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„Der ÜberLebende“
oder
Elias Canetti schrieb die Prosa der Macht,
aus der sich Putin jetzt erst bedient.


„Die Auflösung des Überlebenden: Nach dieser ausgiebigen Befassung mit einem paranoischen Wahn, der einen einzigen Anhänger, eben seinen Urheber, fand, ist es wohl am Platze, sich darauf zu besinnen, was man über Macht erfahren hat. Denn jeder vereinzelte Fall, so tief die Aufschlüsse sind, die er bietet, hinterläßt auch einen tiefen Zweifel. Je genauer man ihn kennenlernt, desto mehr wird man sich seiner Einmaligkeit bewußt. Man ertappt sich plötzlich bei der Hoffnung, daß es nur diesmal so sei und in jedem anderen Falle wieder anders.“ (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Meine Generation schien in Deutschland in den End-60er und beginnenden 70er Jahren an der Dummheit und Ignoranz ihrer Eltern- und Großelterngeneration schier zu verzweifeln.

Wie konnte man in den 20er und 30er Jahren in der Weimarer Republik und später im Dritten Reich dieser lächerlichen Figur Hitler auch nur für 5 Minuten folgsam sein? Hatte Hitler bei demokratischen parlamentarischen Wahlen zwar nie mehr als die Hälfte der Deutschen hinter sich, so waren aber doch die Nachwehen der Propaganda des Dritten Reiches auch in der frühen Deutschen Bundesrepublik noch deutlich spürbar. Das bigotte und verlogene Deutsche Familienmodell war zwar längst überall "moralisch" zerstört aber doch faktisch noch intakt. Die katholische Kirche als Hort der Bigotterie war wieder oben auf, und das Nationale, als Stolz auf das was man war und was man selbst erreicht hatte, und die anderen eben nicht, das grenzte weiterhin vom Fremden und deshalb schlechten deutlich ab. Der Deutsche Fussballsieg von 1954, kurz nach meiner Geburt, war eben noch "rein" deutsch, und deshalb durfte man auch das "Deutschland, Deutschland über alles!" gröhlen. Vielen meiner Generation indes war dieses Deutschland, in dem so viele ungestrafte Verbrecher lebten, nicht geheuer.

Wie war es denkbar, dass man die Verquastheit, Unredlichkeit und die genuin tiefe Verachtung des menschlichen Anstandes im Rahmen der Nazi-Ideologien nicht schon bei der zweiten Darstellung von Hitlers Gedanken zum Zustand der Welt während seiner pompös vorgetragenen Reden mit eher peinlicher Rhetorik bereits sofort und unmittelbar begriff?

Ein Teil der Konservativen, des Adels, der Reichen und Mächtigen oder auch Verantwortliche innerhalb kirchlicher Obrigkeiten, die hielten ihn zumindest zum Teil und zeitweilig für einen geistlosen Parvenü ohne wirkliche politische Zukunft. Sie meinten in ihm - wenn überhaupt - nur ein willfähriges Werkzeug ihrer jeweils eigenen Mächte zu erkennen, eine gewisse Übergangserscheinung also.

Ja eigentlich schienen damals vor dem Krieg die historischen Clowns der Dummheit des mangelnden Vertrauens in die Kraft der Volksherrschaft und der Demokratie eher auf "meiner" historischen Seite gewesen zu sein, also die bekennenden Sozialliberalen, denen ich mich noch heute zurechne. Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten oder bürgerlich Liberale, die die nationalsozialistische Bewegung schon recht früh als Gefahr wahr und auch ernst nahmen, die hätten doch eigentlich dennoch selbstbewußt darauf vertrauen können, dass sich der Anstand auf Dauer durchsetzt, weil die Anlagen des Menschen an sich in seinen Möglichkeiten aus einer humanistischen Perspektive eher als gut und positiv als dämonisch schlecht zu bezeichnen sind. War es also ihr fehlendes Vertrauen in den Menschen an sich, und der fehlende Mut dies auch öffentlich konsequent und "machtvoll" zu bekunden, was den Nationalsozialisten den Weg zur Macht öffnete? Sie haben doch die Nazis in ihrer Gefahr für die Menschheit entsprechend früh schon durchblickt, und hätten mit dem Gefühl auf der "sicheren" "besseren" Seite der Geschichte zu stehen, den Rest dieses vom ersten Weltkrieg so gebeutelten Landes doch eigentllich überzeugen müssen. Welch negatives Welt- und Menschenbild musste man in diesen Kreisen eigentlich damals schon haben, dass man der Mehrheit seiner Mitmenschen unterstellte, dass sie diesem „Hanswurst“ mit lächerlichem Pathos und kaum durchdachtem Halbwissen so schnell auf den Leim gehen würden? Und doch gehört es zu den kaum erträglichen Wahrheiten dieser Welt, dass der Dummheit oft immer erst mal die Vorderhand gehört und die Einsicht als Nachsicht leider manchmal viel zu viel Zeit braucht. Ja die Wahrheit ist wohl auch, dass gerade die modernen populistischen Diktatoren ursprünglich auch sehr wohl auf eine breite Unterstützung in der Bevölkerung setzen können, bevor sie diese dann selbst sukzessive betrügen und den sozialen Impetus, der sie vielleicht sogar eine zeitlang hervorgebracht hat, dann wieder gegen "ihr" Volk an sich wenden, und dieses währenddessen und danach oft seelisch moralisch aber eben auch physisch, kulturell und wirtschaftlich wieder zerstören.

