,
wenn Strasse, Platz oder Park zur Terrasse wird.