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Die neue Weltformel von der
nachhaltigen „Volksgemeinschaft“
der Klugen und Geimpften

Die neue Volksgemeinschaft macht mir Angst.

Isabel Trommer hat unter dem Titel „Hitlers ‚Volksgemeinschaft‘: Dazugehören und ausgrenzen“ ein Buch von Michael Wildt über "Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte" rezensiert. Schlagartig kam mir dabei die aktuelle Coronawirklichkeit in den Sinn.

„Es geht also sowohl um den Nationalsozialismus auch um seine Geschichtsschreibung, wobei Wildt das Augenmerk hauptsächlich auf die Gesellschaft richtet. In der Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft spielte sie lange Zeit eine geringe Rolle.
Erst in den Siebziger- und Achtzigerjahren begann sich das zu ändern, als sozial- und alltagsgeschichtliche Perspektiven in der NS-Forschung Platz griffen. Nicht nur die Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik, nicht nur Hitler, die Führungselite, der Staat oder die Strukturen, sondern auch die Gesellschaft und ihre Akteure wurden vermehrt zum Gegenstand der Forschung.
Hier: die NS-Elite, da: die Bevölkerung. Diese Gegenüberstellung löste sich nach und nach auf. Verstärkt nach der Jahrtausendwende, die Arbeiten Michael Wildts trugen dazu bei, rückte auch das gesellschaftspolitische Ideal der Nationalsozialisten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: die 'Volksgemeinschaft'.
Das war kein neuer Begriff. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts diente die Gemeinschaft als Gegenbild zur Gesellschaft und ihren sozialen und konfessionellen Konfliktlinien; die Rede von der 'Volksgemeinschaft' gehörte zum Inventar der Modernekritik. In der Weimarer Republik habe fast jede Partei den Begriff verwendet, aber, so Wildt, auf ihre je eigene Weise.“ (https://www.sueddeutsche.de/politik/volksgemeinschaft-nationalsozialismus-1.4600629)

Wir sind gerade dabei neue Volksgemeinschaften zu kreieren.

Wir gemeinden uns ein und dabei grenzen wir aus.

Die Coronaverweigerer, die Leichtsinnigen, die Ernstnehmer, und jetzt auch noch die Geimpften, die Nichtgeimpften und die Impfverweigerer.

Keiner möchte wirklich sozial, politisch wie gedanklich, einsam und allein sein, aber setzt Freiheit nicht Unabhängigkeit und somit auch eine gewisse Distanz voneinander voraus? Die Städter beginnen an ihrer Heimat- und Stammesferne zu leiden und organisieren sich in ihren Geschmacksgemeinschaften und digitalen Filterblasen, doch längst wurden diese Phänomene erkannt und auch schon benannt.

Corona scheint aber zu einer neuen sozialen Immunisierung zu führen. Die Angst im Nacken vor der Krankheit und die Skepsis, ob denn dies alles wirklich so schlimm sei, vermengen sich zu eher neurotischen Reaktionen. Da wechselt man schon mal gerne auf dem Bürgersteig vor "den Anderen" die Seite um nicht zu nah an entgegenkommenden Personen vorbei zu laufen. Da wird an der Kasse im Supermarkt der Maskenträger gedisst, weil ihm die Maske zu seinem Unglück nur leicht verrutscht ist.

Die "Ernstnehmer", zu denen ich mich selbst eher rechne, die steigern sich in einen inneren Groll, wenn sie Menschen ohne Maske in von ihnen antizipierten Gefährdungssituationen wahrnehmen. Und die Rassismen vermehren sich dabei heimlich ebenso exponentiell wie die Viren.

Die Ossis mit ihren hohen Inzidenzen im südlichen Mittel- und Ostdeutschland und mit den zudem dort auch noch sesshaften hohen Anteilen an Coronaignoranten im AfD-Lager, die sollen doch ruhig aussterben (das wäre doch endlich eine Lösung für das neue Leiden an der Dummheit), und das Gleiche meinen umgekehrt die Nationalisten, wenn sie in Berlin Neukölln, dem Feindort aller aufrechten Deutschen, arabische „Großfamilien“ und muslimische Shishabars heimlich beobachten, wenn diese in kleinen Gruppen ohne Maske auf dem Bürgersteig stehen und gar noch ungeschützt miteinander reden.