Hatten die „gelassen“ skeptischen reaktionären und konservativen Eliten, die einen Hitler und seine Lakeien, weil von vielen im Volk so gewollt, vorerst nur einmal gewähren ließen, damals folglich vielleicht nicht sogar das „bessere“ zukunftsweisendere Menschenbild, indem sie es auf Dauer für absolut nicht für erklärbar und faktisch nicht für möglich hielten, dass ein solcher Hitler und seine primitive Bagage die Welt nicht nur in einen Krieg sondern in die fast vollständige Vernichtung so vieler "Welten", Gesellschaften, Menschen und Kulturgüter stürzen würde?

Elias Canetti war ein schlauer Mann. Er hat sich nicht blenden lassen von den einfachen späteren Analysen der Macht, indem er nicht nur einfach meinte, dass diese historisch gewonnen und stabilisiert wurde "nur" durch das "Geld" der ökonomisch Wohlhabenden und die "Kanonen" des Militärs als genuine Instrumente des indirekten und direkten Zwanges zur Macht. Er wusste eben darüber hinaus zu erkennen und zu sehen, wie sehr die Macht den Menschen und seine "Menschlichkeit" über die Jahrhunderte und Jahrtausende vielmehr nicht nur durch den Zwang von außen sondern vor allem durch die Übernahme der Fundamentalideologie des „immer mehr“ von innen ausgehöhlt hat, und uns jetzt auf eine völlig neue aber eben zwiespältige Weise die Frage nach moderneren Formen des Entscheidens in der durch uns geschaffenen Welt des "Überflusses" stellt.

"Es liegt auf der Hand, von welcher der vier Meuten unsere Zeit gezeichnet ist. Die Macht der großen Klagereligionen geht ihrem Ende zu. Sie sind von der Vermehrung überwuchert und allmählich erstickt worden. In der modernen Produktion hat der alte Gehalt der Vermehrungsmeute eine so ungeheuerliche Steigerung erfahren, daß alle anderen Gehalte unseres Lebens daneben schwinden. Die Produktion spielt sich hier, in diesem irdischen Leben, ab. Ihre Rapidität und ihre unübersehbare Vielfalt erlaubt keinen Augenblick des Stillstandes und der Überlegung. Die furchtbarsten Kriege haben sie nicht erdrückt. In allen feindlichen Lagern, wie immer diese beschaffen sein mögen, ist sie gleichermaßen wirksam. Wenn es einen Glauben gibt, dem die lebenskräftigen Völker der Erde eins ums andere verfallen, so ist es der Glaube an die Produktion, den modernen Furor der Vermehrung." (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Karl Marx war es zwar ursprünglich vorbehalten die exakte ökonomische Beschreibung für den immerwährenden Prozess der kapitalistischen Geldvermehrung und des Entstehens der damit verbundenen mitmachenden und legitimierenden Charaktermasken zu beschreiben. Aber die Schranzen von Geld und Macht blieben insoweit nur "äußerlich" pseudoerfolgreich, zwingend und bedrohlich, und wir Romantiker träumten stattdessen nur von der auf Dauer erfolgreichen kontinuierlichen politischen Majorisierung dieser Denk- und Lebensart durch geduldige und überzeugende demokratische Prozesse, anstatt darüber hinaus auch die um so notwendigere Herzens- und Seelenbildung ernst zu nehmen, die erst die wirkliche Voraussetzung für einen stabilen und nachhaltigen Humanismus ist; denn dieser muss sich im Rahmen der Natur stets wieder selbst in seinem Absolutheitsanspruch hinterfragen können, um zu einem balancierteren Weltgewicht im Universum zu gelangen, und das menschliche Überleben insofern zu sichern. Schon mehren sich Stimmen in der Welt, die den Menschen selbst nur noch als ein Übergangsprodukt zu universal "wertvollerer" Künstlicher Intelligenz halten, aber die Entscheidung darüber, welche Spezies dem Menschen folgen wird, die überlasse ich doch eher dem nach wie vor undurchschaubaren Schicksal.

Ich halte insofern stattdessen der Partei des Humanen meine lebenslange, also labile und allzu kurze, Treue.

Nun, ich halte selbst sogar die aktuelle Welt trotz aller Eigenarten der uns in der Zukunft gefährdenden Krisen mit Leibniz für nach wie vor die beste aller historischen Welten, aber die Schattenseite, dass dies auch ganz anders sein und ganz anders kommen könnte, und dass der Untergang "nicht nur" des Abendlandes uns insoweit "astronomisch" näher kommen wird, liegt dennoch deutlicher auf der Hand als wir dies jemals bisher hätten berechtigt meinen können.

Die Macht und die Mächtigen, die Potentaten der nach wie vor nicht gerechten Welt, in der wir uns einzurichten gelernt haben, die haben sich, wie wir auch, stetig gewandelt. Sie haben uns „Normalmenschen“ vom ersten Stammeshäuptling an, der sich für klüger und vor allem für besser als andere seiner Stammesmitglieder hielt, über den Adel der antiken und mittelalterlichen Gesellschaften bis hin zu den ökonomischen und politischen Machthabern, Monopolisten und Diktaturen der Modernen Welt, das „Klein-Sein“ diktiert, und uns, sobald wir deren jeweilige Macht nicht respektierten, mit drakonischen „Strafen“, Angst und Schrecken belegt.

