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Winter adé, scheiden tut weh ...


 

Winter, ade!
Scheiden thut weh.
Aber dein Scheiden macht,
Daß jetzt mein Herze lacht.
Winter, ade!
Scheiden thut weh.

Winter, ade!
Scheiden thut weh.
Gerne vergess’ ich dein;
Kannst immer ferne sein.
Winter, ade!
Scheiden thut weh.

Winter, ade!
Scheiden thut weh.
Gehst du nicht bald nach Haus,
Lacht dich der Kuckuck aus.
Winter, ade!
Scheiden thut weh

(Hoffmann von Fallersleben, um 1819)

 

Der scheidende Winter ist ins Gerede geraten. Während Hoffman von Fallersleben noch die Vorfreude auf den Frühling im scheidenden Witer thematisierte, hat uns die Klimakrise jetzt in ein neues Nachsinnen darüber gestürzt, ob der "leidige" Winter mit all seinen negativen Begleiterscheinungen nicht auch etwas Schönes und Gutes haben könnte, und sei es nur seine schnee- und eisbedeckte Romantik.

 

 

So könnte das neue Gedicht eines ebenso wie Hoffman von Fallersleben naturliebhabenden Dichters als Umdichtung inwischen wie folgt lauten:

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
denn das Schnee Schmelzen macht,
dass mir jetzt fehlt Deine Pracht.
Winter, ich fleh'!
bring wieder Schnee!

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Nie mehr vergesse ich dein;
Kannst mir kaum näher sein.
Winter, ich fleh'!
bring wieder Schnee!

Winter, ade!
Scheiden tut weh.
Gehst du zu schnell aus dem Haus,
Leben wir Menschen mit Graus.
Winter, ich fleh'!
bring wieder Schnee!

Dabei sind die Leiden des Winters immer noch im Bewusstsein der Menschheit und Putin hat uns die Angst vor der östlichen Kälte wieder in die Herzen und Seelen der Menschen zurück gebracht.

 

 

Wer sich mit dem "bösen" Winter beschäftigt, wird durch allerlei Merkwürdiges überrascht sein. So könnte man eigentlich vermuten, dass der Winter gerade für den Straßenverkehr besonders gefährlich sei, dem scheint aber nicht so zu sein: "Während der kalten Wintermonate gibt es weniger Verkehrstote in Deutschland als in den warmen Sommermonaten. Das ist auf den ersten Blick überraschend, denn die Vermutung liegt ja nahe, dass widrige Witterungs- und Straßenverhältnissen zu mehr Todesopfern im Verkehr führen würden. Dass dem nicht so ist, könnte laut Statistischem Bundesamt daran liegen, dass viele Autofahrer bei schlechten Straßenverhältnissen vorsichtiger und langsamer fahren. Wenn Autofahrer im Sommer genauso umsichtig fahren wie im Winter, würde sich die Zahl der Verkehrstoten möglicherweise noch einmal merklich reduzieren." (Quelle: https://de.statista.com /infografik/12745/zahl-der-verkehrstoten-in-deutschland/)

Früher stöhnten die Hausbesitzer unter der Verpflichtung die Gehwege vor dem Haus vor allem mit Streusalz begehbar zu machen (Winter adé, oh bitte geh!), heute trauern wir den Zeiten nach, in denen vorsorglich spätestens im Herbst auch noch eigene Schneeschuhe dazu beschafft werden mussten.

Ist doch herrlich, wenn die Natur inzwischen selbst dafür sorgt, dass die Umwelt nicht weiter mit Streusalzen verpestet werden muss:

"Beim Streuen auf innerörtlichen Straßen mit Regen- oder Mischwasserkanalisation fließt das Streusalz mit dem Schmelzwasser in das Kanalsystem ab. Nach Durchlaufen der Kläranlage gelangt es in Bäche oder Flüsse. Es kann auch direkt mit Schmutzwasser in Oberflächengewässer eingeleitet werden. Das passiert auch bei Überlastung der Mischwasserkanalisation. Auf überregionalen Straßen dringt im Mittel etwa die Hälfte des Salzes über die Luft (mit verspritztem Schnee oder Wasser) in die Straßenrandböden ein. Der Rest kommt mit dem Schmelzwasser in die Straßenentwässerung und wird – wie die übrigen Abwässer – entweder versickert oder über Rückhalte- beziehungsweise Filterbecken in Oberflächen-gewässer eingeleitet. Streusalz kann am Straßenrand wachsende Pflanzen schädigen. Gelangt das Salz mit verspritztem Schnee oder Wasser direkt auf die Pflanzen, kommt es zu Kontaktschäden (zum Beispiel Verätzungen der Pflanze). Noch entscheidender: Das mit dem Schmelzwasser versickerte Streusalz kann sich in Straßenrandböden über viele Jahre anreichern. Schäden an der Vegetation zeigen sich daher oft erst zeitverzögert. Bei einem überhöhten Salzgehalt im Boden werden wichtige Nährstoffe verstärkt ausgewaschen und die Aufnahme von Nährstoffen und Wasser durch die Pflanzen erschwert. Feinwurzeln von Bäumen sterben ab, so dass die lebenswichtige Symbiose mit Bodenpilzen (Mykorrhiza) leidet. Es kommt zu mangelnder Wasserversorgung und zu Nährstoffungleichgewichten. Bei Laubbäumen führt dies zu Aufhellungen an den Blatträndern im Frühsommer, die sich zunehmend zur Blattmitte ausdehnen und braun verfärben, Blattrandnekrosen sowie zu vorzeitigem Laubfall. Langfristig führt eine solche Mangelversorgung zu einer verstärkten Anfälligkeit der Pflanzen gegenüber Krankheiten und zu ihrem vorzeitigen Absterben. Die Schäden sind im Allgemeinen umso gravierender, je näher die Pflanzen an den Straßen und Wegen stehen. Besonders betroffen sind daher zum Beispiel Pflanzen an Fußwegen oder in Alleen. Da Alleenbaumarten wie Ahorn, Linde und Rosskastanie zudem salzempfindlich sind, sind sie besonders gefährdet. Neben Schäden an der Vegetation können hohe Salzgehalte die Stabilität des Bodens beeinträchtigen (Verschlämmung) und Bodenlebewesen schädigen. Die Salze greifen daneben auch Materialien zum Beispiel von Fahrzeugen und Bauwerken an. Betonbauwerke leiden wegen der korrosiven Wirkung der Salze auf die darin enthaltene Eisenbewährung. Auch bei Ziegelbauwerken können Zersetzungen auftreten. Das ist besonders bei Baudenkmälern problematisch, weil das Salz nach dem Eindringen nicht mehr aus dem Mauerwerk entfernt werden kann." (Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/haushalt-wohnen/streumittel-streusalz#hintergrund)

 

 

Ähnlich zynisch war mein "running gag", den ich Anfang der 80er Jahre als Dozent gerne in meine Vorlesungen eingebaut habe, um auf die Verschmutzung der Welt durch unbedachten Konsum aufmerksam zu machen (Damals war nicht CO2 das große Thema sondern Halone und FCKW, die dann Mitte der 90er Jahre endlich für zahlreiche Anwendungen verboten wurden): Ich sagte zu meinen StudentInnen: "Am liebsten stehe ich nach meinem Zuzug nach Berlin auf meinem Balkon und versprühe FCKW-haltige Sprays aus Dosen, damit ich in Berlin endlich für ein mediterranes Klima sorgen kann, das mir deutlich lieber ist." Ebenso gut erinnere ich mich daran, dass sich meine kleine Tochter damals oft mit Tränen dagegen sträubte sich von unserer Wohnung in die im Winter oft eiskalte "Berliner Luft" nach draußen zu begeben. Im Winter verirrt man sich eben nun einmal ungern auf ungastliche Straßen, vor allem dann, wenn man dabei auch noch wegen der Verkehrsverhältnisse im Stau stehen muss.

An Staus in Mobilitäts- und "Konsumnot" haben wir uns jedoch inzwischen längst gewöhnt. Corona ließ uns in Schlangen mit Masken verkleidet zwar "Abstand" voneinander halten, aber die Ängste vor Energie- und Konsumengpässen sind vor allem in den letzten beiden Jahren allgemein gewachsen. Die Tage sind nicht vergessen, in denen die Prepper dieser Welt in Sorge vor dem Ausfall von Toilettenpapier und Frittieröl die Regale leer gekauft haben. Freund Putin steigerte noch die Besorgnis, dass das bisher so gut und "sicher" funktionierende Versorgungskartell des Wohlstands und die dafür nötigen Infrastrukturen schneller zusammenbrechen könnten, als wir bisher meinten. Während die Schlangen vor den Geschäften noch zu den Besonderheiten der DDR zu gehören schienen, sind sie längst auch im Westen angekommen. "DDR: everywhere!" Wir warten geduldig vor den Postschaltern und DHL-Abholstationen, um unsere oft minimalen Bestellungen hyperverpackt in Empfang zu nehmen. Bei milden Wintern kommt jetzt Freude auf, weil der Gas-, Benzin-, Heizöl- und Stromverbrauch dabei jeweils zurückzugehen scheinen.