Jetzt gilt es wohl nur noch das Leben an sich, was immer es auch sei, durch Mitmachen bei der Hygiene zu bewahren, und bei der Impfung oder dem Schnelltest entweder die Nase vorne zu haben, oder im umgekehrten Fall aus der Sicht der Impfgegner nur noch auf die (nach meiner Meinung geringe Gefahr von) negativen Nebenwirkungen und die damit verbundene etwaige Selbstverstümmelung der Impfbefürworter durch die Kollateralschäden der Impfung zu warten.

Recht haben wollen wir alle inzwischen scheinbar mehr als recht leben. Dabei ist die große Volksgemeinschaft zumindest in Deutschland schon einmal mächtig schief gelaufen. Die Chinesen, Russen oder Muslime in aller Welt sind dennoch gerade dabei die größten Fehler der historisch modernen westlichen "Gemeinschaften ohne wirkliche Gemeinschaft" zu vermeiden: Hohe Scheidungsquoten, egoistische Kinderarmut, ständige Wechsel der Lebensverhältnisse, Verzicht auf Kontinuität und moderne Weltflucht um jeden Preis, werden in eher archaisch organisierten „Gemeinschaften“ häufig als Hauptmerkmale des langfristigen „Niedergangs“ westlichen Kulturen betrachtet.

Der Patriarch, der per Zwang die Familie zusammenhält, gilt dann als eher liebevoll, und die Frau, die vor seinen Schlägen in die Unabhängigkeit flüchtet, als lieblose selbstsüchtige Rabenmutter. Die Kinder sollen möglichst naiv auf den autoritären Staat vertrauen und auf Dauer kräftig für die Gemeinschaft arbeiten, dann wird schon alles "gut" werden. Eine Frau sollte doch gar kein Ich und erst recht kein Selbst haben. Das steht doch auch schon so in den alten Testamenten an sich längst überlebter Religionen.

Das Wort „asozial“ hat einen neuen Gehalt bekommen. Nicht der Ausbeuter, nicht der narzistische, egoistische oder egomanische Autoritäre gilt als asozial sondern der Zweifelnde, Schwache und Unbeständige. Es ist die Rebellion gegen die Autoritäten, die alles „kaputt“ macht, was in der Vergangenheit doch so gut funktioniert hat.

Ja, in Krisenzeiten wächst die Sehnsucht nach der funktionierenden Volksgemeinschaft, und auf die besinnen sich alle, wenn auch jeweils individuell in ihren jeweiligen "sozialen" Blasen. Die passenden Charaktermasken werden zudem aktuell kostenlos verteilt, und wer sich dahinter nicht verbergen möchte, die oder der hat bestimmt etwas zu verheimlichen. Wie sich die Bilder wandeln, vom Vermummungsverbot zum Vermummungsgebot! Von der Kritik an den Notstandsgesetzen zur fraglosen Bejahung und Verschärfung der maßnahmehygienischen Notverordnungen.

Aber ist der kriegsartige "Not"stand vielleicht doch nur eine zu bewältigende Krise? Darf man das wirklich noch fragen angesichts so vieler Tote? Ja, nach meiner Meinung darf und muss man das fragen dürfen, auch wenn die soziale Verantwortung das Mitmachen bei der AHA-Welle gebietet. Wahrscheinlich haben wir uns schon längst unumkehrbar verrannt, sind uns in den jeweiligen Lagern spinnefeind geworden, wollen nicht mehr zuhören und noch weniger miteinander reden, weil wir doch jeweils Recht haben. Und doch ist und bleibt das Gespräch miteinander die einzige Chance zur Rettung und insofern das einzige Gebot. Dazu gehören natürlich auch Streit und Provokation, aber immer mit der inneren Richtschnur des Respektes, so wie uns dies Martin Buber zu leben gelehrt hat. Not macht erfinderisch, Wut übrigens auch, denn die drängt nach Veränderung. Die Philosophin Martha C. Nussbaum hat uns erklärt, warum starke Gefühle für die Politik so wichtig sind. Ein starkes Gefühl ist die Liebe; und besonders viel Kraft und eine starke Motivation verlangen die Demut und das tiefe Verlangen nach „Gerechtigkeit“ dabei.