Der bürgerliche Rechtsstaat war der historische Gewinn, der uns bis heute durch die „Gewaltenteilung“ insofern einen gewissen relativen Schutz beschaffen hat. Aber noch immer sind die Reichen reich und die Mächtigen mächtig, und wir zweifeln an unserer relativ weniger bedeutsameren Rolle in diesem nur allzu schwer durchschaubaren Spiel, in dem unsere jeweiligen Aufgaben und Verantwortlichkeiten nach wie vor alles andere als leicht erklärbar und zu rechtfertigen sind.

Einerseits sind die modernen politischen Demokratien von Jahr zu Jahr scheinbar ein wenig egalitärer geworden, und unsere Mitsprachemöglichkeiten von unten nach oben haben sich über die letzten Jahrhunderte bis Jahrzehnte in den bürgerlichen Demokratien ebenfalls - verglichen mit der Dunklen Vergangenheit des Mittelalters oder der Welt der archaischen Stammesgesellschaften durchaus deutlich und wirksam erhöht. Jede und jeder von uns haben jetzt sogar aktuell im Netz ein Wort gefunden; aber der Gestaltungs- und Eingriffsspielraum für faktische Veränderungen durch uns selbst hat sich insofern vielleicht sogar dennoch minimiert. Das Spiel der Tasten auf der Tastatur, die Befehle an die Siris, Alexas, Googles oder Cortanas sind vielfältiger und wirkungsmächtiger geworden, und doch war ein kurzes gesprochenes Wort unter Freunden, Bekannten und Verwandten davor oft tatsächlich weit gehaltvoller, und konnte ganze Bäume der Veränderung stemmen. Der Nahraum entfernt sich irgendwie digital, und die Ferne beginnt uns mit ihrer stets noch präsenteren Tatsächlichkeit zu erschlagen.

Waren die Stämme und lokalen Regionen trotz ihrer oftmals rigideren hierarchischen Strukturierung nicht vielleicht sogar immer auch „überschaubarer“ und somit mehr oder weniger stets im entscheidenden „Blickfeld“ aller Betroffenen - trotz der jeweiligen Herrschaft der Wenigen dort; wobei moderne Völkerkundler zudem auch durchaus berechtigte Zweifel daran hegen, ob schon die ganz frühen Gesellschaften bereits (und vor allem) nur mit den "Clan"chefs lebten, oder ob das Leben damals vielleicht stattdessen nicht bereits doch noch (oder schon) durchaus kommunaler organisiert war, als wir dies heute mit Blick zurück darauf meinen. Und auch das frühe Matriarchat wirft entsprechend spannende Fragen auf.

Die Nationenbildung, einerseits ein Forschritt, könnte insofern vielleicht sogar ein gewisser politischer Rückschritt gewesen sein, denn je größer die Nation, desto weiter entfernt war die Staatsmacht von ihrer jeweilig verwalteten Peripherie. Dieses Phänomen liegt der in Europa anwachsenden EU-Skepsis zugrunde. Angesichts solcher Entfremdungen scheinen die ÜberLebenWollenden, also populistischen Machtpolitiker und etwaige Diktatoren, ein leichteres Spiel zu haben. Das moderne Wahlrecht von Identität, Religion, politischer Partei und eigener Beziehungs-, Berufs- und Lebensperspektive kann nur unschwer im Vergleich mit den "vergangenen" Dramen der Sklaverei und der Leibeigenschaft in den zergliederten Fürstentümern, Grafschaften und eingezirkelten Machtarealen des Adels als ein deutlicher historischer Fortschritt begriffen werden; und dennoch ging dem Einzelnen, hätte es dabei die Medien in ihrer Vermittlerrolle nicht gegeben, im globalen Zirkus auf Dauer sowohl die Übersicht über die Zusammenhänge als auch die Vorstellung verloren, sie/er habe in der immer komplexer und komplizierter werdenden Welt noch eine ihr/ihm gehörige „mächtige“ Rolle mitzuspielen.

Die Globalisierung hat uns alle notwendig „klein“ gemacht, und das wäre als eine gewisse Demut eigentlich auch gut so, wenn es vor allem nur die Entscheidungsgewalt der Wenigen prinzipiell eingeebnet hätte, und wenn es nicht doch noch - und zwar nach wie vor - allzu viele und doch im Vergleich mit der Mehrheit der Menschen auch nur so wenige gäbe, die sich als die Gesellschaft der VIPs auf sehr unterschiedlichen Gebieten entweder Macht oder auch Privilegien auf Kosten der Mehrheit der Menschen herausnähmen.

