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Die Welt nach Trump

(eMail-Dialoge unmittelbar nach der Wahl von Trump - zur Veröffentlichung überarbeitet)

 

Lieber S.

(Meine Antwort an eine Mail von jemandem, der vor allem auf die nach wie vor schreiende soziale Ungleichheit und die Betroffenheit der Armen in seiner Mail hinwies und das "Wir schaffen das" als eine der Ursachen für den neuen Populismus darstellte),

würde mich freuen, wenn Du mich in Zukunft mit weiteren Mails versorgst, da Du inzwischen von den Verschwörungstheorien Deiner früheren Mails abgerückt und wieder auf den Boden der Tatsachen zurück gefunden zu haben scheinst.

Ja, wesentliche Gedanken und Analysen Deinerseits, was die Fortdauer der weltweiten Einkommensdifferenzen und der wachsenden Spaltung der Gesellschaft insofern betrifft, kann man nur unterstreichen, bzw. teilen.

Schwach sind wir alle, die wir uns der aktuellen tiefen Krise der Gesellschaft bewußt sind, allerdings nach wie vor und vor allem bezogen auf die daraus resultierenden Antworten und Lösungsvorschläge unsererseits. Mir fällt da immer nur das unermüdliche Handeln zur "Verteilungsgerechtigkeit" ein; doch wer sollte aktuell dafür die politische Lobby sein?

Die gebeutelten Armen hatten historisch mit der sozialistischen Avantgarde und der Arbeiterbewegung wenigstens so etwas wie eine politische Heimat. Wer und was aber sollte heute eine solche "Heimat" für sie sein? Die Bewegung selbst war die "Bildung", die sie damals genossen, und die in Hinsicht auf die historische und soziale Wertigkeit höher war als die "humanistische" Bildung der bürgerlichen Eliten. Leider haben sich diese sozialen Bewegungen aber vom Vorbild der Individualisierung und Verbürgerlichung, das ihnen von den Eliten als Leitbild vorgelebt wurde, leiten lassen und sitzen heute ebenso wie die Eliten in der Sackgasse der spießbürgerlichen und bigotten Einsamkeit.

Immer wieder falle ich persönlich in meiner Analyse der Situation dann doch auf eine fundamentale Medienkritik zurück; denn dieses deutsche, vor allem privatwirtschaftliche Mediensystem (wenn auch dual konzipiert), soweit es die elektronischen Massenmedien betrifft, hat am massivsten in unsere Lebenswelt eingegriffen und die sozialen Kontexte zerstört, in denen man in Form von Gemeinsamkeiten über Probleme, Lösungsvorschläge und Handeln freundschaftlich, verwandschaftlich oder nachbarschaftlich miteinander verbunden gesprochen oder gestritten hat. Bunt schillernd hingegen sind die neuen Gemeinsamkeiten durch elektronische Netze, in die wir alle vorerst aalglatt hineinschliddern. Nach den ersten Facebook- und Whats-Up-Allüren erwacht nun wohl doch noch ein neues Verantwortungsgefühl, bei dem meine alte Hoffnung und mein unvollendeter Traum als Teleromantiker auf bzw. von "Techniken der Gemeinsamkeit" wieder lebendig zu werden scheint. Statt Gründlichkeit findet sich aber zumeist nur wenig "Geistreiches", Schnelles und häufig wenig Durchdachtes im Netz wieder. Wir klicken zu schnell und denken dabei meistens zu wenig. Wir sind zwar zu einem hohen Anteil in der Gesellschaft geldärmer aber dafür datenreicher geworden, und haben dabei verlernt aus diesen Daten tatsächlich nützliche Informationen zu machen, um unsere Lebenswelt qualitativ zu bereichern. Hier aber setze ich auf eine neue Generation, die die "neue Ernsthaftigkeit" wieder für sich zur Lösung der gravierenden Weltprobleme entdecken wird.

Die armen Schweine der Gesellschaft sind eben nicht die Hartz IV-Empfänger sondern nach wie vor die "Top"-Leute der Gesellschaft mit ihren hohlen, nur am Geld orientierten Lebensentwürfen, ihren liebesarmen Sex-Abenteuern und ihrer Unfähigkeit eine wirkliche Heimat zu schaffen. Was sind das für Privilegien, die in den oberen Etagen eines Trump-Towers enden mit Modepuppen im "Gefolge", und mit der Konsequenz zusammen mit versteinerten Botox-Gesichtern den Alltag verbringen zu müssen? Natürlich sind alle Frauen korrekterweise "Nutten", wenn man nur mit Nutten zusammen zu leben vermag. Unsere Eliten sind eben nicht überreich, sondern überarm in ihren Gefühlen, ihrer Empathie, wie dies die Neusprache so nennt. Ja wir haben es mit einer Seuche von "Trump"eltieren in den Eliten zu tun, deren schwanzgesteuerter Ethos, auf Seiten der Männer doch leider die Moral der Big Brother "Container" ist. Und die Sucht nach dem Geld, übertriebener Ordnung und Sicherheit sowie der Griff zur Macht über andere Menschen ist wohl doch eher geschlechtsneutral.

Die modernen "kultivierten" Geld- und Bio-Eliten indes haben den einfachen Menschen deren Kultur, deren Freizügigkeit und deren Waghalsigkeit für ihre "Abenteuer" nur gestohlen. Die Lust am Risiko, die für die Revolutionäre, aber auch für Schmuggler, Wilderer und Piraten am unteren Ende der Gesellschaft historisch so abenteuerlich lebendig war, hat sich nun in eine neue Sucht der Eliten verwandelt, das Leben in einen höchst individualistischen Abenteuerurlaub für Betuchte zu verwandeln. Die neuen Alten der Eliten sind die Hippies mit Pensionsanspruch geworden, deren Verdienst vor allem darin liegt, ein Leben lang bei allem "mitgemacht" zu haben, und nun dafür auch noch belohnt zu werden. Understatement und Charity sollen die Tatsache verbergen, dass man die Armen in ihrer solidarischen Wertewelt und offenen Flexibilität eigentlich bewundert, aber die tagtäglichen Bürden und Beschwernisse der Benachteiligten nicht wirklich mit"erleben" und mit"tragen" möchte. Gepamperte Risiken suggerieren ein Aussteigen, das niemals stattgefunden hat, um die eigene Mitmachermentalität zu überspielen.

Auch "Make Love not War" kam ursprünglich von unten und nicht von oben. Es waren die klugen armen Mütter, die ihre Kinder nicht an die Soldateska verlieren wollten. Es sind aber auch die bösartigen alten Frauen und bitteren alten Männer aus der gleichen Gesellschaftsschicht, die ihre Söhne leider immer wieder auch zu Soldaten oder simplifizierenden Wutbürgern machen wollen, die fremdenfeindlich und voller Hass sind; aber der Verlust eines Menschenlebens wurde dennoch in der Geschichte "unten" immer tiefer empfunden als ganz oben, wo meist nur die Befehle zur jeweiligen Verelendung der Massen gegeben wurden. Dass jetzt der "Mob" die Populisten wählt, spricht eben nicht gegen die "einfachen" Leute "an sich" sondern nur gegen eine Gesellschaft, die Bildung wieder nur als ein Privileg für die Eliten zur Sicherung der verunsicherten Existenz ihrer misratenen Zöglinge privatisiert.

Armut und Statusverlust können gerade im Gegensatz zur Lüge von der Romantik der Vogelfreiheit, die den Armen von "denen da oben" zu deren Beruhigung als Märchen immer wieder erzählt wurde, für uns Bürgerliche hingegen die notwendigen Lehranstalten sein, um die Qualität und den Wert eines Menschenlebens ohne Geld, Status und Prestige entsprechend neu zu erfahren. Humanismus ist das wertvollste und in der Tat "romantische" Geschenk, das der Verzicht auf das vorrangige Streben nach Geld und Wohlstand mit sich bringen kann. Der neuen Vernunft geht insofern immer wieder eine neue Romantik und die damit verbundenen neuen Träume voraus.