Wir haben inzwischen auch begriffen, dass unsere Konsumgier anders als der scheidende Winter mit seinen Schmelzwassern keine Schneelawinen mehr auslöst. Unsere Lawinen sind neuerdings vielmehr die Verpackungslawinen geworden, die von den Ladeflächen und Containern der Transport-LKWs der Müll"entsorger" direkt in die Verbrennungsanlagen wandern und dort als moderner Lawinenabgang hineinrutschen.

Es ist ein "schmutziger" oft kalter Winter geworden auch in den Beziehungen unter den Menschen, wo eigentlich mehr zwischenmenschliche Wärme Not täte, und dennoch beginnen wir bereits zu Recht dem Winter in gewisser Weise nachzutrauern.

 

 

Wenn sich der Winter immer mehr verabschiedet, und die Schneegrenze um 400 m nach oben steigt, dann müssen wir Skifahrer auf die Spitzen der Gletscher ausweichen, wo wir uns dann zwangsläufig noch mehr vor den Liften drängen. Und auch die Gletscher sollen ja bereits im Begriff sein vor lauter warmer Zuneigung zu uns Wohlstandsmenschen hinwegzuschmelzen.

Kein Abrieb von sperrigen Winterreifen mehr auf den Straßen, ein Satz Hartgummi trägt uns dann durch das ganze Jahr. Kein zweiter Koffer mehr voll Winterkleidung in unseren sommerlichen Kleider- und Schuhschränken. Balkone und Terrassen können ganzjährig genutzt werden, und die Menschen tauen ebenfalls für immer auf; denn selbst der eigenverliebte Berliner sieht sich nicht mehr gezwungen für mehrere Monate sein griesgrämiges Wintergesicht aufzulegen.

Wer aber das Gefühl für die Schönheit von Schnee und Eis endgültig verloren hat, der gehört wohl eher zu denjenigen, für die Urlaub und Erholung nur noch aus dem schweißigen Dämmern braun-rot verbrannt auf Liegestühlen an Pools und Stränden im Kontext der mallorquinischen 5-Sterne-Bordelle bestehen, und nicht mehr in der beschaulichen Wanderung durch den romantischen Winterwald.

 

 

Meine Frau und ich sind noch kürzlich über den Jahreswechsel 2022/2023 nach Nordschweden gereist, gerade um dort noch einmal "richtigen" Winter zu erleben, von dem auch die Bilder auf dieser Seite stammen; doch auch dort trafen wir eine besorgte ältere Frau, die anders als unser Klischee vom ewig kalten Winter dort sagte, mehr oder weniger haben sich die Menschen auch "bei uns", also in Lulea, von einem romantischen schneebedeckten Weihnachtsfest über die letzten Jahre verabschieden müssen.

Und dann kommt mir noch eine ganz andere Geschichte in Erinnerung. Zum Abschluss meines Studiums in den USA unternahm ich noch mit einem damalig guten Freund eine Reise durch Mittelamerika. Ich erinnere mich noch wie heute daran, dass mich ein Indio in einem Bus eng zusammengepfercht zuerst nach meinem Einkommen fragte, das damals aus einem Stipendium des deutschen Begabtenförderungswerkes in seiner Höhe auch für mich als vorherigem "Bettelstudent" mit mehr als 1000 Dollar pro Monat schon erstaunlich hoch lag, was ihn allerdings - mit einem Tages-einkommen von um die 3 Dollar - damals bereits beinahe vollständig umgehauen hat, und mir zudem in gewisser Weise im Vergleich zu einem solchen alleinverdienenden Familienvater auch in gewisser Weise peinlich war. Dann allerdings fragte er ganz neugierig und sympathisch auch noch danach, ob ich ihm einmal "den Schnee" beschreiben könne, weil er einiges darüber gelesen habe, aber selbst noch nie im Schnee gewesen sei. Ja, Schnee kann in uns Menschen sehr wohl nicht nur unzugängliche Straßen, und Winter nicht nur Eiseskälte bedeuten; der Winter bringt seine eigene Romantik und auch eine beschauliche Sinnlichkeit mit sich. Schnee ist ein bewahrenswertes Kulturgut, das eigentlich auf die Welterbeliste gehörte. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es sich nicht längst schon dort befindet.

Inzwischen spricht man, was eigentlich wichtiger ist als die Fähigkeit Schneearten zu unterscheiden, von "Schneearmut" in Europa.