Noch sind die Möglichkeiten der direkten aber virtuellen digitalen Demokratie noch längst nicht ausgekostet, aber es macht Sinn sehr wohl schon jetzt auch darüber nachzudenken, zu was wir alles unseren Senf beitragen wollen, obwohl wir manchmal in dafür klar definierten Situationen doch durchaus auch kompetenteren und für die jeweilige Problemlage ausgebildeteren Personen den Vorzug lassen sollten. Nur die Entscheidung darüber, wo und wann ein solcher "Machtverzicht" von uns Bürgern zu leisten sei, die sollte weiterhin prinzipiell "demokratisch" gehandhabt werden. Aber Macht hat sich eben auch wie Armut und Ohnmacht historisch gewandelt. Und genau diesen Wandel der globalen Mächte thematisierte Elias Canetti in seinen Analysen. Gewachsen ist die Macht der Mächtigen mit der Technologie und „der Bombe“ ins scheinbar Unendliche und gleichzeitig haben sich die zeitlichen Eingriffs-Spielräume der wenigen Entscheiderinnen und Entscheider der Macht dramatisch verkürzt und intensiviert. Davon sind wir alle aktuell um so mehr betroffen und vielfach traumatisch verängstigt.

„Die waghalsigsten Träume früherer Machthaber, denen das Überleben zur Passion und zum Laster geworden war, erscheinen heute dürftig. Die Geschichte gewinnt plötzlich, von uns aus erinnert, ein harmlos behagliches Gesicht. Wie lange hat es damals alles gedauert, und wie wenig gab es auf einer unbekannten Erde zu vernichten! Heute liegt zwischen Beschluß und Wirkung nicht mehr als ein Augenblick.“ (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Der Krieg bedarf kaum noch der vorbereitenden formellen Ankündigung, der umfassenden bürokratischen Einberufung der Soldaten, der längeren Heereswanderungen und der lokalisierbaren Feldschlachten. Selbst in „Friedenszeiten“ überfliegen uns die von der Drohnenqueen Baerbock so geliebten Waffen, ohne dass wir deren Herkunft und Spionageinteressen wirklich kennen. Der Krieg, der uns doch inzwischen so fern schien, ist uns mit omnipräsenter modellflugzeugartiger Präzison fast schon amateurhaft diffundierend engstens auf die Pelle gerückt, und wird dann auch noch als "gerechter" Verteidigungskrieg verharmlost und uns dadurch "angefreundet". Der Krieg, der uns zum Freund wir, weil wir meinen nur durch ihn zu überleben, der ist der gefährlichste. Er korrumpiert unsere berechtigte Angst vor dem Chaos.

Wir hatten uns im wohlhabenden Westen längst darauf eingerichtet, dass alles doch mehrheitlich gut sei, so wie es ist, und das bisschen soziale Ungerechtigkeit im Westen, das hätten wir auf Dauer schon in den Griff bekommen. Heute spricht man fast schon zynisch von der naiven Phase der „Friedens-Dividende“, weiterhin ignorierend, dass die Menschenrechte in der bürgerlichen Gesellschaft für die Mehrheit der Menschen auf dem Globus nach wie vor einen ungelebten und höchstens erhofften, gar erflehten, aber eben faktisch nicht eingetretenen Traum des Lebens darstellen. Und dann waren und sind da wieder diese „ÜberLebenden“, diese modernen Pseudo-Sieger - nach den auch für die Schulkinder historisch klar ausgewiesenen Massenmördern wie Hitler, Stalin, Pol Pot oder Mao, die es sich zur eigentlichen Aufgabe gemacht hatten Dritten durch peinliches Macho-Gehabe und Allmachtsphantasien zu imponieren, und jeweils stets für sich sogar persönlich meinten nicht nur heere sondern auch hehre Ziele zu verfolgen. Die Kette ließe sich danach historisch beliebig verlängern von Franco oder Salazar über Idi Amin, Pinochet, Sadam Hussein, Ceausescu, Enver Hoxha, Gaddafi, Kim Jong-Il, Milosevic, Mobutu, Mugabe bis hin zu Castro, Batista, Stroessner, etc. zum Beispiel. Weniger bekannt sind schon Islam Karimov, Usbekistan, Iasis Afewerki, Eritrea, Gurbanguly Berdimuhamedow, Turkmenistan, Umar Hasan Ahmad al-Baschir, Sudan, Than Shwe, Burma, Meles Zenawi, Äthiopien, Mahmud Ahmadinejad, Iran, Iasis Afewerki, Eritrea. Dürfen wir Deutschen nun auch unsere "Freunde" in Saudi-Arabien oder anderen autoritär geführten Staaten in solche Kategorien einordnen? Und auch die demokratisch gewählten und insofern politisch legitimierten Trumps, Orbáns, Bolsonaros, Erdogans dieser Welt, bis hin zu den Melonis und den Le Pens stehen doch durchaus auch unter einem gewissen dringenden moderneren und jetztzeitigen Diktatorenverdacht, auch ohne dass diese Politik-Magneten bisher bereits selbst schon zu umfassenden Rechts- und Verfassungsbeugern oder gar Massen- bzw. Völkermördern geworden sind.

Sie alle haben nach Canetti allerdings eine gemeinsame diffuse Angst vor dem legalen Re-Umsturz nach der eigenen Machtübernahme, den sie fürchten "wie der Teufel das Weihwasser", und viele von ihnen sterben auch angemessen einsam, oft sogar unter Missachtung ihrer Menschenwürde durch die nachfolgenden Sieger, einer Würde, die sie aber auch ihren eigenen Opfern nur höchst selten haben zukommen lassen (https://www. welt.de/ geschichte/ gallery135699492/ Wenn-Gewaltherrscher-sterben-eine-Liste.html).

