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Das Internet vergisst nichts?
Genau, das ist sein Problem!

Wenn ich online im Internet kaufe, dann kann ich mit Sicherheit davon ausgehen,
dass ich von genau diesem Kauf ausgehend noch Wochen, wenn nicht Monate danach
noch belästigt werde. So, als ob mir das Internet signalisieren möchte: „Da hast Du aber
etwas falsch gemacht, Du könntest doch diesen oder jenen anderen Artikel kaufen,
der entweder gleich, ähnlich, besser oder unter Umständen sogar preiswerter ist.

Nur in der kurzen Spanne zwischen der initialen Suche bei Google oder Idealo nach
Dienstleistungen oder Produkten und meinem tatsächlichen Kauf hat Marketing in Richtung
auf meine Person überhaupt eine Chance. Diese Fähigkeit, mich vor den Kaufentscheidungen
durch überraschende Produktvorstellungen zu „inspirierern“, nutzen die Anbieter im Internet –
ganz anders z.B. als tradierte Werber in Printmedien wie der Illustrierten – bisher allzu wenig.
Das Internet treibt es stattdessen weiter, es versucht mir zu erzählen, dass es nach einer
Kaufentscheidung zu wissen meint, wer und wie ich jetzt sei, und was ich benötige.

Nach dem Kauf eines Teppichs bekam ich wochenlang Teppichangebote, obwohl in meine
Wohnung nicht mehr als ein weiterer Teppich passte. Ständig musste ich solche Werbung
wegklicken, da ich mit einem ansonsten favorisierten Werbeblocker doch zahlreiche Ausnahmen
für von mir trotz Werbung gewünschte Portale schalten musste.

Kaufte ich Unterwäsche im Internet, dann musste ich möglichst den Blick auf meine angewählten
Internetseiten vor den schulterklopfenden Ein-Sichten meiner Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz
verbergen, nicht nur weil sie durch die an mich persönlich adressierte Werbung mitbekommen konnten,
dass ich einen in jeder Hinsicht sehr „eigenwilligen“ Geschmack habe - gemeinhin nennt man das
"Schnäppchenjäger" - der sich schlicht durch möglichst preiswerte Einkäufe auszeichnet; sondern auch,
weil sie dort genau meine Agenda der letzten Einkäufe entsprechend nachvollziehen können:
Google vergisst nichts, genau das ist sein Problem!

Google behält mich vor allem als das Klischee von gestern, dabei lebe ich doch mindestens heute,
wenn nicht sogar im "morgen", und interessiere mich für neue Dinge und Produkte.

Normalerweise dürfte man von intelligenten Systemen der Prognose erwarten, dass sie
extrapolieren. Google aber, wenn überhaupt, interpoliert nach dem Motto:
"Das haben wir immer schon so gemacht!"
Wahrscheinlich hat ein Schwabe Google programmiert.

Wenn überhaupt, so haben wir schon in unserem Buch: „Die Internetökonomie“ vor fast
schon 25 Jahren behauptet und auch inzwischen nachgewiesen, hat dass Internet erst einmal
nur die Möglichkeit "Geschmacksgemeinschaften" abzubilden, die man heute wohl "Filterblase"
nennt. Dass sich Menschen darin verlieren können, und nichts „auswärtiges“ und „fremdes“
an sich heranlassen, ist ein Problem eigener Art, und wurde inzwischen als Kollateralschaden
des Internets bereits häufig thematisiert.

Bei YouTube generiert man nach ähnlichem Muster aus solchen „individuellen“ Auswahlen die
klischeesierten Playlists. Was mich aber an neuer Musik wirklich antörnt, das entzieht sich der
Prognose, weil sich mein Leben für Google und YouTube schwer nachvollziehbar, eben auch in
Brüchen und Sprüngen vollzieht, die mich manchmal selbst überraschen. Überraschung ist im
Prognosekonzept der Internetwerber aber meist nicht mitgedacht.

Überraschend sind stattdessen vor allem nur die kleineren - noch unseriöseren - Anbieter, die
einem meist völlig unnötige und oft viel zu teure Artikel anbieten wollen, an deren Existenz man
ursprünglich aber niemals gedacht hätte. So inzwischen - nur noch als „kultig“ konsumierte - und
eigentlich ebenso unnötige TV-Sender á la HSE oder QVC und Konsorten, die im Fluss der Töne
und Bilder für den Fernsehkonsumenten ebenso unnötig sind wie ihre Produkte. Sie aber bemühen
sich wenigstens – wenn auch eher albern - neue Dinge an uns Konsumenten heran zu tragen.
Insofern sind sie die eigentlich kreativen Neuerer, und immer mehr entdeckt man diese eher "schrägen"
Anbieter auch im Internet. Beim Discounter findet man diese Produkte dann unter dem Label:
„Wie aus dem TV bekannt!“ Sie wollen einem beispielsweise den genialsten Sprachcomputer aller
Zeiten oder die schnellste Kartoffelschälmaschine anbieten, stellen dabei - geriert als seriöse
Nachrichten
- neue „wissenschaftlich geprüfte“ Erfindungen vor, die oft keine wirklichen
Entdeckungen sind, aber sie kann man wenigstens mit ihrem durch die Sterilität der
Marketingdarbietung amüsanten oder unterhaltsamen Trash als eine Erweiterung des eigenen
Auswahlspektrums im Sinne von Luhmann begreifen. Es gibt wirklich Menschen, die über
viele Stunden Programme verfolgen, deren Dramaturgie aus dem Handbuch von
Drückern und Versicherungsvertretern stammen könnte.