Die aktuell übertriebene Political Correctness indes ist uns, den "hyperkorrekten" Deutschen, als Politische Korrektness (im Deutschen Führerjargon) auf den Leib geschrieben, und schon wieder soll also am Deutschen Wesen, diesmal getarnt als "Gutmenschen", die Welt genesen (?); deshalb bin ich höchst erfreut über die Multikulturalisierung auch unserer nach wie vor allzu deutschen Gesellschaft, auch wenn dies, wie Du zur recht behauptest, durch Lohndrücker und die Politik des "teile und herrsche" primär auf Kosten der Armen, Entheimateten und Entrechteten in unserer Kultur geht. Ich setze gar nicht darauf "dass wir das schaffen"; ich weiss vielmehr nur, dass wir das "brauchen", schon um als Wohlstandsgesellschaft die notwendige Demut und Läuterung zu erfahren. Wer als Gutmensch heute von "seinen" Flüchtlingen spricht, die er bemuttert und versorgt, und diese morgen mit anderen sozialen "Spielzeugen" konfrontiert schon wieder vergessen wird, der hat nicht wirklich "nachhaltig" einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit in der Welt geschaffen. Gerechtigkeit ist ohne wirklichen und dauerhaften Verzicht und die Umverteilung von oben nach unten nicht möglich.

Und eben deshalb: Wenn die Ausgebeuteten der Welt nun massiv bei uns die Orte aufsuchen, von denen aus sie immer noch tagtäglich ausgebeutet werden, dann schafft dies die produktiven Probleme, die nach einer neueren gerechteren Weltordnung hinter den Strukturen der Strukturen schreien. Hier liegt für mich das Rettende in dem Chaos der notwendigen "Grenzüberschreitungen" begründet.

Die politische Korrektness hat ihre amerikanische Ursprungsbedeutung längst überlebt. Dort ging es ursprünglich darum sprachkritisch einen Neuanfang zu wagen um überholte Sprach- und Denkmuster kontinuierlich an eine veränderte Wirklichkeit anzupassen, was selbstverständlich sinnvoll und vernünftig ist. Schnell wurde dieser Impetus, als eigentlich zuerst nur eine reine Form des notwendigen Überdenkens von Sprache indes in einen Zwangsmechanismus verwandelt, der quasi gesetzliche Regelungen der Sprachverwendung mit sich brachte. In den USA, in denen die Redefreiheit durch das First Amendment weit umfassender auch für große Dummheiten und "Gemein"heiten geöffnet ist, wird die amtliche Sprachregelung deutlich von der privaten und persönlichen Redefreiheit abgegrenzt. Bei uns hat sich bezüglich der Rede- und Meinungsfreiheit eine merkwürdige bigotte Nachfolgediskussion ergeben, bei der die notwendige Korrektur der Amtssprachen mehr oder weniger gleichzeitig auch dafür verwendet wurde, die private und persönliche Meinungsäußerung ebenfalls so zu "dissen";"disrespect"ierliche Sprache ist neben der respektablen aber in den USA eben auch durch die Verfassung geschützt, die europäische und wahrscheinlich vor allem deutsche Hyperempfindlichkeit für "Beleidigungen" indes stößt bei den Eliten der neuen politischen Korrektness auf den Nachhall einer Gesetzesähnlichkeit. Was sich "nicht gehört", das gilt als verboten, obwohl es eigentlich auch durch unsere Verfassung als Meinungsfreiheit geschützt sein müsste.

Historisch lässt sich dies nur durch die intensive und umfassende Sprachverschmutzung durch die Nationalsozialisten erklären, die ja in ihrer Nachfolge auch das gesamte deutsche Kulturgut bis hin zu deutschen Liedern und deutschem Schlager unter einen deutschtümelnden bis reaktionären Verdacht stellt. Gerade durch den Deutschrock und die neue Deutsche Welle wurde aber bei jungen Leuten ein neues Heimatgefühl virulent, dass durchaus mit den Empfindungen der jungen Leute vergleichbar ist, bevor diese von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht wurden. In dieser Neuauslegung der Politischen Korrektness spielen nun deutliche Standes- und Bildungsdünkel mit, die der weniger intelligenten oder sprachkritischen Rede den "Mund verbieten" möchten. Dahinter steckt die alte Deutsche Zwangsneurose des Untertanen, der in stets schon vorweggenommenem Gehorsam nicht durch Einsicht und Erkenntnis sondern nur durch das zwangsweise Verordnen die Welt gestalten möchte. Ein merkwürdiges "double bind" ist entstanden, indem die Sprache einerseits modernisiert wird, die liberalen Voraussetzungen aber für einen wirklich freien Wandel von Denken und Sprache durch Einsicht und Erkenntnis nicht ebenso wertgeschätzt werden. Der staatsautoritäre Deutsche will die bessere Welt verordnen, und auch die neuen pseudo-liberalen Eliten wollen über die Sprachverwendung bestimmen. Dies gilt insbesondere für unsere "Laster", wie Rauchen, Essen, Sexualtiät oder das Trinken. Auf allen Ebenen gibt es neue zwangsneurotische Sprachregelungen, die das bessere Handeln und nachhaltigere Leben in Form einer Zwangsjacke den widersprüchlichen menschlichen Verhältnissen überziehen möchte. Und … ach oh Schreck, durch die Populisten ist nun der sprachliche "Überzieher weg" (Otto Reuter).

Politische Korrektness ist inzwischen eine Beschwörungssprache geworden. Tatsachenbehauptungen als "Aussagen" werden so aufgestellt, dass sie nur noch den eigenen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen, da man alles ja später mit einem "Faktencheck" wieder korrigieren kann. Im Alleinsein, ohne eigene gesellschaftliche Verortung, werden gegen Kritik immunisierende Thesen über die Gesellschaft "an sich" formuliert, die eigentlich erst der gesellschaftlichen und sozialen Bewertung und vor allem dem Gespräch miteinander bedürften. So lebt denn jeder in der eigenen Sozialwelt, den Geschmacksgemeinschaften oder (taste communities, Neumann-Bechstein) und hat wenig Verständnis für die Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten in unseren Köpfen, Herzen und Seelen; kein Verständis untereinander auch für die notwendige Zeit, die man für die entsprechende Erkenntnis bzw. Bereitschaft zur Veränderung auf der jeweils anderen Seite benötigt.

Hier treffen sich politisch Korrekte in ihren Pseudowirklichkeiten mit denen der Populisten. So wird die gesamte deutsche Kultur einerseits in eine "Willkommenskultur" umdefiniert, obwohl sich ein hoher Anteil der Bevölkerung gegen die "Neuankömmlinge" sperrt. Umgekehrt beschreiben die Reaktionäre das "Deutsche" so, als existierten immer noch die Verhältnisse der "Untertanenzeit", in denen man in deutsche und undeutsche Verhältnisse differenzierte, und alles "Undeutsche" zu eliminieren trachtete.