ÜberLebende sind sie eben nur auf Zeit, und wirkliche „Sieger“ sind sie schon gar nicht. Das sollte uns umgekehrt eigentlich hoffnungsfroh und gelassener machen, aber das sagt sich in den sicheren Häfen der Demokratie so leicht, während auf der anderen Seite der jeweiligen Welt Menschen rund um den Globus durch die Schandtaten der Diktatoren verrecken. Was Diktatoren schon auf dem niedrigsten Niveau ihrer eigenen Ansprüche aber eben nicht ertragen können, ist die Tatsache, dass sie von den anständigen und vernünftigen Menschen nicht einfach nur verachtet werden, sondern durch sie auch noch als die lächerlichsten Figuren der Zeitgeschichte erkannt und entsprechend eingestuft werden. Den Mut dies zu äußern und mit den Fingern ihrer verletzten Hände darauf zu deuten, dies zeichnet die tatsächlichen Retter der Welt aus, die als Märtyrer und nicht zerstörbare aufrechte Seelen das Heldentum des gerechten Weges über ihren Tod hinaus weitertragen. Es ist immer vor allem die Jugend, die sich, vielleicht vielfach auch nur naiv, weil die Folgen für sie selbst oft nicht bedenkend, gegen die Diktatoren so kraftvoll und bewundernswert öffentlich zur Wehr setzt; denn sie ist es auch, die am meisten von ihnen um ihre jeweilige Zukunft betrogen wird. Fast schon tragisch sind dabei diejenigen unter ihnen zu betrachten, die manchen der reduktionistischen Heilsversprechen ihrer frühen Idole aus idealistischen Motiven sogar nachgelaufen sind, und sich in der Folge durch die ÜberLebenden um so mehr verraten fühlen dürfen.

Die Lächerlichkeit ist also die Höchststrafe für die Diktatoren als "ÜberLebende", und deshalb sollten wir auch einen Menschen wie Putin nicht primär für eine tragische, sondern explizit - und so öffentlich wie möglich - für eine lächerliche Figur halten, und ihn auch genau so darstellen. Der ihn privat tätschelnde ehemalige Bundeskanzler Schröder erträgt doch die Kritik, dass er ein zu positives Russlandbild, wie übrigens viele unter uns, gehabt habe, auf der linken Arschbacke; aber die öffentlich vorgeführten tänzelnden Bilder dieses sich an Putin heranwanzenden korrupten Lebemannes und Egomanen indes, die ihn für sich selbst so scheinbar jeder sachlichen Kritik erhaben machen, und stattdessen seine peinliche Lächerlichkeit bloß legen, die tun ihm richtig weh. Die aufgeblasene Männlichkeit, die uns auch Putin jahrelang vorspielte, ist identisch mit dem in seiner Bedeutung kriminell deutlich niedriger angesiedelten Macho-Gehabe der zahreichen alltäglichen Kleindiktatoren in allen davon betroffenen Kleinfamilien und Unternehmen dieser Welt.

Dies ist die eigentliche Botschaft von Canetti. Man muss diese Parasiten an der Gesellschaft dort treffen, wo sie am empfindlichsten sind, an ihrer eigenen Eitelkeit. Sie alle meinen irgendwo einen positiven Platz in den Geschichtsbüchern einzunehmen und landen doch nur als Pseudo-Helden und hämische Karrikaturen in den schlecht gemachten Comics der Weltgeschichte. Dies gilt ebenso für all die von ihren Minderwertigkeitskomplexen beladenen Rechts- wie Linksradikalen, ohne deshalb die historische Ungleichheit von "links" und "rechts" zu vernachlässigen. Für letztere steht - und längst nicht an einziger und einsamer Stelle in Deutschland z.B. Andreas Bader, der meinte, die Welt das Fürchten lehren zu können, obwohl er doch nur ein primitiver geist- und seelenloser höchst krimineller Polit-Dandy war. Und auch die Idolisierung des rot/schwarzen linken Großkopfes Che sollte mit einem entsprechenden Abstand deutlich weniger "bewundernd" betrachtet werden.

Wie aber wehrt sich der Anstand gegen das Desaster, der widerständige Mut gegen die skrupellosen Machtaufsteiger?

„Die Frage, ob es auch eine Möglichkeit gibt, dem Überlebenden beizukommen, der zu diesen monströsen Proportionen angewachsen ist, ist die größte, man möchte sagen: die einzige Frage. Die Spezialisiertheit und Beweglichkeit des modernen Lebens täuscht über die Einfachheit, über die Konzentration dieser Grundfrage hinweg. Denn die einzige Lösung, die sich dem leidenschaftlichen Drange zu überleben bietet, eine schöpferische Einsamkeit, die sich die Unsterblichkeit verdient, ist ihrer Natur nach nur für wenige eine Lösung.“ (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Es klingt geradezu grotesk, aber wir sollten lernen die Macht unserer Peiniger im Leben zu spüren. Wir sollten ihre Fährte aufnehmen und ihren Gestank zeitweilig auch ertragen, und dann doch angewidert all das ausspeien, was sie dem Mut und dem Anstand der faktisch wirklich noch „Überlebenden“ zufügen.