"Schneearmut: Apere Skigebiete im gesamten Alpenraum, 4. Jänner 2023, 12.33 Uhr,
Ungewöhnlich hohe Temperaturen und wenig Niederschlag – beides zusammen führt dazu, dass zum ersten Höhepunkt der Wintersaison das Skifahren großteils auf dem Schneeband im vielfach aperen Bergambiente stattfindet. Den Schneemangel gibt es freilich nicht nur in Österreichs Skigebieten, sondern im gesamten Alpenraum, wie ein Blick von Frankreich bis Österreich zeigt. (Quelle: https://www.heute.at/g/schneearmut-und-apere-skigebiete-in-den-alpen-100247480)

Werden wir uns also auf Dauer vom Naturschnee verabschieden müssen, und bleibt nur noch der "Kunstschnee" für unsere sportlichen Aktivitäten? Nein, sicher gilt das nicht so in seiner Absolutheit; denn bevor der Schnee insgesamt schmilzt, schwindet der Mensch. Und dann ist es zumindest für mich als Humanisten auch relativ egal, ob dann nur noch der Schnee bleibt. Aber der Winter, so wie wir ihn kennen und in unsere Kultur auch eingebaut haben, der ist und bleibt bewahrenswert, auch wenn sich niemand als Alternative eine Eiszeit zurückwünschen kann und sollte.

Anders als in den aktuellen Nachrichten, hatte das Wort "Schneefrei" für mich früher immer einen guten Klang, denn es bedeutete in meiner Kindheit in Unterfranken, dass man unter gewissen winterlichen Umständen für einige Zeit nicht mehr zur Schule musste und stattdessen im Schnee Sport treiben oder spielen durfte.

Schnee war für uns Kinder ein Paradies zu dem ganz selbstverständlich auch der Schneemann gehörte, der für moderne Kinder inzischen immer mehr zu einer nur noch kitschigen Gestalt aus zuckrigem Naschwerk entartet.

Nicht erst seit dem Kultfilm "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" gehört zum Alltagswissen der Menschen die Weisheit, dass man nicht nur pulverigen, feuchten, matschigen, klebrigen oder eisigen Schnee wie wir Skifahrer unterscheiden kann, sondern dass "die Eskimos" oder die Inuit weitaus mehr Differenzierungsvermögen als wir für die "weiße Pracht" haben. Dennoch aber hält sich der falsche Mythos von den "50 words for snow" hartnäckig entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnis im Alltagsbewußtsein der Menschen; wohl deshalb, weil Schnee einfach einzigartig und vielfältig sein kann.

 

 

"Hunderte Wörter für Schnee: Das klingt exotisch und für Menschen, die fast ihr ganzes Leben umgeben von Schnee und Eis verbringen, wie die Inuit zumindest nicht auf den ersten Blick unlogisch. Nichtsdestotrotz ist es vor allem eins: Unsinn. Bereits in den 1980er-Jahren haben Sprachwissenschaftler gegen diesen Mythos angekämpft und waren immer wieder verzweifelt. So beschreibt es Geoffrey Pullum in seiner Veröffentlichung von 1989: 'The great Eskimo vocabulary hoax'– zu Deutsch etwa 'Der große Eskimo-Schnee-Schwindel'. Wort- und geistreich vergleicht er das immer wieder auftauchende Gerücht von den hunderten Schneewörtern mit dem Film 'Alien'. Egal wie viele fiese Aliens Sigourney Weaver oder die anderen Astronauten umbringen, irgendwo erscheint immer wieder ein neuer Angreifer. Zeit, dass wir damit aufräumen. Deshalb gibt es hier die wichtigsten Antworten: Woher kommt das Gerücht? Der Ursprung der Geschichte liegt offenbar in zwei Veröffentlichungen aus den Jahren 1911 und 1940. Geoffrey Pullum beschreibt in seinem Artikel im Fachmagazin 'Natural Language and Linguistic Theory' von 1989 sehr genau, wie eine Theorie von Benjamin Lee Whorf, Brandschutzinspektor von Connecticut und Wochenend-Sprachliebhaber, in die Welt kam, die den Hoax prägen sollte. ... Vielleicht drei, vielleicht zwölf (?, der Verf.) Nein, Inuit oder andere Völker der eskimo-aleutischen Sprachen haben nicht hunderte Wörter für Schnee. Im Grönländischen etwa finden sich drei Allgemeinbegriffe und einige Unterbegriffe, im Alaska-Yupik könnten es zwölf sein ..." (Quelle:https://www.mdr.de/wissen/hoax-inuit-woerter-fuer-schnee100.html")

Ob richtig oder falsch, ist doch eigentlich egal, und letztlich "Schnee von gestern". Wichtig ist und bleibt, dass wir alles unternehmen, was wir tun können, um so zu handeln, dass uns der Schnee, zumindest dort wo er tatsächlich einmal war, und auch der manchmal durchaus unangenehme Winter an sich erhalten bleiben. Wenn nur noch das Koksen der Eliten als Erinnerung an Schnee übrig bleibt, dann wird die Menschheit den Kampf um den Erhalt der notwendigen Natur eh' schon verloren haben.