Erschwert wird die aktuelle Diskussion dadurch, dass die Verfassung aus der Weltkriegserfahrung heraus den Flüchtlingen zu recht das Asyl "per Gesetz" gewährt. Dieses "An"recht auf Asyl wird als ein "Rechts"anspruch notwendigerweise sehr schnell und dringlich in Anspruch genommen. Ein Krieg ist ein "unordentlicher" Umstand und schafft neue "unordentliche" Zustände, die wir Deutschen ja gar nicht mögen. Der frei"willigen" Einsicht und gastfreundlichen Einladung der Misshandelten, Entwürdigten und Entrechteten wird insofern ein juristischer Mechanismus vorgeschoben, der den ver"heimateten" Menschen nicht die notwendige Zeit lässt, die Einwanderung auch angemessen geistig und seelisch zu verarbeiten. Dies spricht indes nicht gegen die Verfassung, sondern nur dagegen, wie wir gelernt haben mit ihr umzugehen.

Die Deutschen waren ursprünglich nicht für ihre Nachkriegsverfassung reif, sind es aber über die Jahre auf eine Weise geworden, die uns ohne überzogenen Pathos "stolz" sein lassen kann auf die weitreichende Demokratisierung der Bundesrepublik. Wenn aber in diesem "Stolz" die Selbstbeweihräucherung sowohl der eigenen Leistungen als auch die der "Deutschen Seele" im Vergleich zu allen anderen Kulturen und Ländern mitschwingt, dann wird diese neue "Leit"-Kultur sehr wohl auch schnell wieder reaktionär, weil den sinnvollen Fortschritt und die behutsame Moderne hemmend. Die populistische reaktionäre Variante der politischen Korrektness gestaltet sich die Wirklichkeit so, wie man sie gerne hätte, anstatt sich mit den Tatsachen des Lebens auseinanderzusetzen: "Wir haben uns unseren Wohlstand ohne die Anderen erarbeitet und an unseren Wohlstand lassen wir niemanden ran" Fest steht indes, dass der Wohlstand des Westens zu einem hohen Anteil in den Kolonieen erarbeitet wurde, und dass Rohstoffe und Vermögen von dort abgezogen wurden, um unseren Wohlstand zu kreieren. Die "progressive" Variante des Populismus hingegen vergisst, dass zu der entweder notgedrungen kurzfristigen oder aus Modernisierungsbedürfnissen langfristig notwendigen Multikulturalisierung der Gesellschaft eben auch "falsche", ungerechte und unangemessene Meinungen gehören können. Die reaktionären Populisten verwenden die oben beschriebenen Widersprüche darüber hinaus, um Hass und Feindschaft unter den insgesamt stark verunsicherten Menschen in solch gravierenden Krisen- und Wendezeiten zu propagieren und sogar noch zu fördern, und gießen Öl in die Flammen, damit man später vielleicht doch noch auf diesem Humus ein Viertes Reich gründen kann.

Schnell sind Beobachter des Wahlsieges von Trump mit dem Faschismus- oder gar Nationalsozialismusverdacht zur Hand (Das Zurhandene, Heidegger). Im Internet wird mit Godwin's law (newrepublic.com/minutes/124205/yes-donald-trump-fascist) sogar eine Art Naturgesetz vom "Führer" Trump zum Faschismus diskutiert, mit dem Resultat: "Yes, Donald Trump is a fascist". Viele vergessen aber, dass genau dieses von Mike Godwin so kreativ formulierte Gesetz eine ironische Kritik an der "Totschlagsdimension" von Nazivergleichen in Internetforen ist, also eine wichtige Voraussetzung, um sich von ideologischen Immunisierungen in dieser Richtung wieder zu befreien.

Zu meinen, man könne mit Umberto Eco "beweisen", dass Trump ein Faschist sei (Jetzt bewiesen: „Trump ist Faschist“), führt erstens in die Irre, und beleidigt zweitens die Opfer von Faschismus und Nationalsozialismus, denn dieser Gedanke verharmlost die systematischen Verbrechen in historisch einmaliger Dimension, die insbesondere von letzteren begangen wurden. Gemeint ist dabei explizit Jamelle Bouie, (Quelle: Donald Trump is a Fascist, 25.Nov.2015, www.slate.com) der ernsthaft zu behaupten versucht, das "Faschist" die beste Beschreibung sei, "what the GOP front-runner has become:

"Im Rückgriff auf Umberto Eco und seinen Faschismus Aufsatz im New York Review of Books bezieht sich der Autor auf eine Reihe von Indikatoren: Einen Kult des Handelns um des Handelns willen, die Bewertung von Nachdenklichkeit als Form der Entmännlichung, Intoleranz gegenüber analytischer Kritik, Furcht vor Unterschieden, den Aufbau einer nationalen Identität gegen innere und äußere Feinde, offene Verachtung von Schwachen und das Zelebrieren einer aggressiven und gewalttätigen Maskulinität. Soweit der eingedampfte Kriterienkatalog Ecos."

Der genannte Kriterienkatalog kann indes vielen politischen Akteuren übergestülpt werden, auch wenn sie nicht die physische Auslöschung und Abschlachtung ganzer Bevölkerungsgruppen oder gar "Rassen" intendieren. So wird der Kampfbegriff Populismus eher zu einer Stigmatisierung von politisch Andersdenkenden verwendet, als um eine kriminologische Qualifizierung von Verbrechen vor dem Völkerrecht politisch und juristisch festzulegen. Und doch spüren viele Demokraten "instinktiv", dass mit den "populistischen" Bewegungen irgendetwas nicht zu stimmen scheint. Oft wird die Ablehnung auch von einem etwas erhellenderen Nachsatz begleitet: "ob von links oder von rechts". Für das linke Spektrum müssten dann schon Verbrechen eines Pol Pot, Stalin oder Mao Tse Tung herhalten. Aber auch hier wäre die Gleichsetzung mit "linkem" Populismus mit totalitärem Kommunismus ebenso "falsch" und relativ nutzlos.

Selbst wenn Fred Turner in einem viel ausgewogeneren Artikel Trump als "ein zeitgemäßer Faschist" beschreibt (medial modern, politisch rechtsextrem: der giftige Cocktail des Donald Trump), und noch vor dessen Wahlsieg davon sprach, dass Donald Trump auf den ersten Blick "wie ein Autoritärer wirke, aber nicht wie ein Faschist", so kulminiert seine Analyse fast schon ein wenig "neidvoll" in Hinsicht auf dessen Erfolg, in eben dieser Verunglimpfung des politischen Gegners als "Faschist ohne Waffengewalt", so als ob es unter Faschisten jemals einen "waffenlosen" Gang durch die Geschichte geben könne.

"Es hat derartige Männer schon früher gegeben. Nur konnten wenige so erfolgreich wie Trump die Kräfte des Individualismus, auf denen die Demokratie basiert, für ihre eigenen, antidemokratischen Zwecke nutzen. Trump ist eine Medienfigur – und ein Faschist – unserer Zeit. Sein Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner erinnert daran, dass ein charismatischer Anführer im Zeitalter der sozialen Medien zu Millionen Menschen eine scheinbar persönliche und direkte Beziehung aufbauen kann. Kurz: Ein Faschist muss nicht mehr mit Waffengewalt an die Macht kommen."

Sicher macht es Sinn, historisch zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus zu unterscheiden, und in dieser Hinsicht läge der Verdacht der Nähe bei Trump wohl eher bei den ersteren, aber die genannten Kriterien des Beweises, versuchen auf simple Art und Weise den modernen Populismus mit dem Massenmord zu verknüpfen, bevor er tatsächlich stattgefunden hat. Jeder Charismatiker wird dadurch, wie weiter oben beschrieben, zum "Faschisten". Hat nicht auch ein sehr populärer J.F. Kennedy durchaus "antidemokratische" Kriegsziele verfolgt, und wurde er deshalb zu einem "Faschisten"?.