Selbst noch mit dem Coronavirus infiziert riecht man förmlich die Angst der Folterer, und auch die Sorge vor der eigenen Schuld von nicht demokratisch legitimiert schlagenden Polizisten und Soldaten im Angesicht des für sie unerreichbaren Anstandes ihrer Opfer. Sie mögen dies leugnen, sie mögen ihre Opfer verhöhnen, aber in ihren Träumen werden die Qualen wiederkehren, die sie den ihnen so ethisch und moralisch überlegenen Menschen zugefügt haben. Überleben heißt eben doch nicht primär "mächtig" zu sein, sondern „anders" als diese Selbstleugner wirklich dauerhaft und nachhaltig mit der Zeit siegen zu lernen, auch wenn dies oft nach dem Tod solcher "Helden" leider nur möglich wird in den Mythen und Ezählungen derer, die den nachfolgenden Generationen Garanten des Anstands waren.

Der nicht wirklich sondern nur vermeintlich überlebende Diktator wird vor und nach seiner nahenden Katastrophe durch seine abgrundtiefen Ängste abgestraft, die ihn seine doch so kurzfristigen scheinbaren Privilegien auf Dauer nicht genießen lassen. In den Häusern der DiktatorInnen stinkt es nach verfaultem Aas. Warum wähle ich hierbei die feminisierte Form, wobei doch die meisten Diktatoren Männer sind und waren? Es sind immer auch die Mütter, BegleiterInnen, PartnerInnen, die den größten Einfluss hätten, um Diktatoren doch zurück zur Menschlichkeit zu verführen. So ist es auch kein Wunder, dass die wirklich großen männlichen Politiker fast immer starke und oft noch klügere Frauen an ihrer Seite hatten, während die Frauen der Diktatoren, mit Ausnahme einiger weniger, wie Frau Marcos oder Frau Ceaucescu, fast immer oft selbst nur die Opfer ihre Männer waren. Putin hat nicht nur Ukrainer sondern auch seine Frau abgeschossen. Und umgekehrt waren den vielfach bewunderten Politik-Ikonen Gorbatschow oder Martin Luther King ihre jeweiligen Frauen zumindest geistig und seelisch ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Und wie im Leben immer gibt es auch da selbst verständlich Ausnahmen, denn natürlich hatte Nelson Mandela eine solche Frau nicht verdient. Doch zurück zur Angst der Über-Mächtigen.

„Gegen diese sich steigernde Gefahr, die jeder in den Knochen spürt, ist ein zweites, neues Faktum in Rechnung zu setzen. Der Überlebende selbst hat Angst. Er hatte immer Angst. Aber an seinen Möglichkeiten ist sie ins Maßlose und Unerträgliche gewachsen. Sein Triumph kann eine Sache von Minuten und Stunden sein. Doch die Erde ist nirgends sicher, nicht einmal für ihn. Überall gelangen die neuen Waffen hin, auch er ist überall zu erreichen. Seine Größe und seine Unverletzlichkeit stehen miteinander im Streit. Er ist selber zu groß geworden. Machthaber zittern heute anders um sich, so als wären sie dasselbe wie andere Menschen. Die uralte Struktur der Macht, ihr Herz- und Kernstück: die Bewahrung des Machthabers auf Kosten aller übrigen, hat sich ad absurdum geführt, sie liegt in Trümmern. Die Macht ist größer, aber sie ist auch flüchtiger als je. Alle werden überleben oder niemand.“ (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Es gibt heutzutage weder "die" Mächtigen noch ihre Angehörigen und Nachgeborenen wirklich schützende Villen, Burgen oder Schlösser. Die Ghettos der Macht sind löchrig geworden. Die Architektur der Macht ist nicht mehr primär real, baulich, architektonisch oder physisch, sie ist virtuell geworden, und die Achillesferse der Macht ist die Tatsache, dass wie Hannah Arendt so unglaublich aber wahr formulierte „Niemand das Recht auf Gehorsam hat “, und die Nichtbefolgung von Befehlen ist die eigentliche Waffe, die jeden Diktator auf Dauer zu entwaffnen vermag.

Wie locker und glaubwürdig wirken die öffentlichen Bekundungen von Ukrainerinnen und Ukrainern in den schlimmsten Bedrohungszenarien und wie verkrampft und verlogen dagegen die roboterhaften Stellungnahmen des Kreml, seiner Propagandistenl und seiner Komplizen.

„Das System der Befehle ist allgemein anerkannt. Am schärfsten ausgeprägt hat es sich wohl in den Armeen. Aber viele andere Bereiche des zivilisierten Lebens sind vom Befehl ergriffen und gezeichnet. Der Tod als Drohung ist die Münze der Macht. Es ist leicht, hier Münze auf Münze zu legen und enorme Kapitalien anzusammeln. Wer der Macht beikommen will, der muß den Befehl ohne Scheu ins Auge fassen und die Mittel finden, ihn seines Stachels zu berauben.“ (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Putin ist ein Symptom unserer Zeit. Er ist das, was wir eigentlich alle wollen: mehr Mitsprache, mehr entscheiden dürfen, und am Ende: sich möglichst sogar "alle" Urteile über Welt und Leben alleine für sich aus der "besseren" Perspektive einsam herauszunehmen. Putin ist "zu uns" aus ganz einfachen Verhältnissen gekommen, und jetzt katzbuckeln wir alle vor diesem Sieger, indem wir hilf- und mutlos daneben stehen. "Oh, täte uns das auch gut!" Wären wir nicht alle auch in gewisser Weise gerne an seiner Stelle? Aber Putin ist eben auch, was die Mehrheit von uns nun einmal - aus welchen Gründen auch immer - nicht ist, ein Mörder, ein Vergewaltiger und ein Folterer.

