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Ich liebe "Zungen" -
und auch sonstige
wenig entdeckte Innereien

 

Wandmalerei in Tel Aviv

 

Ich esse gerne Zunge.

In unserer Familienchronik gibt es eine geeignete Anekdote dazu: Eine meiner Verwandten, deren Namen ich hier natürlich nicht nennen darf und werde, weil man Menschen, die man ansonsten eher weniger wertschätzt, nicht öffentlich identifizierbar verunglimpfen sollte, ist eine geniale Köchin. Sie hat mir früher mehrmals eine phantastisch lecker zubereitete Zunge in Madeira serviert, wodurch ich überhaupt erst auf den Geschmack gekommen bin. Nennen wir sie also aus den genannten Gründen: „Petra“. Und ich habe auf den Familienfesten dann gerne kolportiert, dass ich verliebt in „Petras Zunge“ sei, wobei dann immer auch eine inzestuöse Komponente der Komik halber mitschwang.

Da ich des Portugiesischen nicht mächtig bin, und auch trotz meiner guten Französischkenntnisse und minimaler schulischer Spanischkenntnisse aus der durchschnittlichen Mittelung des jeweiligen Lautsinns der beiden Idiomgeber Französisch und Spanisch, die oft dem Portugiesischen Wortsinn nahe kommt, die Speisekarte in Porto nicht lesen konnte, zeigte ich bei der Bestellung einfach auf einen Teller am Nachbartisch, auf der ein einladendes Würstchen in einer hellen Kräutersauce zu liegen schien. Als mir die Speise dann serviert wurde, und ich den ersten Bissen in den Mund nahm, daran erinnere ich mich noch heute, hatte ich das ekligste Stück Fleisch im Mund, das ich jemals heruntergewürgt habe. Die weich-schlabberige Konsistenz war - ergänzend durch die Nachfrage danach beim Kellner, was das denn wohl gewesen sei, umso erschreckender. Ich hatte, ohne es allerdings zu wissen, ein Stück traniger Zitze vom Kuheuter verspeist. Dazu sollte man wissen, dass früher in Porto häufig das „gute“, feste haltbarere Fleisch - meist geräuchert oder getrocknet - den kolonialen Handelsschiffen mit auf die Fahrt gegeben wurde, und sich deshalb besonders in Porto mit den „Tripeiros“ eine eigene kulinarische Eingeweidekultur herausgebildet hat. Eingeweide müssen relativ frisch gegessen werden. Das ist ihr gewisser Vorteil. Dabei sind die „Tripas a modo de porto“ an sich vorzüglich, und haben den Einwohnern von Porto den Spitznamen „Tripeiros“ beigebracht, was so viel wie „Eingeweidefresser“ heißt, wozu ich mich inzwischen um so lieber bekenne und zähle, auch wenn ich meinen Fleischkonsum an sich aus anderen Vernunftgründen in den letzten Jahren insgesamt deutlich eingeschränkt habe.

Meine Leidenschaft für die Eingeweide zeigte sich schon sehr früh als ich als frankophiler Spätentwickler meine "erste" hoch erotische Freundin auf einem von einem kommunistischen Bürgermeister geführten Campingplatz in Südfrankreich kennen lernte, und mir nach einem Tanz auf einem wunderbar romantischen typisch französischen Volksfest in unserem gemeinsamen Zelt auf feuchtnassem Untergrund meine Nieren schwer verkühlte. Die Franzosen sind ja - fast wie die Chinesen - im Verzehr von Speisen nicht zimperlich und noch heute bin ich ein begeisterter Liebhaber von „rognons de veau au vin blanc“, mit denen ich inzwischen gute Freunde erst gerne erschrecke und dann als Koch dennoch zu verzücken vermag. Nun musste ich - zurück zur Geschichte - in Frankreich mit meinem damals noch redebrechenden Französisch (mit zudem hartem Straßburger Dialekt) zu einem französischen Arzt gehen, um meine Erkrankung heilen zu lassen. Als ich dem Arzt mein Leiden an meinen „rognons“ auf französisch erklärte, brach dieser sofort in herzhaftes Lachen aus, was mich damals sehr irritierte. Kurzum, die menschlichen Nieren heißen auf Französisch „reines“ und nur das kulinarische Pendant dazu nennt man dort „rognons“. Ich hatte mir also in den Augen des Arztes entweder meine Hühnernieren oder meine Kalbsnieren verkühlt.