Weit besser beschreibt Turner in Abgrenzung vom "historischen" Faschismus die Egozentrik dieses Mannes: "Er verfügt nicht über Sturmtruppen, hält keine Massenversammlungen mit Fackelzügen ab, und er benutzt auch keine Symbole aus dem antiken Rom. Die Massen, die er anlockt, laufen kreuz und quer durch die Stadien und tragen knallbunte T-Shirts. Bislang haben Trumps Anhänger auch keine der kalkulierten Gewalttaten verübt, die für den Aufstieg des Faschismus in Europa im vergangenen Jahrhundert typisch waren. Und Trump hat bislang auch kein kohärentes politisches Programm präsentiert, ganz im Gegenteil: Er springt hin und her zwischen Talkshow und Twitter-Feed, umschmeichelt seine Freunde, attackiert seine Gegner, mal wutentbrannt, mal voller Bewunderung (zumeist für sich selbst)." Dass Mussolini und Hitler - wie die oben genannten "linken" Diktatoren - Egomanen waren, ist allgemein geteilte "Wahrheit". Sicher ist Trump auch rassistisch und fremdenfeindlich eingestellt, aber selbst wenn ein Ronald Reagan am liebsten Kommunisten gegrillt zum Abendbrot serviert bekommen hätte, so hat er aus Amerika doch letztendlich vor allem nur um so mehr ein "Land für die Reichen" gemacht, und genau dies ist die historische Zielrichtung von Donald Trump trotz seines rhetorischen "Populismus", denn in Wirklichkeit sind ihm die Amerikaner und die amerikanische Bevölkerung völlig egal, vor allem dann, wenn sie arm und schwarz sind.

"Die durch solchen staatlichen Druck erzeugten Ressentiments der Mittelschicht haben der konservativen Revolution des Republikaners Ronald Reagan zum Sieg verholfen, die mithin eigentlich eine Gegenrevolution ist: weil sie die sozialen Errungenschaften Amerikas seit Franklin D. Roosevelts New Deal zurückrollt und Johnsons Große Gesellschaft demontiert.
Symbolisch geradezu war die Schließung jener in den sechziger Jahren gegründeten Washingtoner Behörde, die für die Bekämpfung der Armut in den USA zuständig war, durch die Reagan-Administration.
Der Personalbestand der Umweltbehörde, der "Environmental Protection Agency", wird in den nächsten zwei Jahren um 40 Prozent reduziert.
Auch vor unbequemen Auflagen der Anti-Diskriminierungs-Behörde in Washington - der Equal Employment Opportunity Commission - braucht sich die amerikanische Wirtschaft künftig nicht mehr zu fürchten. Die Administration hat zu verstehen gegeben, daß sie Programme zur Herstellung von Chancengleichheit für Minoritäten und Frauen nicht mehr ernst nehmen will.
Solchem Abbau von "Big Government" applaudieren die Konservativen. Für sie vollzieht sich ihre Konterrevolution im Namen und zugunsten ursprünglicher amerikanischer Werte: Die Väter der Nation hätten für die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien vom übermächtigen englischen Staat gekämpft, verkündeten die Kolumnisten Evans und Novak; in der "Reagan Revolution" - so der Titel ihres neuen Buches - gehe es um die "Befreiung der Amerikaner von der Regierung in Washington".

Wie klug beschrieb der Spiegel noch 1981 die Grundorientierung des reaktionären Zukunftsbegriffs ohne deshalb zu einem "Faschismusverdacht" greifen zu müssen, als er Reagans Revolution zu qualifizieren versuchte, die der Wende des Helmut Kohl zusammen mit der von Margaret Thatcher als internationale Ghostwriter der neuen konservativen wirtschaftsliberalistischen Welle vorausging, und der die modernen Gesellschaften von der Sozialstaatsorientierung Abstand nehmend so zerklüftete. Natürlich ist ein Land vor allem "nur für die Reichen" in den USA implizit "rassistisch", aber eben nicht faschistisch und schon gar nicht auf deutsche Art nationalsozialistisch. Wie plump zerfahren und letztendlich dümmlich wirkt hingegen die flotte Kolumne des von mir ansonsten als kongenialer Sohn seines Vaters durchaus geschätzten Jakob Augstein, der anstatt zu differenzieren, indem er "Trump beim Namen" nennt, weiteres Öl in die flammenden Ängste unserer durchaus zu recht aufgewühlten Zeitgenossen gießt, die im rechten Populismus einen "Anfang vom Ende" zu erkennen glauben, nachdem es Trendverstärker in mehreren europäischen Ländern gibt:

"Wer Trump, die Brexiteers, Le Pen und die AfD und ihresgleichen nur als Rechtspopulisten bezeichnet, verwischt dieses entscheidende Merkmal der rechten Revolution. Damit wird Politik betrieben.
'Faschismus ist ein Ergebnis der Krise unserer Zeit. Wir hätten ihn auch 'Irrationalismus' taufen können.' Mussolini hat das gesagt, kurz vor seinem Ende in der Villa Feltrinelli am Gardasee. Die Lust an der Unvernunft ist bis heute das große Gemeinsame aller faschistischen Bewegungen. Denn der Faschismus ist ja erst ein psychologisches Phänomen und wird dann zum politischen.
Der Hass auf das Fremde, die Furcht vor Veränderung, die Erniedrigung von Frauen, die Verachtung der Schwachen, die Verherrlichung der Starken, die Wut auf die Eliten, die man angeblich hinwegfegen will, denen man sich aber in Wahrheit andient - all das ist Faschismus, die Drohung nach Washington, nach Brüssel, nach Berlin, den Sumpf trocken zu legen. "Drain the swamp" hat Trump gerufen."

DAS ENDE DER WELT (wie wir sie kennen) findet im Gegensatz zum Titelbild des Spiegel Nr. 46 nicht durch und nach der Wahl von Donald Trump statt, sondern der sensible und um Erkenntnis bemühte Beobachter erlebt dieses "Ende der Welt, wie wir sie kennen", fast jede Stunde und jeden Tag. Mir ist dieses Ende übrigens persönlich sehr sympathisch, "Angst" habe ich wenn überhaupt, dann eher davor, dass die Welt zu oft und zu lange so bleibt, wie wir sie kennen. Angst aber ist unproduktiv, und ich fürchte mich viel mehr, vor Intoleranz und Ignoranz, die die Welt zu Geisterstädten zu machen vermag. Noch aber haben wir ein wenig Zeit, bis für uns die Sonne verlischt. Wartet also bitte ab, ob Trump - trotz eines gewissen Verdachtes in diese Richtung - wirklich zu einem Faschisten wird; ich persönlich mag aktuell noch nicht daran glauben. Wehrt Euch gegen die Trumps dieser Welt und wehrt Euch gegen die Anfänge, aber seid klug und vernünftig genug Euch durch die neuen undifferenzierenden Bewegungen nicht selbst Eure eigene Differenzierungsfähigkeit nehmen zu lassen!

Auch wenn die "Lust an der Unvernunft" nach Mussolini ein gemeinsames Merkmal aller Faschisten sei, so ist sie in keiner Weise eine hinreichende Beschreibung. Ja, der Autor dieser "Mail" ist oft genug selbst und persönlich von derselben gepackt, und läßt sich insofern nicht gerne als einen Faschisten diffamieren. Der Irrationalismus ist übrigens nicht die Unvernunft sondern geht als eine Ideologie des kontinuierlichen Strebens nach Unvernunft weit über diesen "Fehler" im Alltäglichen hinaus. Aber auch der Irrationalismus ist keine solch hinreichende Beschreibung für den Faschismus, denn auch der Kommunismus war oder ist ein solcher Irrationalismus, ohne deshalb in gleicher Form und mit den gleichen Adressaten des Hasses faschistisch zu sein. Bringt diesen Trump durch Widerstand wieder ein Stück weit einer neuen notwendigen "Ordnung" entgegen, die im Gegensatz zur sprichwörtlichen deutschen Ordnung auch noch genügend Platz für "krause" Gedanken lässt. Von Karl Kraus stammt wohl der Aphorismus: "Das Chaos sei vollkommen, denn die Ordnung hat versagt". Dass sich auch Faschisten und Nationalsozialisten solcher Gedanken bedienen, entwertet sie übrigens nicht.