„John Rawls Werk 'Eine Theorie der Gerechtigkeit' bildet den Ausgangspunkt und Nucleus ihrer Überlegungen. Die Frage ihres jüngsten Buchs 'Politische Emotionen' lautet, wie man die Politik einer gerechten Gesellschaft 'in die Herzen der Einzelnen' bringen kann. Der Autorin ist dabei bewusst, dass die Idee, politische Handlungen zu emotionalisieren, gerade in Europa die üblen Erfahrungen heraufbeschwört, die man mit dem Nationalsozialismus und den verschiedenen Faschismen gemacht hat. Ihr scheint es aber dennoch wichtig, einen Willen zum guten politischen Handeln zu stärken. Denn, so ihr Argument, wenn die Bürger nicht lernen, das Gute zu wollen, kommen vielleicht andere und lehren sie das Gegenteil.“ (Heidemarie Schumacher in https://www.deutschlandfunk.de/martha-nussbaum-warum-liebe-fuer-die-politik-wichtig-ist.700.de.html?dram:article_id=323693)

Doch zurück zu der mich aufrüttelnden Besprechung des Buches über die „Volksgemeinschaft“ von Wildt.

Die Volksgemeinschaft, das “... war kein neuer Begriff. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts diente die Gemeinschaft als Gegenbild zur Gesellschaft und ihren sozialen und konfessionellen Konfliktlinien; die Rede von der 'Volksgemeinschaft' gehörte zum Inventar der Modernekritik. In der Weimarer Republik habe fast jede Partei den Begriff verwendet, aber, so Wildt, auf ihre je eigene Weise.
Unter der NS-Herrschaft wurde die 'Volksgemeinschaft' aller Deutschen als Ziel ausgegeben. Gewalttätigkeit und Antisemitismus, der Ausschluss 'Gemeinschaftsfremder' kennzeichneten die nationalsozialistische Vergemeinschaftung.
Den Blick auf die 'Volksgemeinschaft' zu richten, bedeute nicht, dass es sie gegeben hat. Es habe sich um eine Verheißung gehandelt. Wildt sieht in ihr einen Schlüsselbegriff einer Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus. Das Politische sei, das steht im Zentrum seines Buches, nicht allein im Staat zu suchen.“ (https://www.sueddeutsche.de/politik/volksgemeinschaft-nationalsozialismus-1.4600629)


Genau dies ist eine aktuelle Erscheinung, die der Weimarer Republik nach Meinung vieler Beobachter wieder so nahe kommt. Aber Geschichte wiederholt sich nicht wirklich, in manchen Grundbedingungen ja, doch meist nur in bestimmten Nuancen. Politikverdrossenheit ist solch eine Nuance, aber das Deutschland das ich aktuell kenne, vergräbt sich nicht wie die Weimarer Republik im Phantomschmerz eines Versailler Vertrages und dümpelt auch nicht mit einer Dolchstoßlegende vor sich hin. Wir befinden uns im Aufbruch zur „Nachhaltigkeit“ einer völlig neuen und durchaus revolutionären „Ideologie“. Dabei ist vorerst nichts unbestimmter als diese Nachhaltigkeit bei allem und jedem, aber der zentrale Impetus heißt doch nur: „Nicht weiter so!“ und aus dem „Nehmt Rücksicht auf die Umwelt!“ sollte eigentlich ein ebenso vehementes „Nehmt Rücksicht aufeinander!“ entspringen. Erst wenn diese Verzahnung gelingt, wird aus der Entartung des Menschen durch die kapitalistische Kolonialisierung von Natur und Lebenswelt ein wirklich lebenswerteres Miteinander. Die große Gefahr dabei ist allerdings, dass das Rücksichtnehmen aufeinander mit oder ohne verschärfter gegenseitiger Kontrolle erfolgen kann, und letztere ist leider sowohl politisch als auch sozial im quasimilitärischen "Vormarsch". Corona hat uns alle irgendwie näher zueinander gebracht, aber merkwürdigerweise in getrennten Kohorten. Jetzt gilt es dies politisch gerade auch international zu wenden, und nicht weiter im neu erwachten nur noch nationalen oder gar regionalen Gemeinsinn dahinzusiechen und in gegenseitiger und staatlicher Kontrolle dabei zu ersticken.