Doch zurück zum Internet. Es bereitet mir Vergnügen zu sehen, dass ich trotz all der Daten,
die das Internet aus mir zieht, nur eine Spur des ewig Gestrigen im Internet hinterlasse.
In der Marketingtheorie hat man schon sehr früh auf den Nutzen der Betreuung von Kunden nach
einer Kaufentscheidung hingewiesen. Man nannte dies mit pseudowissenschaftlichen Kategorien z.B. „Nachkaufdissonanzreduktion“. Man wollte den Kunden nach einem Kauf noch einmal ausdrücklich
durch Werbung und Marketing erklären, dass sie die richtige Kaufentscheidung getroffen haben.
Dies macht auch - vor allem bei höherwertigen und starken Marken - durchaus seinen Sinn.

So bilden die Marken eigene „Communities“: „Es ist gut dass Sie sich für einen Tesla entschieden
haben, denn damit können Sie zeigen, dass Sie ein exquisiter Mensch mit einem noch exquisiteren
Portefeuille sind!“, obwohl die angemessenere Variante und Reaktion auf den Teslakauf zur Abwehr
von Neid eher diese wäre: „Sie befinden sich an der Spitze der Nachhaltigkeit, leider müssen unsere
Produkte vorerst noch so teuer sein, aber das wird sich schon ganz bald ändern, und dann werden
Sie mit einer solch avantgardistischen Kaufentscheidung unseres Produktes (im Sinne des von Ihnen
vielmehr gewünschten „Understatements“) nicht mehr elitär auffallen, und müssen nicht weiter um
Kratzer an Ihrem Auto und Ihrem Selbstbild fürchten, und dabei – vorerst noch - Ihr Auto soweit
möglich in einer Garage verbergen“.

Als ich noch, Gott(oder vielmehr dem Arbeitsgericht)-sei-Dank allzu kurzzeitig, ein Institut für
Medienmanagement in Österreich leitete, wurden dort Manager mit dem Makel eines nicht vorhandenen
akademischen Titels zur Steigerung des eigenen Selbstwertes, in einer Kurzausbildung berufsbegleitend
mit den nötigen Magisterweihen versorgt (ein Magister h.c. sozusagen, an sich ohne wirkliche
wissenschaftliche Bedeutung). Nach einem Vortrag kam ganz aufgeregt einer der Studenten auf mich
zu, und sagte, was ich in jeder Hinsicht natürlich genoss, „Herr Lange, Sie haben mal wieder recht“.
Zuvor hatte ich in meiner Vorlesung auf die Tendenz hingewiesen, dass bei Markenprodukten in
Werbung und Marketing das Produkt selbst immer häufiger hinter das Lebensgefühl, dieses Produkt
zu nutzen, deutlich zurücktritt. Oft fragt man sich bei manchen künstlerischen, fast schon lyrischen
Werbefilmen, um welches Produkt hat es sich eigentlich gehandelt? Als Beispiel für das Zurücktreten
des eigentlichen Produktes hinter das damit verbundene Lebensgefühl nannte ich die Werbung für ein
Produkt, das fast jeder kennt, und das mehr oder weniger wie der eklige flüssige Aufguss eines
Gummibärchen-Cocktails schmeckt. Der „korrupte“ und „kaputte“ Lebensstil, der mit diesem Produkt
verbunden ist, kreativ auf übertriebene Pünktlichkeit, Ordnung oder Struktur und vor allem auf
Korinthenkackerei im Leben kreativ zu verzichten, was mir persönlich sehr liegt, und sich dabei
dennoch auf „Engelsflügeln“ getragen zu fühlen, der wird bestens durch das Gesöff „Red Bull“
verkörpert. Der junge Mann, der mich mit seiner Reaktion auf meinen Vortrag so "beglückte",
war einer der Entscheider in der Öffentlichkeitsarbeit und im Marketing bei Red Bull, damals noch
ohne Titel, inzwischen wohl akademisch geadelt. So eine Koinzidenz ist wahrscheinlich nur in
Österreich möglich: Passt schon!

Nein, ich bin „dem“ Internet dankbar, dass es mich vor allem als Teppich- und Unterwäschekäufer
betrachtet, und von meinen sonstigen menschlichen Fehlern und Qualitäten noch absieht, obwohl
sie als Abbild in Form von Daten im Netz längst vorliegen, und mich insofern von dem, was mich
wirklich als Person ausmacht, letztendlich keine Notiz nimmt.

Das Internet ist nach wie vor eher eine technisch avancierte Stasi, die an den eigenen Daten
erstickte, und ihren eigenen Untergang weder voraussagen noch zu vermeiden vermochte.
Dies soll die Dramatik der unweigerlichen Datenabgabe im Internet nicht verharmlosen, aber es
kann uns insoweit ein wenig entspannen, als die intelligenten Algorithmen noch immer intelligente
Programmierer voraussetzen, und die findet man auch in der neue Ökonomie nur allzu selten.
Eigentlich ist das doch gut so! Mal schauen, womit ich das Internet in Zukunft sonst noch so
überraschen kann.