Von Populismus zu reden und damit rechten Hass und rechte Mordlust zu beschreiben, zeugt von der unnützen Sprachqualität des Begriffs "Populismus". Da sich das Reden und das Leiden am Populismus in der öffentlichen Sprache aber unglücklicherweise eingebürgert hat, muss man ihn wohl als Begriff auch erst einmal verwenden, um sich in der Kritik identifizierend auf die gemeinsame Sprachüblichkeit zu beziehen, auch wenn der Begriff Ungleiches gleich zu machen versucht, und insofern wirklich gar nicht als erhellend betrachtet werden kann, weil er eben nicht geeignet ist, zu wirklicher Erkenntnis der Qualität unterschiedlicher Bewegungen beizutragen, für die aktuell in der öffentlichen Debatte der Begriff Populismus verwendet wird.

So ist wohl kaum mit dem Populismus Volksherrschaft gemeint, die ja als "Demokratie" in jeder Hinsicht wünschenswert wäre. Das Beharren auf die "Stimme des Volkes" schliesst immer auch die Sicht auf das Volk als "Pöbel" mit ein. Die Eliten, die den Begriff des Populismus hierfür verwenden, lassen sich sowohl aus der linken als auch aus der rechten Perspektive als "menschenverachtend" egomanisch bis egozentrisch beschreiben, weil man das Urteil nur vor einer wie immer gearteten "höheren Wirklichkeit" fällt, sei dies Fortschritt oder die ewige Wiederkehr in der Palingenese. Wir "alle" und nicht nur die "Linken" oder "Rechten" sind vor solch missverständlichen Sprachverwendungen nicht geschützt, und nur "Ideologen" wollen und können sich insofern gegen Kritik immunisieren.

Zwiespältig ist zudem die Beharrlichkeit, mit der "wir" Demokraten die Volksherrschaft einfordern, dann aber zaudern, wenn die Mehrheit der Bevölkerung schlicht anderer Meinung ist als die selbsternannten pseudodemokratischen und eher bigott bürgerverachtenden Eliten jeglicher sozialer oder politischer Couleur. Manche würden am liebsten - insgeheim und klammheimlich - dem "Pöbel" und dem "Mob" auf der Straße schon wieder das Wahlrecht entziehen, anstatt das eigene Versagen in der Überzeugung Dritter oder die Ungleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit der Welt zu ertragen. Erst Verstöße gegen Gesetze machen Verbote und Bestrafungen notwendig. Als "Staumauer" wird dann sehr schnell die politische Korrektness bemüht, die die Gegenenergie des Gefühlsstaus in der "Volksseele" erst so richtig zum Kochen bringt. Wer lässt sich schon gerne erzählen, dass er "falsche Begriffe" verwendet, obwohl er doch "seine" Worte gesprochen zu haben meint, und wer läßt sich dann auch noch in den eigenen Kopf hinein regieren, wenn man darüber hinaus sogar vorgeworfen bekommt "falsch zu denken". Die Gedanken sind frei, so eine der ältesten Forderungen der Deutschen Revolution. Die Gesellschaft hat sich darauf verständigt, dass nicht die eigenen Gedanken bestraft werden können und sollten, und die Mütter und Väter der amerikanischen Verfassung waren klug genug, dass sie darüber hinaus auch die Äußerung selbst "schlechter" und "dummer" Gedanken nicht unter Strafe stellten. Die Grauzone entsteht dort, wo "Beleidigungen" und "Hetze" in die Würde des Menschen eingreifen könnten oder direkt zu Gewalttaten gegen identifizierbare Personen oder Gruppen auffordern, und darüber sollten dann in der Tat oder noch besser - nach der Sprachtat zur Vermeidung weiterer Straftaten - nicht die Medien sondern vor allem Gerichte entscheiden. Medien haben das Recht, solche Vorkommnisse aufzuzeigen und die Gegenrede hat das Recht diese zu "be"urteilen. Die "Ver"urteilung im Sinne unserer Rechtsordnung aber ist und bleibt ein Akt der Dritten Gewalt, die sich für die Rechtsprechung leider auch entsprechend viel "Zeit" vor einem Urteil nehmen muss.

Hier sollte man gerade den klugen psychologischen Erklärungen folgen, die Menschen wie Hans-Joachim Maaz im "Gefühlsstau" so trefflich beschreiben. Politsche Korrektness sorgt genau für dieses Aufwallen der inneren negativen Instinkte, denen wir alle irgendwie und irgendwann unterliegen. Noelle-Neumann hat dies ebenso eindrücklich mit der "Schweigespirale" beschrieben, und den Medien dabei zu recht, wenn auch mit falscher Zielrichtung eine tragende Rolle zugeschrieben, aus der man sich nur durch Zuhilfenahme der Vernunft wieder befreien kann. Dem Begriff "Lügenpresse" der Rechten ging die Kritik am Amerikanischen Kulturimperialismus der Verschwörungstheoretiker voraus, die sehr wohl als ebenso primitiv in meinem eigenen linksliberalen "Lager" goutiert wurde.

Alfred Adler hat diese allgemeine Verbreitung der Voraussetzungen für schizophrenes Empfinden, Denken und Handeln auf den tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex zurückgeführt, der uns alle beim Vergleich mit anderen Mitinsassen im Raumschiff Erde in der einen oder anderen Hinsicht "schlecht aussehen" lässt, weshalb wir diesen Komplex möglichst zu kaschieren bzw. zu überkompensieren versuchen. Oft lehnen die Flüchlings"helfer" den Kulturkreis "ihrer" Klienten in Wirklichkeit viel tiefer ab als die "Flüchtlingsfeinde" und Populisten, die mit ebenso populistischen oder machistischen Arabern z.B. durchaus den gleichen Antifeminismus, einen aggressiven Antiklerikalismus oder umgekehrt einen religiösen und kulturellen Fanatismus teilen können. Es ist doch merkwürdig, dass alle Rechtsradikalen dieser Welt sich gegenseitig die Menschenwürde "rassistisch" im eigenen Kulturkreis absprechen, und trotzdem weltweit fast schon wie eine Internationale zusammenarbeiten.

Die Erkenntnis der eigenen oft angstbesetzten mangelnden Authentizität aus der allzu normalen Feigheit heraus, die eigene Arbeit daran, und die selbstbewusste Äußerung der wirklich "eigenen" Meinung in Gespräch und Auseinandersetzung mit Zweiten und Dritten sind notwendige Voraussetzungen um diesen gordischen Knoten zu durchschlagen. Ulrich Sarcinelli hat den politischen und kulturellen Eliten sehr früh schon die Leviten gelesen, wenn sie durch den Verzicht auf den Gehalt ihrer eigenen Positionen durch "symbolische Politik" die Menschen nicht aufrüttelten sondern eher einlullten, weil man Bedürfnisse mit Lösungen zu befriedigen versuchte, die für erstere gar keine Antwort waren. Politiker verhalten sich dann oft, frei nach Gregory Bateson, wie Eltern die im double-bind zu ihren Kindern diesen Nettigkeiten sagen, auch wenn sie von Ihren schärfsten Mini-Kritikern zum gleichen Zeitpunkt (parallel) durchaus schon mal genervt sind. Diese uneindeutige Sprache ist eine wichtige Voraussetzung für eine allgemeine Schizophrenisierung der sozialen Verhältnisse, vor der wir uns durch Offenheit und Ehrlichkeit im Gespräch schützen sollten. Zur Eindeutigkeit gehört übrigens auch der gezielte und klare Abbruch von Gesprächen da, wo die Werte verletzt werden, die für das Gespräch selbst eine Voraussetzung sind.