Die Chimäre des eigenen scham- und skrupellosen Rechthabens und Rechthabendürfens wird in den neuen Diktatoren und ihren Diktaturen umfassend bedient. Ihre scheinbare Alltäglichkeit und auch ihre Verankerung in unseren eigenen Machtphantasien macht sie einerseits so verführerisch und andererseits so sublim gefährlich. Wir verwechseln insofern Äpfel mit Birnen: Was wir im Leben oft durchaus auch „undemokratisch“ persönlich und privat wollen, ist eben dennoch zumeist nicht „diktatorisch“ sondern eher, wie der kluge Soziologe sagen würden „autopoietisch“, unsere jeweils eigene individuelle Strategie des "Gewinnens" und Überlebens. Das Überleben des individuellen „Gemeinen“ und „Gewöhnlichen“ klingt oft auch autoritär, ist es aber dennoch zumeist nicht, zumal dann wenn man auf Augenhöhe in gegenseitige Win-Win-Situationen investiert. Der rein machtgesinnte ÜberLebende hingegen spielt das alles riskierende va-banque-Spiel seines eigenen - nur aufgeschobenen - Untergangs. Ein Spiel auf Zeit also, das er bewusst eingeht.

Die neuen diktatorischen Emporkömmlinge kommen nicht mit der bereits etablierten gebürtigen Macht von oben (als Erben der Sonnengötter und Sonnenkönige). Sie kommen von unten (was sie uns so täuschend ähnlich macht und oft unseren eigenen Träumen und Hoffnungen entspricht), und sie wissen von daher sehr wohl auch um die Bedrohlichkeit ihrer Herkunft und die Möglichkeit des Verlustes ihrer Gunst.

Elias Canetti hat schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts diesen neuen Typus des „Erfolgs“menschen identifiziert. Sein Dasein als ein Sosein ist Gewordenes und Erkämpftes. Anders als die Herrscher des Altertums bis hinein in das Mittelalter und die frühe Neuzeit beruft er sich nicht wie die damals Mächtigen auf ein tradiertes Erbe seiner Väter und Mütter. Er ist zu seinem eigenen Schöpfer geworden. Der Typus der Spitze mag variieren. Ich bin mir ziemlich sicher dass Putin vielleicht sogar noch lieber ein bewunderter Bezos, Musk oder Gates geworden wäre. Er hätte sich dann ohne öffentliche Vorwürfe im „legitimen“ Erfolg des Geldes und des unternehmerischen Erfolges sonnen können, ohne stattdessen den Makel des primitiv schmutzigen Geheimdienstgeschäftes als Voraussetzung für seine scheinbar so eindeutige äußere Allmächtigkeit mit sich herumschleppen zu müssen. Genau diese spezifische angeschmutzte Herkunft macht ihn aber auch so gefährlich.

Den Heroen des Kapitalismus sieht man die Rigidität, mit der sie ihr jeweiliges Alleinstellungsmerkmal erworben haben, nicht an. Für die Mehrheit der Menschen sind sie die wenn auch egoistischen und egozentrischen „Guten“, die Ingeniösen, die Einfallsreichen, die wir alle selbst ebenfalls gerne gewesen wären, oder wie wir dies vielleicht sogar in den Nichtigkeiten unseres kleinen privaten Alltagslebens auch manchmal auf deutlich "niedrigerer" Ebene tatsächlich sogar zur eigenen Ehre sind.

Den wirtschaftlichen und technischen Heroen haftet nicht primär der Schmutz des Vernichtens und Zerstörens um des Willens zum Erhalt der Macht an, zumindest vorerst anfänglich „noch nicht“´, auch wenn sich dies oft durchaus schneller als erwartet ändern kann. Auch ein Musk will inzwischen möglichst „alle“ Menschen um ihn herum dominieren. Nur so ist sein Kauf von Twitter zu erklären, aber er umgibt sich nicht primär nur mit willfährigen und vor allem rundum von ihm abhängigen Hofschranzen. Vielmehr feuert er diese sofort nach der Übernahme erst einmal, während Putin seine Claqueure nachhaltig und systematisch sukzessive - mit einer sich stetig über die Zeit perfektionierenden aber scheinbar ansonsten kaum wahrnehmbaren - Chuzpe ohnegleichen auf sein Gehorsamssystem einschwören musste. Erst als die russische Demokratie im Krisenmodus zu seinen Gunsten kippte, war es für den Ungehorsam in der russischen Zivilgesellschaft vorerst zu spät. Putin ist der geborene „ÜberLebende“, wie ihn Canetti in Masse und Macht beschreibt:

„Um aber dem Überlebenden beizukommen, muß man sein Treiben dort durchschauen, wo es am natürlichsten erscheint. Auf unangefochtene und darum besonders gefährliche Weise steigert es sich im Erteilen von Befehlen. Es ist gezeigt worden, daß der Befehl in seiner domestizierten Form, wie er im Zusammenleben von Menschen üblich ist, nichts als ein suspendiertes Todesurteil vorstellt. Wirksame und akute Systeme solcher Befehle haben sich überall eingebürgert. Wer sich zu rasch an die Spitze hinaufgedient hat oder wem es auf andere Weise gelingt, sich die oberste Verfügung über ein solches System zu verschaffen, der ist durch die Natur seiner Position mit Befehlsangst geladen und muß sich von ihr zu befreien suchen. Die kontinuierliche Drohung, deren er sich bedient und die das eigentliche Wesen dieses Systems ausmacht, richtet sich schließlich gegen ihn selbst. Ob er tatsächlich von Feinden gefährdet ist oder nicht, er wird immer ein Gefühl von Bedrohtheit haben. Die gefährlichste Drohung geht von seinen eigenen Leuten aus, denen er immer befiehlt, die in seiner nächsten Nähe sind, die ihn gut kennen. Das Mittel zu seiner Befreiung, nach dem er nicht ohne Zögern greift, auf das er aber keineswegs ganz verzichtet, ist der plötzliche Befehl zum Massentod. Er beginnt einen Krieg und schickt seine Leute dorthin, wo sie töten sollen. Viele von ihnen mögen dabei selber zugrunde gehen. Er wird es nicht bedauern. Wie immer er sich nach außen stellen mag, es ist ein tiefes und geheimes Bedürfnis von ihm, daß auch die Reihen seiner eigenen Leute sich lichten. Zu seiner Befreiung von Befehlsangst ist es erforderlich, daß auch viele von denen sterben, die für ihn kämpfen. Der Wald seiner Angst ist zu dicht geworden, er atmet dafür, daß er sich lichtet. Wenn er zu lange gezögert hat, sieht er nicht mehr klar und mag seine Stellung empfindlich schädigen. Seine Befehlsangst nimmt dann Dimensionen an, die zur Katastrophe führen. Aber bevor die Katastrophe ihn selbst erreicht, seinen eigenen Leib, der für ihn die Welt verkörpert, führt sie zum Untergang unzähliger anderer.“ (Elias Canetti, Masse und Macht, 1960 Düsseldorf)

Dem Putin fehlt ein Narr, ein echter Eulenspiegel, der ihm zeigt wer er wirklich ist. Den haben sich manche Souveräne und Potentaten geleistet, um ihrer Umwelt zumindest vorzu"gaukeln", dass sie vielleicht sogar - trotz ihrer Sonnennähe - minimal kritisierbar und damit selbst auch ein ganz klein wenig pseudodemütig und kritikfähig seien.

Wenn Putin mit seinem bekanntesten Bild im Spalier durch den Kreml seiner Mittäter und Hofschranzen schreitet, dann sieht doch jeder, dass der Kaiser in Wirklichkeit keine Kleider an hat und plump und nackt ist, so stümperhaft sind seine eher unsicheren Bewegungen, und so "forsch", doch in Wirklichkeit eher nur "verkrampft" stotternd ist sein Gang. Sein Gehabe an seinem übergroßen Tisch ist zudem doch eher ein Slapstick menschlicher Würde. Sein gesamter Auftritt wirkt immer ein wenig linkisch und seine Rhetorik darüber hinaus meist exorbitant dümmlich.

Sein inellektuelles Niveau landet in etwa auf dem Level eines George Bush oder eines Donald Trump. Anders als ein Tony Blair bemüht er sich in Zeiten des Krieges gar nicht erst ein pseudo-glaubwürdiges argumentativ geprägtes Lügengebilde aufzubauen. Er trägt sein Angriffszenario so "offen" und mit so primitiv plumpen Argumenten vor, die der Wahrheit natürlich ebenfalls nicht ähnlich sind, dass man sie nur noch als die Wirklichkeit verdrehende Drohung gegen alles und jeden begreifen kann. Er will sich in Wirklichkeit gar nicht mehr rechtfertigen, so schlecht sind meist seine Argumente. Er will dass alle deshalb merken, dass ihm die Meinung der Weltöffentlichkeit über seine Verbrechen in jeder Hinsicht egal ist, und dass er sich dieses dennoch gefangen in seiner Hybris der Macht schlicht leisten kann.

Wer wie Putin den Wald vor lauter Bäumen, mit denen er sich umstellt hat, nicht mehr sieht, der wird und der muss auf Dauer scheitern. Ach ja, richtig, das ist ja genau das zu erwartende Schicksal von allen bisherigen und zukünftigen mächtigen Überlebenden, nach Canetti.

Warten wir also mit Vernunft, wenn auch leider inzwischen mit einer gewissen diffusen lähmenden Angst, und hoffentlich doch nur mit "stoischer" Furcht vor dem noch Schlimmeren - auch ohne vom Westen aus direkt in den Krieg einzugreifen - auf das was noch kommt.

Und vielleicht geschieht der Untergang des Untergehers Putin durch ein Wiederaufkeimen russischer Vernunft ja doch schneller als vielfach erwartet.