Das Fazit von Wildts Buch sei nach Meinung der klug rezensierenden Autorin: „Es sei an der Zeit, sich vom Volksbegriff zu verabschieden. Zentral für die Integrationsformel von der ‚Volksgemeinschaft‘ sei die Arbeit gewesen: Nur wer arbeitsfähig war, hatte einen Wert, Arbeit bedeutete ‚Dienst an der Volksgemeinschaft‘. So heißt es in einer von Hitler 1934 unterschriebenen Verordnung: ‚Das Ziel der Deutschen Arbeitsfront ist die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen.‘ Zugleich sei Arbeit Teil der Verfolgungspraxis der Nationalsozialisten gewesen, wie Wildt etwa anhand der Zwangsarbeit deutlich macht, die Jüdinnen und Juden verrichten mussten.“ (https://www.sueddeutsche.de/politik/volksgemeinschaft-nationalsozialismus-1.4600629)

Genau diese Verfolgungspraxis kehrt aktuell wieder zurück unter den „positiven“ und „konstruktiv“ materiell begüterten und eher gebildeten Mitgliedern der neuen Volksgemeinschaft. Da wird das Negativbild des faulen, desintegrierten und nutznießenden Arbeitslosen im Hartz IV-Netz konstruiert, anstatt dessen ursächliche Deprivierung in Bildung und Erziehung als die nach wie vor zentrale Ursache zu begreifen. Wir haben scheinbar keine Geduld mehr für die Dummheit, die aus mangelnder Bildung erwächst.

Zum Altar der Nachhaltigkeit zu schreiten, bedeutet zum Gottesdienst nur noch die Priester, Ministranten und frömmelnden Witwen in den ersten Reihen der Nachhaltigkeitskirche zuzulassen. Die anderen sollen möglichst unverstanden gemaßregelt werden, weil sie den Zug der Zeit nicht verstanden haben.

Nachhaltigkeit ist aber in Wirklichkeit eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der zumindest schon einmal politisch die Mehrheit der Bürger mitgenommen werden muss. Und da die Abweichler von der Nachhaltigkeit, selbst wenn sie in der Minderheit bleiben, auch als politisch „überstimmte“ Konsumenten weiterhin das Gesamtziel gefährden, ist die zentrale Aufgabe, eben nicht mehr nur machtpolitisch mit neuen Koalitionen zu regieren und andere dabei zu "überstimmen", sondern durch Bildung und Erziehung (nach Einsicht und durch Einsicht) für einen möglich wachsenden Kreis von davon überzeugten "Mitmachern" zu sorgen.

Hier aber muss die Politik versagen, weil sie genau dieses nicht leisten kann, und hier beginnt das Gespräch. Dieses darf dann aber nicht bigottes Biedermeier bleiben, sondern sollte uns alle in die Agora des gleichberechtigten Teilhabens mit einbeziehen. Dies wird auf Dauer nur durch neue „Techniken der Gemeinsamkeit“ als wirklich neue Problemlösungen möglich sein. Die Glasfaserisierung der Menschheit ist dabei aber nicht gemeint. Alle reden von der Digitalen Wende, dabei ist diese aktuell ebenso desorientierend wie die ursprünglich kapitalistische zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Kapitalismus und auch die Digitalisierung und Computerisierung des Alltags waren durchaus schon an sich ein historischer Fortschritt. Jetzt aber müssen wir in neuen Gemeinsamkeiten lernen diese auch mit neuen Inhalten zu füllen. Demut und Toleranz sind die Postulate, die der Vergemeinschaftung vorausgehen. Wir müssen als Privilegierte in den Industrieländern lernen mit weniger mehr zu leben, und dies auf allen Ebenen, damit die Benachteiligten durch neuen Wohlstand die Einsicht gewinnen, dass letzterer nicht beliebig vermehrbar ist sondern nur kreativ klug und sinnvoll verteilt werden kann. Lasst jetzt den "Dummen" beim Wohlstand den Vortritt, denn letzterer "bildet" auf Dauer quasi von alleine.