Das Verbiegen der eigenen Positionen vor der Wirklichkeit indes ist aber überraschenderweise keine primär "konservative" Problematik. Es waren eher die "Progressiven", die sich nicht immer als Volks- und Vaterlandsverräter mit notwendig radikalen Forderungen nach Veränderung gerieren wollten, da niemand auf Dauer gerne in der allgemeinen Verachtung des Mainstreams unter seinen Mitmenschen in einer konservativen Gesellschaft zu leben vermag. So haben sich historisch vor allem die Sozialdemokraten verbogen, und sind durch die Jahrzehnte so unglaubwürdig geworden, dass der "kleine Dicke", der rhetorische Wendehals Gabriel, beispielsweise, aufgrund seines Glaubwürdigkeitsdefizits inzwischen kaum noch eine reelle Chance hat, gegen die konservative Bundeskanzlerin erfolgreich anzutreten. "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" Mit dem Verlust der Glaubwürdigkeit der Sozialdemokraten als authentische Vertretung des "kleinen Mannes", der Benachteiligten und der Entrechteten hat die politische "Klasse" schon sehr früh als solche massiv an Wertschätzung verloren, weil man nun allen Politikern historisch immer wieder einen Verrat an ihren Idealen unterstellen konnte.

Der Beitrag der Sozialdemokratie in dieser Richtung kann deshalb gar nicht hoch bzw. negativ genug eingeschätzt werden, kulminierend sicherlich in der Agenda 2010, die die notwendigen Flexibilisierungen in der Gesellschaft vor allem dafür nutzte, die Prekarisierung aller Lebensverhältnisse in einer globalen Weltwirtschaft zu verschleiern. Schröder ist in der Ablösung und Aufgabe von sich selbst von einem authentischen Menschen, den ich ursprünglich mal sehr geschätzt habe, zu einem Wirtschaftschizophrenen geworden, der mit der Chuzpe des Aufsteigers nur noch das wohlständige Leben eines Privatiers durch Putins Gnaden vorlebt. Ein Seehofer ist doch als ein Konservativer viel authentischer und viel glaubwürdiger, auch wenn man zumindest aus meiner Weltsicht nur wenig politische Wertvorstellungen und Lösungsvorschläge mit ihm zu teilen vermag. Er muss sich eben nicht verbiegen, weil seine mangelnde kulturelle Offenheit doch sehr wohl ihm selbst und darüber hinaus natürlich auch dem Mainstream in der Mitte der Gesellschaft entspricht, die ihm deshalb letztendlich auch seinen bajuwarischen Unterton verzeiht.

So bleiben wie man letztendlich ist und denkt, ist natürlich, das Sich-Selbst-Verbiegen zugunsten einer "guten Sache", und "weil der Zweck die Lügen heiligt", ist unnatürlich. Jetzt fällt die populistische Häme konsequenterweise auch über die Sozialdemokraten hinaus auf etablierte Grüne oder "Salonbolschewisten" bzw. die Toskana-Fraktion unter den "Linken" her, einerseits zu recht, wenn es um den Verzicht auf notwendig radikale Forderungen zur Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit durch persönliche Vorteilnahme und die Anpassung an das politische Getriebe geht, andererseits zu unrecht, wenn die neue Qualität der politischen Positionen und die Ansprüche an eine Modernisierung der Gesellschaft zum Thema werden müssen, der sich Konservative gerne verschließen, weil sie Modernisierung nur mit dem ungehinderten freien Geldverkehr und der Förderung eines deregulierten Handels verbinden, der die zwischenmenschlichen Verhältnisse weit mehr durcheinander wirbelt und zerstört, als dies das Streben nach juristischer Liberalisierung von Zwangsverhältnissen in Ehe und Familie und die Ablösung von überholten Lebendsentwürfen je vermochte.

Das Resultat des Kotau vor der antizipierten Unfähigkeit der "Mitte" zur Veränderung ist die Tatsache, dass diese Mitte der Gesellschaft inzwischen weit mehr Veränderungsbedarf und Radikalität auf der Suche nach Lösungen offenbart, als dies in Deutschland jemals der Fall war.

Eine Kanzlerin, die im Gegensatz zur damligen rot-grünen Regierung den Lügen von Bush und Blair vollends auf den Leim ging, und mit ihrer bedingungslosen Befürwortung und als deutsche Propagandistin des zweiten Irakkrieges für die Flüchtlingsströme indirekt mitverantwortlich ist, steht nun als "glaubwürdigere" Kanzlerin da, da sie durch die Verhältnisse zu einer klugen Entscheidung zur Öffnung der Grenzen gezwungen wurde. Dieses minimalistische Konzept des Respekts vor der menschlichen Würde ist bereits nobelpreisverdächtig. Wie arm muss es um diese Welt bestellt sein, wenn dies schon der ganze Mut und die ganze Authentizität sein sollte, die uns die Politik aktuell belohnenswert zu bieten hat. Dabei schreit die Welt doch nach mehr sozialer Gerechtigkeit der Besteuerung und gemeinnützigen Umwidmung von privatim verschwendeten und der Gesellschaft entzogenen Vermögen, wofür die Kanzlerin aber auch gar keine Initiativen z.B. zur Vermeidung von Altersarmut und Verelendung entwickelt hat. Das braucht sie aber auch nicht, denn sie ist ja abgrundtief konservativ und mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden. Das eben macht sie aber auch so vertrauenswürdig; und diese Glaubwürdigkeit gepaart mit der allgemein behaupteten mangelnden Käuflichkeit iherseits unterscheidet Frau Merkel eben von den sozialdemokratischen Emporkömmlingen und Vorteilnehmern der wirtschaftsliberalisierten Sozialpolitik. Ja Frau Merkel ist nicht käuflich, aber korrumpiert ist sie durch die Vorteilnahme von solchen konservativen "Gegebenheiten", in denen man einem Drittel der Gesellschaft die aktuelle Teilhabe an "wohlgeordneten" und "sicheren" Verhältnissen verweigert, die den Konservativen doch so wichtig zu sein scheinen.

Frau Merkel konnte man und sollte man glauben, weil sie als eine Konservative glaubwürdig ist, dies heißt aber umgekehrt eben nicht, dass man sie nicht abwählen sollte, wenn man nach einem anderen sozialen Ausgleich und einer notwendigen Modernisierung der Gesellschaft strebt, in der das Recht auf ein flexibles und liberales Leben eben nicht nur für die Etablierten und "Gewinner" in deren Rechts"ordnung" gilt, sondern auf einen sozial akzeptierten Durchschnitt des gesellschaftlichen Lebens erweitert wird. Frau Merkel musste sich eben nicht so wie Schröder ändern und verbiegen. Die vermerkelte Mitte der Gesellschaft schätzt deren Nettigkeit und hat Angst vor den politischen Konflikten, die doch so notwendig sind. Die Notwendigkeit von Fairness in der Auseinandersetzung wird in das "liebenswerte" Aussitzen und das Verschweigen von Unterschieden umdefiniert, bei dem man in der Tat keinen wirklichen Unterschied zwischen SPD und CDU mehr erkennen kann. Nett sind wir heute alle wieder miteinander, aber man kann eben auch nett gegeneinander sein, ohne dies zu bemerken.