In Berlin gibt es ein „exotisches“ fast schon exoterrestrisches Restaurant, in dem man in Hinsicht auf diese Leidenschaft auf „Herz und Nieren“ geprüft wird. Dazu zählt dann aber auch wohl meine geliebte Zunge. Den kulinarischen Tipp dazu erhielt ich übrigens aus einer Fernsehdokumentation, in der die Zuschauer dazu aufgefordert wurden aus ökologischen Gründen mehr Zunge zu essen; denn von unseren Haustieren, wird ein viel zu hoher Anteil entweder zu Seifen und Kosmetika verwandelt, in Form von Resten in Billigwürste gestopft oder gar weggeworfen. Dabei kann man in Deutschland auf der Plattform „Kauf ne Kuh“ inzwischen sogar am scheinbar ständig wachsenden Trend des „Crowd-Butching“ teilnehmen, und zum Zwecke des Individualverzehrs auch die eher weggeworfenen Teile eines Tieres bis hin zu den Eingeweiden kaufen. Erschreckend ist, ganz allgemein gesprochen, dass viele leckere Innereien so billig geworden sind, weil scheinbar wertlos.

Eine Packung billigster Hühnerherzen ist schon pervers genug, wo doch früher das einzelne Herz eines geschlachteten Tieres entweder nur dem Stammesvater oder dem Häuptling zustand, und die oft singulären Innereien angesichts des Fleischberges eines ganze Opfertieres zumeist nur von den Priestern oder den Vestalinnen, die die ewigen Feuer pflegten, verspeist werden durften.

Es gibt allerdings auch Menschen, die nach solchen Gerichten zu Zungen-brechern werden. Schläft man nach einem guten Essen ein, und beginnt dann sogar zu Schnarchen, dann bedient man sich heutzutage aus medizinisch therapeutischen Gründen eines „Zungen-schrittmachers“. Die Zunge liegt eben nicht nur bei den so gradlinig dummen Corona-Leugnern „quer“. Und Auseinanderset-zungen darüber scheinen inzwischen der gesamten Deutschen Volksgemeinschaft eher zu schaden.

Um den Alltag angenehm bewältigen zu können, brauchen manche Menschen als Drogen „High“-zungen, noch besser aber, weil normaler und nützlicher, wärmen sie sich während des Essens an ihren Hei-zungen.

Es gibt Menschen, die gerne aufrecht stehen oder gehen, und es gibt solche, die bevorzugen eher Sit-zungen nicht nur beim privaten Essen sondern auch in der Öffentlichkeit. Die entscheidenden Sit-zungen zuhause finden allerdings meist erst Stunden nach dem Essen von Innereien statt.

Politiker gehören zu den Menschen, die öffentlich auf dem Eis gut zu tanzen vermögen. Auch wenn sie, wie in der Corona-Krise, ihre Pirouetten oft auf nur dünnem Eis drehen müssen. So unterscheidet man (wie beim Eistanz) in der Politik die Pflicht und die Kür. Für die Pflicht entwickeln und fördern Politik und Justiz Sat-zungen. Die Spitze politischer Leistungen aber nennt man Kür-zungen. Diese gilt es aber - anders als bei dem ursprünglichen Wintersport des Eiskunstlaufens - so scharf-züngig zu verbergen, dass man durch die Ästhetik der Bemerkungen geradezu verzückt die eigentlichen Redetalente unter Politikern zu entdecken vermag. Aus Kür-zungen werden dann meist „alternativlose“ Reformen oder gar Investitionen in die Zukunft.