Die Modernen sind folglich zu den Schizophrenen in der Gesellschaft geworden und sollten sich sehr darum bemühen statt auf politischer Korrektness zu beharren, auf ihre modernen Grundsätzen und daraus abgeleiteten Forderungen zu bestehen. Es gilt diese dann um so kreativer weiter zu entwickeln. Aus der Sicht einer solchen Moderne anzustreben ist eben ein neues Wechselspiel aus Nachhaltigkeit und Veränderung, für das die Konservativen kaum ein und die Reaktionäre schon gar kein Empfinden haben.

"Revolutionen" hatten immer auch eine populistische und pseudovereinfachende Komponente, weil sie weder geordnet noch vorhersagbar verlaufen. Und auch ein Untergang ist folglich jederzeit möglich. Aber noch scheint die Welt Optionen einer anderen Richtung zu haben. Politker sind in der Tat zu "Optionshändlern" geworden. Mal sehen wie die Wirklichkeit aussieht, die aus der Gegenreaktion auf den neuen reaktionären Populismus in der Welt erwächst! Hier bleibe ich nach wie vor wohl ein "hoffnungsloser" Optimist, denn es sind oft die täumerischen Selffullfilling Prophecies, die, wenn auch meist "so" nicht gewünscht, doch einen Fortschritt für die Menschheit mit sich gebracht haben. Sonst wären wir beide, lieber S., nämlich schon längst nicht mehr da, da das Durchschnittsalter der Menschen noch vor Jahrzehnten deutlich niedriger als das unsere lag. Die Jahre also, die mir der "Fortschritt" geschenkt hat, die gönne ich auch meinen Nachgeborenen. Schon deshalb setze ich so stark auf das "Prinzip Hoffnung"!

Die Süddeutsche, auf Seiten der Presse, übrigens, die Du in Deiner Mail erwähnt hast, die halte ich dabei im Gegensatz zu Dir noch für eine relativ unabhängige kritische und nicht, wie von Dir unterstellt, staatstragende Einrichtung. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass die Schelte der Medien (nicht der Systeme!) und die Verunglimpfung der Parlamente als "Quasselbude" primär aus der reaktionären Propagandaküche stammten, wo man sich stets gegen offene Kritik und modernisierende Änderungsbemühungen sträubte und empörte. Gerade deshalb muss man bei den heute "Empörten" sehr genau zuhören, worüber sie wirklich empört sind, und das ist meist eine tiefe Verunsicherung in Hinsicht auf den Rest an Lebenswelt, die unsere monetäre Gesellschaft ihnen noch überlassen hat. Von Nachhaltigkeit reden jetzt gerne die Etablierten, natürlich auch deshalb, weil ihnen lebenswert ist, was sie in ihren Privilegien erhält. Wirklich nachhaltig zu leben wird aber immer mehr Menschen verwehrt, die deshalb diese "Nachhaltigkeit" einer Pseudo-Ordnung für Wenige mit wenn auch falschen Mitteln wieder radikalisiert bekämpfen wollen. Einer meiner klügsten Professoren hat mir einmal den Gedanken mit auf den Weg gegeben, dass der größte Verrat der Nationalsozialisten der Verrat an der Jugend in ihrer Partei war. Genau so muss man den neuen Populismus begreifen, als einen Verrat am wahren und insofern durchaus seriösen Wunsch nach Veränderung.

Th.B., ein sehr kreativer und intelligenter Kopf, hat mir unmittelbar nach der Trump-Wahl eine "Schock"-Mail geschickt, in der er nur sein Unverständnis artikuliert hat, dass die Welt der Reaktionäre und Populisten um Trump nach der aufklärerischen Erkenntnis der Moderne: dass die Welt wohl doch eine um die Sonne kreisende Kugel sei, nun durch Menschen wie Trump, die Populisten oder gar die Creationisten in Zukunft wieder zu einer Scheibe gemacht werden würde.

Ich bin insofern weniger geschockt, weil wir Linksliberalen auch Nixon, Pinochet bzw. Milton Friedman, Ronald Reagan oder Helmut Kohls Wende ursprünglich einmal als den Anfang vom Ende betrachtet und jeweils die Folgen gefürchtet haben. Letztendlich haben wir all diese Figuren aber doch erstens mehr oder weniger überlebt, und zweitens ist die Welt an sich durch diese Perioden "nicht" dramatisch schlechter geworden.

Geblieben sind natürlich die ursprünglich nur neoliberalen Wunden, die inzwischen übel riechende Abzesse bekommen haben, und die durch die weiter entzündlichen Gewebeeinschmelzungen zu einem weltweiten Wundfieber kurz vor der Blutvergiftung geführt haben. In der Tat ist das gesamte Umfeld heute um so gefährlicher im Vergleich zu den ersten neokonservativen Siegen und Pseudoerrungenschaften, weil noch globaler und vernetzter gearbeitet und verdient wird. Aber leben wir, als globale Nutznießer, inzwischen nicht auch in einer an sich friedlicheren Welt - ohne so verheerende Verbrechen wie die von Hitler, Stalin, Mao oder Pol Pot, die wir doch letztlich selbst auch im Angesicht und vor dem Hintergrund der aktuellen schrecklichen Zerstörungen in Syrien, dem Irak oder der Ukraine mehr oder weniger kollektiv überwunden (!) haben?

Ja, wir leben mit Millionen von Flüchtlingen, und das ist schrecklich, aber diesen droht zumindest aktuell weder eine vollständige Vernichtung noch eine Serie von Konzentrationslagern nach Deutscher Manier? Nein, der Mord und der Totschlag an Hunderttausenden von Opfern, die Zerbombung von Lebenswelten und die Inkaufnahme von "Kollateralschäden", die sollen hier nicht in ihrer Schändlichkeit relativiert werden, und dennoch sollten wir den Glauben und die Hoffnung auf einen stabileren Frieden in der Welt nicht verlieren. Für die Opfer in ihrer aktuellen Betroffenheit ist die geschichtliche Dimension nicht sonderlich hilfreich, und gäbe es keine akute Hilfe durch uns, so wären solche Gedanken fast schon als zynisch zu bezeichnen. Die Geschichte gibt uns insofern aber dennoch eher recht. Die Welt und damit das Elend sind zwar zusammengewachsen, ja, das ist richtig, vielleicht aber auch um damit weiter zusammen zu wachsen.

Ja, ich habe große Sorge, ob mein Enkelsohn auch noch so relativ ungeschoren vor direkten weltweiten Kriegserlebnissen davon kommt, wie ich dies durch großes Glück in meinem Leben erfahren durfte. Irgendwie geht das Drama des Lebens aber "vorwärts", und eben nicht nur negativ, in eine weiterhin unbestimmte Richtung. Ich leite Dir deshalb meine Antwort an Th.B. zur Kenntnisnahme weiter, der fast von einem Sterben der Moderne und des Geistes ausgeht, wofür ich indes keinerlei "absolute" Belege, und wenn überhaupt dann nur unser aller Mitschuld erkennen kann.

Es braucht sicher gerade auch aktuell Deine Hartnäckigkeit, Deine kluge Verliebtheit in die Details, Deinen Humor, Dein Vergnügen an der Analyse und auch Deine früher noch religiös begründete "Güte", die ich an Dir ansonsten auch immer so geschätzt habe. Ich würde mich freuen, wenn Du weiterhin an Deine alte Kreativität anknüpfen würdest. Auch wenn wir sicher weiterhin in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung sind, so habe ich mich doch über die Übersendung der Resultate Deiner scheinbar so aktuellen Gedanken sehr gefreut. Ich war in Sorge, dass uns die Welt eher noch weiter auseinander treiben würde, denn in Deinen letzten Mails habe ich primär nur Bitterkeit gelesen, und ein bitterer Alter möchte zumindest ich nicht werden, denn die wählen ja Trump.


Mit freundschaftlichem Gruß

Uli

 

 

Meine Antwort an Th.B.,
der "Angst" vor dem Tod des Geistes und vor dem Verlust
von Aufklärung und Moderne hat:

Hallo Thomas,

... auch auf einer Scheibe läßt sich tanzen.

Hier noch ein Zitat zur Lage der Zeit von "Gramsci"
(Ich habe es heute rein zufällig bei Radio Europa gehört,
und es sofort im Internet recherchiert):

“The old world is dying, and the new world struggles to be born: now is the time of monsters.”

“Le vieux monde se meurt. le nouveau monde tarde à apparaître et dans ce clair-obscur surgissent les monstres.”


Vielleicht ist es gerade auch bezeichnend, dass wir "Kopferten" uns selbst noch über den Gehalt dieses Zitates "streiten":

No, Žižek did not attribute a Goebbels quote to Gramsci

Warum sind wir für die "einfachen Leute" so unglaubwürdig und unattraktiv wie Hillary Clinton? Weil wir allzu oft "Streitkultur" mit Streit verwechseln!

... und eine zweite Mail meinerseits:

 

Lieber Thomas,

noch ein kleiner Nachtrag von mir zu "unserer" scheinbar verloren gegangenen Moderne
aufgrund eines Zitates aus der gerade Dir "gelinkten" Website:

 

 

Mein Kommentar hierzu:

Die "Moderne" des Bauhauses ist allzu leichtfertig mit der "Entwertung oder gar Vernichtung der Geschichte" umgegangen. Wir, die wir von dieser Moderne inspiriert sind, sind insofern durchaus auch zu Tätern geworden, wenn wir uns zu leichtfertig mit der Geschichte auseinandersetzen und deren ungleichzeitige Nachwirkungen sogar negieren. Die Bücherverbrennung ist vor solch einem Hintergrund nicht erst von den Nationalsozialisten erfunden worden sondern ein unschöner Schatten der Moderne.

Der "Geschichtsverbrennung der Moderne", die die Reaktionäre und Konservativen nun aktuell als Gegenentwurf zur Moderne im populistischen Gewand betreiben, geht der Fehler von uns Modernisten voraus, die wir allzu oft den Respekt vor der Wärme einer "Heimat" verloren haben. Dieser Gedanke hat Hannah Arendt immer begleitet, wenn sie ihre heimliche romantische Liebe zu dem "Verbrecher" Heidegger ihr ganzes Leben aufrecht zu halten vermochte. Die "Verheimatung" der Populisten als reaktionäres und sicherlich letztendlich dümmliches und feiges Konzept kann nur vor diesem Hintergrund bei den "Entheimateten" so wirksam sein, weil sie "hysterisch" den Scheidungsschmerz von für sie "geordneten" Verhältnissen spüren. "Scheidungen", "Schwulenehen", "Patchworkfamilien" und "Säkularisierungen", sind sicher notwendige und für mich wünschenswerte moderne Trennungen von Gefühlsheimaten, aber Trennungen folgt oft eine melancholische unausgesprochene Wehmut. Nicht jeder will damit leben!

Wir Modernisten machen aus der Notwendigkeit dieser Trennungen, aber so eine Art "Naturgesetz", auf das wir alle anderen mehr oder weniger durch eine liberale oder gar linke Avantgarde- oder Elitekultur "zwangsweise" verpflichten wollen. Nur überzeugende neue Lebensentwürfe und Lebenskonzepte können diese Wehmut "dämpfen"; erfolgreich sind sie indes erst wirklich dann, wenn sie auch eine neue Lebens"lust" und Lebens"freude" mit sich bringen.

Politische Korrektness, als aktuelles Übel und bildungsbürgerlicher Tranquilizer der Pseudo-Modernisten unserer Zeit ("in stiller Nacht und monogamen Betten" Kurt Tucholsky), ist der Killer jeder Art von Lebenslust; und provoziert als Anschein und Aufschrei einer "Antwort" die unstillbare barbarische Sehnsucht der "Wutbürger" und der "Entheimateten" nach letzterer - koste es was es wolle ([sic!]. Unreflektierte und schablonenhafte politische Korrektness, die sich nicht stets selbstkritisch mit sich selbst auseinanerzusetzen vermag, ist insofern der eigentliche Quell der neuen Angst, der neuen Feigheit und der neuen Dummheit, die inzwischen so "mehrheitsfähig" geworden ist. Solche "vertretbare" Kosten auf dem Weg zurück sind für diese neuen Akteure, die nun aus ihrer stimmlosen politischen Enthaltsamkeit treten, eben sogar der Verzicht auf Werte wie Anstand, Gerechtigkeit, Würde des Menschen oder selbst die Akzeptanz des Lebensrechtes Dritter!)

Wer, wie Trump, alle Frauen für Nutten hält, gewinnt sein Weltbild doch nur aus seinem engen Horizont des persönlich bevorzugten Umgangs mit Nutten, insofern ist sein negatives Anti-Frauen-Weltbild "korrekt", aber eben nur weil es rigide egozentrisch, narzistisch bis egomanisch ist. Und die Frauen, die solche Männer begehren und favorisieren, sind in keiner Weise als "Frauen" von Schuld entlasteter und schützenswerter als der männlich menschenverachtende Gegenpart.

Die Gefahr der politischen Korrektness hingegen ist die Romantisierung einer nicht romantischen Welt, eine subtile Verlogenheit in der "Wahrheit". Die Welt ist eben keine "Kugel" im Gegensatz zu einer Scheibe. Es ist insofern nicht schlimm, wenn die Populisten aus der kugeligen Welt nun wieder eine Scheibe machen wollen. Nur aus der Perspektive des Universums mag die Welt wie eine ideale Kugel wirken, insofern ist auch die moderne Weltsicht durch astrophysikalische Scheuklappen beschränkt. Naturwissenschaftliche Konzepte, die die Phänomene nur vereinfachen, um sie so besser be"handeln" zu können, sind nicht "modern" sondern ebenso "eng" wie die der Scheibenbildner. Die Welt ist in jeder Hinsicht aus der Nähe betrachtet "uneben", eine Ansammlung von Bergen und Tälern, Seen und Meeren und deshalb so abenteuerlich und schön. Die Welt ist folglich alles andere als ein langweiliger "idealer" Körper einer allzu primitiven Geometrie und Mathematik. Die Trumps gehören, frei nach Shakespeare - zu dieser unrunden Welt dazu, und machen leider allzu oft sogar die "Würze" des Bösen aus, ohne die unsere Welt kein wirkliches Drama wäre. Selbst wenn die Trumps dieser Welt diese zu einer Scheibe machen wollen, was für ein Drama (!), so könnte man immer noch auf einer solchen Welt tanzen.

Warum aber suchen wir Dramen in unseren Büchern und Filmen? Weil wir sie brauchen und lieben! "Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt in ihr um!" (Wolf Biermann) Nein, die Welt geht mit Trump nicht unter, und hoffentlich kommen wir zur Besinnung auf unsere eigenen "modernen" Fehler auf dem Weg in eine nach wie vor wünschenswerte, aber eben geläuterte und damit um so glaubwürdigere Moderne. Ich halte es da mit Heinrich Heine: "Wer Bücher verbrennt, der verbrennt auch Menschen." Das macht mir Angst vor Populisten und falsch verstandenen Modernisten, zu denen ich Dich allerdings nicht "rechne" oder "zähle", denn auch diese beiden Wörter sind bezogen auf einen Menschen höchst be"denklich".

"Ist Dir Dein altes Buch verbrannt, bestell ein neues beim Versand."
(Zitat: Bauhaus Archive Thilo Bock)

Lieber Gruß

Uli