Ähnlich verhält sich das auch in der Landwirtschaft mit den großen Pflan-zungen. Ökologisch sinnvoller ist zwar meist eher das Kleinteilige, Regionale und spezifisch Besondere; preiswerter und ökonomischer hingegen bleibt vorerst noch (vor einer wissenschaftlichen Weiterentwicklung) die industrielle Platzierung der Pflanzen auf entsprechend großen und eintönigen Flächen. Solche Monotonie führt dann ganz zwangsläufig zu Verschmut-zungen der Landschaft, wie auch oft die daran geknüpften Dünger die Gewässer und die Meere verunreinigen. Rei-zungen der Haut und Allergien, die bei der Anwendung sowohl bei den Bauern als auch bei uns Konsumenten in der Folge entstehen, scheinen im Rahmen des Krieges gegen die Insekten eher unvermeidlich zu sein.

Politiker sorgen dann gerne für die von der Agrar- und Pharmalobby gewünschten Fristausset-zungen, aber natürlich nur um uns vor voreiligen Fehlurteilen und verfrühten Entscheidungen zu schützen. Man könnte dies auch als Chamäleons-zungen für die Industrie nennen. Milliardenunterstüt-zungen für die an der Coronakrise erkrankten Gewerke und Industrien sind dann ganz selbstverständlich die Folge, weil Entscheidungen für eine sauberere Umwelt zu lange auf sich warten lassen, obwohl die Umwelt- und Klimakatastrophe doch eine der Hauptursachen für moderne Pandemien ist. Korrigiert werden die wirtschaftlichen Daten der Fehlentwicklungen dann wiederum ergänzend mit nie enden wollenden Steuerschät-zungen, die uns nahelegen sollen, dass wir doch nach wie vor auf der sicheren Seite sind, ohne sofort etwas Grundsätzlich zu verändern. Ein „Frühchen“ in Form einer revolutionären Änderung und Erneuerung ist ja - schon medizinisch nachweisbar - oft weniger lebensfähig. Mit Engels-zungen dagegen zu argumentieren zeugt von infantiler Naivität. Nur eine Greta vermag es dann noch ihr „Herz auf der Zunge“ zu tragen. Mit seiner Ochsen-zunge rückt der Nürnberger bayrische Ministerpräsident danach aber wieder alles zu recht(s). Er gibt dem Bürger mit Maske einen präsidialen Zungen-kuss, und schon ist für uns biedere Mitläufer wieder alles in seiner Ordnung.

Die Medien sorgen dann, manchmal auch nur als Hofstaat und Claqueure der Reichen und Mächtigen, für die notwendigen Einschät-zungen, wobei man sich als Rezipient dabei auch vor den Fehleinschät-zungen hüten sollte. Gefährlich ist es, wenn dabei in der Beurteilung von Phänomenen durch einen entsprechenden Populismus unangemessene Abkür-zungen genommen werden. Besonders problematisch ist dies, wenn man dann selbst in der Bewertung von sogenannten „Fakten“ von falschen Vorausset-zungen ausgeht. Auf diese Weise kann es sogar zu Verlet-zungen von Seele, Herz, Hirn oder Verstand kommen. Solche Grenzverlet-zungen tauchen aber höchst selten auf. Und dann kann man ja auch immer auf die Fortset-zungen verweisen, die letztlich alles harmonisch zum Guten auflösen.

Vereinzelte Sportverlet-zungen sind da schon weitaus häufiger, und die häufigste Form der gegenseitigen Verlet-zungen nennt man landläufig „Ehe“. Insofern genieße ich neben der Zunge von Kälbern - weniger kulinarisch als vielmehr erotisch und durch andere Gefühle noch weit darüber hinausweisend - das gleichnamige Organ meiner geliebten Frau; denn Frauen sollen ja bereits im Paradies von einem „züngelnden“ Wesen zum Verschenken von Äpfeln verführt worden sein, an denen schon mancher Mann nicht nur allergisch mit seiner Zunge im Mund oder Hals erstickt sein soll.

Die Seite „aphorismen.de“ bringt es übrigens auf 425 Zitate und 85 Gedichte zum Thema „Zunge“, und das ist ja schließlich nur eine sehr begrenzte Auswahl aus der Welt der Literatur, Politik oder Philosophie. An der Zunge kommen wir also irgendwie alle nicht vorbei. Die Zunge prägt unser Leben. Aber böse Zungen behaupten: "Das mit der Zunge sei eigentlich doch nur alles Quatsch!"